Untersucht man das bisherige Schaffen des Jori Hulkkonen genauer, wird einem schnell bewusst, dass es sich bei dem Mann aus Finnland um eine echte Qualitätsinstanz handelt. Seit den unvergessenen Neunzigern liefert er beständig elektronische Musik auf hohem Niveau ab. Druckverlust oder etwaiges Abgleiten in Belanglosigkeiten: Fehlanzeige. Der Masse wurde er spätestens durch die von ihm und Tiga als Tiga & Zyntherius geschaffenen „Sunglasses At Night“-Coverversion ein Begriff. Anders als der Kanadier steht Hulkkonen jedoch seitdem nicht im dauerhaften Rampenlicht oder jettet atemlos um die Welt. Vielmehr bleibt er vor allem seinen Tugenden als fleißiger Produzent treu und stellt nun auf My Favorite Robot das „Third Culture“-Konzept vor. Dieses manifestiert er mit einer vorausgegangenen EP und dem gerade erschienen „Negative Time“-Album. 

Welche Geräte sind seit Jahren unverzichtbare Begleiter in deinem Studio?

Jori: Es gibt keine, die wirklich unverzichtbar sind, aber die Roland x0x spielt auch heute noch eine wichtige Rolle, ebenso die SH-101. Die verwende ich nun schon seit 20 Jahren und sie ist immer noch ein großartiges kreatives Werkzeug. Und genau das ist es doch, was Equipment wirklich wertvoll macht. Das einzig andere was so gut wie immer zum Einsatz kommt, ist Cubase. In den 80ern lief es auf einem Atari ST, heute habe ich die neueste DAW Version auf dem PC. Aber je mehr Geräte du ausprobierst, desto mehr wird dir irgendwann klar, dass es eigentlich um Ideen und Workflow geht und nicht um die Maschinen selbst.

Folgst du im Studio denn bestimmten Ritualen? Veränderst du zum Beispiel deine Arbeitsweise regelmäßig, um „frisch“ zu bleiben?
Ich versuche definitiv, mich nicht zu oft zu wiederholen. Es ist sehr wichtig, sich seiner Angewohnheiten bewusst zu sein und die Routine zu ändern, um den ganzen kreativen Prozess frisch zu halten. Dahin führen viele Wege. Der einfachste ist, sein Equipment loszuwerden und sich neues zu besorgen. Eine andere Methode sind bestimmte kreative Spiele, etwa gegen die Uhr zu arbeiten, oder sich für bestimmte Dinge auf nur ein Gerät zu beschränken.

Du veröffentlichst schon seit langer Zeit Musik, was waren die größten Probleme, mit denen du als Künstler bisher zu kämpfen hattest?
Ich weiß nicht, ob ich das jetzt sagen soll, aber es war immer sehr einfach für mich. Ich hatte das Glück, mit den richtigen Leuten, den richtigen Labels, den richtigen Bookern und so weiter zusammenzutreffen. Dadurch konnte ich mich auf die Musik konzentrieren. Ich schätze, dass es bei einer solchen Langlebigkeit die größte Herausforderung ist, frisch zu bleiben, nicht nur man selbst, sondern auch für sein Publikum. Und dabei immer noch sein eigenes Profil zu bewahren. Es ist wichtig, nicht zu bequem zu werden, stattdessen immer neugierig gegenüber neuen Dingen zu sein. Bei mir selbst ergibt sich das glücklicherweise immer auf natürliche Weise.

Hattest du, als du mit der Musik angefangen hast, einen Mentor?

Auf persönlichem Level nicht, ich habe mir alles selbst beigebracht. Aber wenn es um Einflüsse geht, gibt es da ein paar Künstler, denen ich schon seit Jahrzehnten folge. Und ich hatte auch das Glück, diese Menschen kennenlernen zu dürfen und arbeitete sogar mit ihnen, was echt unglaublich ist. Etwa John Foxx und die Pet Shop Boys.

Was macht es heute für dich immer noch spannend, ein Album aufzunehmen?

Ganz einfach: Für mich ist jedes Album spannender als das vorherige. Die Herausforderung ist, etwas Neues dazuzugeben, es technisch besser klingen zu lassen und es musikalisch (hier das benötigte Adjektiv einfügen, abhängig vom jeweiligen Projekt) zu machen und die Platte nicht als bloße Sammlung von Tracks sondern als Gesamtwerk wirken zu lassen.

Wie persönlich ist denn ein Album, wieviel mehr reflektiert es dein Leben, als es eine EP tut?
Auf einem Album ist offensichtlich mehr Platz zum Experimentieren, besonders mit Sachen, die nicht direkt auf den Dancefloor zielen. Auf meinem letzten Werk für F Comm habe ich die Kurve sehr hart dorthin geschoben. Das Ergebnis waren sehr experimentelle Tracks, Folk, Ambient, Pop, was sehr einträglich ist. Ich verspürte dennoch eine echte Verlockung, ein tanzflächenfreundliches Album zu schaffen. Diese Idee begann mit „Man on Earth“, was vor paar Jahren auf Turbo erschien und setzt sich nun mit „Third Culture“ fort. Was den persönlichen Charakter angeht, da gibt es ein paar Songs mit Vocals auf diesem Album, deren Lyrics ich ebenfalls selbst geschrieben habe. Ich singe sogar auf zwei Stücken selbst. Daher handelt es sich schon um eine sehr persönliche Geschichte.

Wenn du die zwölf Vorgängerwerke mit „Negative Time“ vergleichst, in welche Richtung hat sich dein Sound generell von LP zu LP weiterentwickelt?
Für mich ist Fortschritt immer sehr wichtig. Als ich in den späten 80ern mit der Musik anfing, hatte ich keine musikalische Ausbildung. Es lief einfach nach dem „trial and error“ Prinzip. Ich versuche dadurch auf jedem Album neue Dinge und verbessere mich auf jedem Level, sowohl in technischer wie in ästhetischer Hinsicht. Ein großer Unterschied des neuen Albums zu den alten ist die Einführung meines Sänger-Pseudonyms JiiHoo (ein Name, den ich gelegentlich verwende, erstmals 1997 auf F Comm mit „Let Me Luv U“). Es ist dennoch schwer, Einzelheiten, die neu und anders sind, herauszupicken, da es für mich ein schrittweiser Prozess ist. Ich überlasse es lieber dem Hörer, zu erkennen, was neu ist und was nicht.

Fällt es dir nach so vielen Platten eher schwer oder eher leicht, dir ein Konzept für ein Album auszudenken? 

Ich denke, es ist viel einfacher, da es dich dafür frei macht, etwas wirklich anderes zu machen. Hinter mir steht schon ein solcher Berg – all die Alben, EPs, 12inches, Remixe und Produktionen … Dem gegenüber wiegt ein ein einzelnes Album weniger, als sagen wir vor einem Jahrzehnt. Das öffnet der Kreativität einige Türen. Mit gewonnener Erfahrung und einem besseren Workflow resultiert das in viel mehr Ideen, die ich ausprobieren kann. Aus diesem breiteren Spektrum kann ich dann bei der weiteren Entwicklung der Stücke auswählen und schauen, was veröffentlichungswürdig ist.

Ist denn ein theoretischer Überbau zwingend notwendig oder ist das eher projektabhängig?

Wie schon gesagt ist es eher ein kreatives Spiel, dass dich darüber nachdenken lässt was man bei jedem Projekt machen oder nicht machen möchte. Bei Alben habe ich manchmal den Titel und das Artwork fertig und passe dem die Musik an. Sie  ändern sich dann oft noch, aber es ist ein netter Rahmen, um die Ideen fließen zu lassen. Beim Plattenkaufen sehe ich manchmal eine Platte mit seltsamem Namen und Cover und frage mich: Wie kann eine Plattte, die so heißt und so aussieht klingen? Deswegen mache ich Musik, die dazu passt.

Mit deiner „Options EP“ und dem neuen Album stellst du das Konzept der „Third Culture“ vor. Wie können wir uns dessen Einfluss auf deine Studioarbeit und deine Livesets vorstellen?

Es ist kein neues Konzept oder eine neue Herangehensweise, aber es ist für mich das erste Mal, dass ich damit ein Album mache. Es geht kurz gesagt um viel Improvisation mit Hardware, danach werden die Sachen bearbeitet. Es fing an mit Livesets, die ich mit Drummachines und modularen Synths spielte. Sie waren zu 100 Prozent improvisiert. Musikalisch war das sehr technoid, aber als Arbeitsfluss hatte es etwas cooles. Ich begann dann Multitrack-Aufnahmen der Sessions anzufertigen. Daraus ergab sich der Ausgangspunkt für „Negative Time“.

Am welchen Projekten arbeitest du gerade noch so?
Im November kommt das Debütalbum meiner neuen Band Sin Cos Tan. Dabei geht es um düsteren, romantischen Synthpop, mit Juho Paalosmaa von Villa Nah als Sänger. Auch wird es eine zweite 12inch von Stop Modernists, meinem Projekt mit Alex Nieminen geben, bei der die Italo Disco-Legende Fred Ventura am Gesang dabei ist. Darüber hinaus arbeite ich an Projekten mit John Foxx und Tiga und an ein paar Dingen, über die ich jetzt noch nicht reden kann.

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