Der aus Hastings in England stammende DJ und Produzent hat zweifelsohne Legendenstatus in der Welt der Musik. Bereits Mitte der 1980er-Jahre begann John Digweed, damals im zarten Alter von 15 Jahren, seine ersten Schritte im elektronischen Kosmos zu gehen. 1994 veröffentlichte er gemeinsam mit dem heute ebenfalls bekannten Sasha die erste Ausgabe der „Renaissance Compilation“ und damit die erste offiziell vermarktete Mix-Compilation aller Zeiten. Nur wenige Jahre später lancierte Digweed sein Label Bedrock. Im Laufe der Jahre avancierten sowohl er als Künstler zu einem der bedeutendsten Akteure der Szene als auch das Label anhand einer beeindruckenden Diskografie zu einer der wichtigsten Adressen der Dance-Szene, die bis heute regelmäßig erfolgreiche Releases vorweist. Nun feiert der Brite, der mit seiner legendären Radioshow „Transitions“ jede Woche über 14 Millionen Menschen erreicht, das 25-jährige Bestehen von Bedrock. Passend dazu lanciert er eine Doppel-Compilation mit dem Titel „Futuro“ mit Tracks von gestandenen Künstler*innen wie etwa Bushwacka, David Morales und Rodriguez Jr. sowie aufstrebenden Shootingstars wie 8Kays, Raxon und Of Norway. Darüber hinaus zeichnet John Digweed für den offiziellen FAZEmag-DJ-Mix in diesem Monat verantwortlich.John, wie war dein Jahr 2023 bisher?
Ich hatte ein großartiges Jahr 2023 bis dato. Meine Gigs waren großartig, die Releases auf Bedrock waren wirklich stark und Nick Muir und ich haben einige tolle Kollaborationen mit Leuten wie Franky Wah und Captain Mustache gemacht. In den letzten Wochen des Jahres stehen noch ein paar tolle Gigs und eine große Silvesterparty an.
Herzlichen Glückwunsch zum 25-jährigen Bestehen von Bedrock, was für ein Meilenstein!
Vielen Dank! Wenn man mir vor 25 Jahren, als wir das Label gegründet haben, gesagt hätte, dass es nach einem Vierteljahrhundert immer noch läuft, hätte ich das nicht geglaubt. Bei dem Label ging es immer darum, neue und aufregende Musik zu finden und aufstrebende Talente und etablierte Namen gleichermaßen zu präsentieren. Ich bin wirklich stolz auf das musikalische Erbe, das dieses Label bislang erschaffen hat, und darauf, wie sehr es von allen respektiert wird. Es erfordert viel Zeit, Passion und Mühe mit unserem sehr kleinen Team, aber wir sind sehr leidenschaftlich bei jedem Aspekt, vom Design bis zu den Tracks, die wir signen.
Erinnerst du dich an die Anfänge um 1998 herum, als das Label an den Start ging?
Überall, wo ich hinkam, gaben mir die Leute Platten und CDs mit Tracks, an denen sie arbeiteten, und fragten mich, ob ich wüsste, bei welchem Label sie signen könnten. Nach einer Weile dachte ich mir, warum gebe ich diese Tracks an andere Label weiter, wenn ich doch lieber mein eigenes gründen und sie selbst veröffentlichen könnte. Die erste Veröffentlichung war „Heaven Sent“, ein Track, den Nick Muir und ich zum Abschluss einer monatlichen Nacht im Heaven gemacht hatten, einer fantastischen Clubnacht. Ich wusste, dass es der perfekte Track war, um das Label zu gründen und wie man so schön sagt, ist der Rest Geschichte. In den letzten 25 Jahren gab es eine Menge unglaublicher Musik mit einigen tollen Compilations und fantastischen Alben.
Die Diskografie auf dem Label ist beeindruckend und umfasst viele sehr erfolgreiche Releases. Welche waren deiner Meinung nach die größten Meilensteine?
Es gibt so viele Titel auf dem Label, dass es schwer ist, ein paar herauszupicken. Ich möchte auch keinen der Künstler*innen verärgern, die das hier lesen könnten und sich dann denken „Warum hast du nicht meinen ausgewählt?“ (lacht). Ich behaupte mal, dass jede Platte, die ich gesignt habe, mir etwas bedeutet hat. Sonst hätte ich sie nicht gesignt. Ich bin wirklich stolz auf jede einzelne Veröffentlichung und auf alle Alben, die wir von Künstlern herausgebracht haben. Ich finde es toll, dass die „Live In Mix“-Compilation-Reihe so gut läuft, denn sie fängt wirklich ein, was ich als DJ auf diesen CDs mache. Ich glaube, das „Live in Montréal“-Album, das sich über neun CDs erstreckte, ist wahrscheinlich einer meiner besten Mixe, die ich bis heute gemacht habe. Ich bin auch sehr stolz auf das „Versus“-Album von Nick Muir und mir. Wir haben viele verschiedene Künstler*innen eingeladen, mit uns an verschiedenen Tracks zusammenzuarbeiten, und das Ergebnis war ein großartiges Album. Wie gesagt, es gibt so viele Veröffentlichungen und so viele Künstlerinnen und Künstler, dass ich mich einfach bei allen bedanken möchte, denn ohne sie wäre das Label nichts.
In den 25 Jahren haben du und dein Label vom Underground-Vibe bis hin zur Digitalisierung, vom Tape bis zum Streaming, alles durchlebt. Welche waren für dich die wichtigsten Momente?
Ich glaube, die seltsamste Zeit war, als der MP3-Download aufkam und der Verkauf von Vinyl wegen der File-Sharings fast zum Erliegen kam. Viele Leute wurden davon überrascht und hatten eine Menge bestellter oder vorbestellter Platten, die sich einfach nicht mehr verkauften. Als Label mussten wir einen herben finanziellen Rückschlag hinnehmen und brauchten eine Weile, um uns wieder aufzurappeln und herauszufinden, wie wir in diesem neuen Umfeld arbeiten wollten. Zum Glück haben wir eine treue Fangemeinde, wir haben uns angepasst und sind mit der Zeit gegangen. Die Zeit des Vinyls war eine fantastische Zeit in der Dance Music, denn jeder Track, der auf Vinyl gepresst wurde, musste wirklich durch einen Filter gehen, um an diesen Punkt zu gelangen. Als DJ verbringst du mehr Zeit damit, die Musik zu sichten, um die echten Perlen zu finden. Und das zeichnet einen guten DJ aus, denn man merkt, dass er nach guter Musik gesucht hat.
Wie haben sich das Label und auch du als Künstler in dieser Zeit weiterentwickelt?
Nun, man muss sich weiterentwickeln. Wenn ich immer noch die gleiche Musik spielen und immer noch die gleichen Platten wie 1998 veröffentlichen würde, wäre das Label Anfang der 2000er-Jahre mit ziemlich großer Sicherheit geschlossen worden und meine DJ-Karriere wäre wahrscheinlich auch nicht lange gegangen. Als DJ muss man seinen eigenen Sound finden und prägen, Gleiches gilt für das eigene Label. Auch dafür zu sorgen, dass der Sound eine gewisse Relevanz hat – sowohl auf dem Dancefloor als auch in der Welt dort draußen.
Ihr presst nach wie vor CDs und Vinyl. Zwei Formate, die fast verschwunden waren, aber jetzt wieder einen Aufschwung erleben.
Ja, das stimmt. Es ist aber definitiv viel schwieriger. Heutzutage sind die Herstellung und der Kauf von Vinyl so teuer wie der von CDs. Man findet kaum noch einen CD-Player, also verkaufen wir eigentlich nur noch an unsere treue Fangemeinde, denn heutzutage sieht man nur noch selten einen Laden, der CDs verkauft. Ich liebe Vinyl nach wie vor, auch wenn ich es nicht mehr so gerne mit mir herumtrage wie früher, aber das Gefühl, zur Plattenkiste zu greifen, ist unschlagbar. Ein Etikett zu sehen, einen Titel auszuwählen, ihn auf den Plattenteller zu legen und dann zu beobachten, wie die Magie der Platten entsteht. Wir werden mit der physischen CD und dem Vinyl weitermachen, bis es nicht mehr praktikabel ist.
Du warst damals der Erste, der eine „Mix-Compilation“ veröffentlicht hat, ein Format, das in der elektronischen Musikszene wahnsinnig wichtig und relevant wurde. Wie blickst du darauf zurück?
Die Mix-CD damals war großartig, zumal es auch die einzige Möglichkeit war, sich ein DJ-Set anzuhören. Es gab weder Spotify noch sonst eine Art und Weise, einen DJ außerhalb eines Clubs zu hören. Außer man hörte sich den legendären „Essential Mix“ auf Radio One an. Es gab nicht sonderlich viele Radiosendungen, in denen Dance Music gespielt wurde. Für die frühen Clubgänger*innen war das also eine Chance zu hören, wie der DJ die Musik zusammenstellte, die nicht auf einer Art Bootleg-Kassette von einer Clubnacht aufgenommen wurde. Ich habe im Laufe der Jahre an so vielen dieser Projekte mitgewirkt und bin stolz darauf, dass ich immer versuche, jede CD zu übertreffen und qualitativ hochwertige Produkte mit tollen Mixen abzuliefern. Ich glaube, das ist der Grund, warum ich nach 30 Jahren immer noch ein Compilation-Mix-Album herausbringen kann, denn meine Fangemeinde hat immer noch Spaß an dem, was ich mache.
So auch bei der neuen Compilation „Futuo“ – 25 Tracks mit einer beeindruckenden Liste von Acts.
Viele der Künstler*innen auf diesem Compilation-Album kenne ich persönlich und bin ein großer Fan ihrer Arbeit, also habe ich sie direkt angeschrieben. Ich weiß, dass viele Künstlerinnen und Künstler sehr busy sind und dass gute Musik Zeit braucht, um fertig zu werden. Deshalb habe ich zu Beginn eine Wunschliste erstellt und angefangen, die Leute anzusprechen, die ich gerne auf der Compilation haben wollte. Einige der neuen Artists und Künstler waren bisher noch nicht auf dem Label vertreten, aber ihre Musik war einfach perfekt für dieses Projekt, und so war es eine Freude, sie an Bord zu haben. Ich habe vorher absolut keine Ahnung, was ich von den einzelnen Künstler*innen bekomme – also habe ich beim Abmischen des Albums mein ganzes Können eingesetzt, damit alles einen Sinn ergibt, indem ich jeden Track flüssig abgemischt habe. Ich bin wirklich zufrieden damit, wie das Album geworden ist, und alle Künstler haben grandiose Tracks geliefert.
Auffallend ist deine angesprochene Balance zwischen etablierten Künstler*innen wie David Morales und neuen Talenten.
Jemanden wie David Morales für dieses Projekt zu gewinnen, ist ein wahr gewordener Traum, um ehrlich zu sein. Ich bin ein großer Fan von David, seit ich mit dem Auflegen angefangen habe. Sein Vermächtnis in der Szene ist unglaublich und seine Produktionen sind unübertroffen. Deshalb ist es toll, einen Track von ihm auf diesem Album zu haben. Das Gleichgewicht zwischen etablierten und aufstrebenden Künstler*innen ist für Projekte wie dieses wirklich wichtig und hilft dabei, die zukünftigen Stars der Szene zu präsentieren. Ich könnte mit den 25 Tracks auf diesem Album wirklich nicht zufriedener sein, denn es ist so gut geworden.
Ebenfalls gut ist deine wöchentliche Radioshow „Transitions“, mit der du jede Woche in über 80 Ländern über 14 Millionen Menschen erreichst. Seit Herbst 2021 kollaborierst du auch mit Apple Music, während du weiterhin intensiv durch die Welt tourst.
Auf die Radioshow bin ich sehr stolz. Ich hatte bislang über 1.000 Sendungen mit unglaublichen Gast-DJs und präsentiere jede Woche brandneue Musik. Man muss schon sehr engagiert sein, um eine wöchentliche Radiosendung zu machen, aber ich liebe die Herausforderung und sie ermöglicht es mir, jede Woche meine Musik durchzugehen und Tracks auszuwählen, die ich in der Sendung vorstellen möchte. Die Reichweite ist wirklich unglaublich. Die Tatsache, dass ich meine Musik, die ich für gut halte, so vielen Menschen präsentieren kann, ist also wirklich wichtig.
Im Oktober hast du eine Auszeit vom Touren genommen, um deine Batterien aufzuladen. Was steht in den kommenden Wintermonaten auf deiner Agenda?
Ich denke, es ist für jeden wichtig, besonders in der Musikindustrie und beim unermüdlichen Touren, sich eine Auszeit zu nehmen und mal nicht an einem Flughafen oder in einem Nachtclub zu stehen, sondern einfach mal ein paar andere Dinge zu tun. Aber ich bin schon ganz aufgeregt und freue mich darauf, wieder hinter den Decks zu stehen. Im November stehen einige tolle Shows in Schottland, Irland, Argentinien, Nordamerika und Ungarn an.
Zu guter Letzt, was ist dein Plan mit Bedrock für die nächsten 25 Jahre?
Haha, eine gute Frage. Ich glaube nicht, dass wir noch weitere 25 Jahre durchhalten werden, aber im Moment macht es mir Spaß und die Musik erfüllt mich mit Leidenschaft. Also werde ich das Label so lange machen, wie es geht. Ich werde weiterhin gute Musik und die aufstrebenden Stars der Zukunft präsentieren. Die Musikindustrie hat sich im Vergleich zu damals, als ich anfing, so sehr verändert, dass es fast unmöglich ist, aus der Masse herauszustechen, weil jeden Tag so viele neue Platten veröffentlicht werden. Die sozialen Medien spielen heutzutage eine so große Rolle, dass es manchmal enttäuschend ist, wenn man eine großartige Platte hat und sie nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die sie in der Vergangenheit gehabt hätte, weil sie in dem ganzen Lärm untergeht. Wir veröffentlichen weiterhin tolle Platten und meine Fans gehören zu den besten der Welt und haben mich vom ersten Tag an unterstützt. Vielen Dank für das Interview und wir sehen uns!
Aus dem FAZEmag 141/11.2023
Text: Rafael Da Cruz
Foto: Dan Reid
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