
Mit „Alles“ veröffentlicht Jakob Häglsperger, besser bekannt als Kalipo, sein fünftes Soloalbum – ein Werk, das den Zustand der Gegenwart zwischen kollektiver Erschöpfung, persönlicher Reife und musikalischer Vielschichtigkeit einfängt. Der Berliner Produzent, bekannt durch Frittenbude und Dina Summer, verbindet Diskurs mit Tanzbarkeit – und blickt mit beatgetriebenem Trotz in eine unsichere Zukunft. Das Werk erscheint am 19. September auf Iptanemos Discos.
„Es kann alles passieren“ – dieser eine Satz, gesungen im Titeltrack seines neuen Albums, wurde zum Ausgangspunkt für das, was Kalipo auf „Alles“ musikalisch, textlich und emotional entwirft. „Ursprünglich entstand der Titel über den gleichnamigen Track. Das beschreibt irgendwie, wie ich Musik verstehe und schreibe“, sagt Kalipo. „Es geht mir weniger um Genres, sondern mehr darum, etwas zu machen, was mich in dem Moment inspiriert.“ Dass dabei ein musikalisches Spektrum entsteht, das von Indie-Sleaze über EBM bis Kraut-Techno reicht, ist für ihn kein Widerspruch, sondern Ausdruck künstlerischer Freiheit.
„Natürlich ist das nicht völlig beliebig“, stellt er klar. „Ich glaube, es gibt schon einen roten Faden – aber der äußert sich nicht darin, mich ständig zu wiederholen, um ein Genre zu bedienen.“ So stehen auf „Alles“ textlastige Indie-Songs wie „Geister“ neben clublastigen Tracks wie „My Laboratory“. Beide kommen aus dem Club – aber in ganz unterschiedlicher Form. „Diese Vielschichtigkeit macht mir als Musiker Spaß. Ich weiß aber auch, dass es das auf dem Musikmarkt nicht unbedingt leichter macht. Die Musikindustrie funktioniert stark über Genres und Schubladen. Ich versuche es aber eher als Stärke zu sehen.“ Tatsächlich ist Kalipo ein Künstler, der sich nicht in die komfortable Wiederholung zurückzieht. Auf „Alles“ verarbeitet er persönliche Erfahrungen, Grenzgänge im Nachtleben, den Zerfall von Beziehungen – und größere gesellschaftliche Entwicklungen. „Bei ,Crimson Rain’ geht es um das Nachtleben, das mich mit seiner Euphorie immer noch anzieht, aber mit seinen dunklen Seiten auch beeinflusst“, erzählt er. „Ich fühle mich hingezogen zum Exzess, schöpfe daraus Inspiration, aber ich zahle auch einen Preis dafür.“ Songs wie „All Things Must Come to an End“ reflektieren dieses Spannungsfeld. „Dieser Track entstand in einem Moment des Erwachens nach solchen Exzessen, die oft mit depressiven Verstimmungen einhergehen. Zu der Zeit sind in meinem privaten Leben verschiedene Dinge zu Ende gegangen, aber auch kulturell fand eine Veränderung statt.“
Trotz der Schwere vieler Themen sucht Kalipo in seiner Musik immer auch nach Hoffnung, nach einem Ausweg, einem Gegenentwurf. Der Club spielt dabei eine zentrale Rolle. „Das ist ein Ort, der mich seit 20 Jahren anzieht und mir den Raum gibt, aus dem Alltag auszubrechen und die Abenteuer der Nacht zu erleben“, sagt er. „Irgendwie sind das auch Orte, in denen sich Menschen nicht nur finden, sondern in gewisser Weise auch unkontrolliert selbst therapieren.“ Sein Blick auf die Clubkultur ist allerdings kein nostalgischer. „Ich frage mich auch, wie lange das noch so sein wird und ob wir wirklich alle darin alt werden können. Es gibt Momente, in denen ich mich im Club deplatziert fühle – aber auch Momente voller Abenteuer und inspirierendem Austausch, die ich nicht vermissen will.“ Was für ihn bleibt, ist die tiefe Verbindung von Musik, Gemeinschaft und Eskapismus – gerade in krisenhaften Zeiten: „Wir rutschen gefühlt von einer Krise in die nächste. Wenn ich in die Zukunft blicke, habe ich das Gefühl, dass da noch ein Tsunami auf uns zurollt. Damals wie heute liegt es irgendwie nahe, in Musik etwas Direktes, Subversives zu suchen – als Form von Eskapismus, aber eben auch als Hoffnung.“
Kalipos Musik bleibt dabei zugänglich – auch wenn sie diskursive Tiefe hat. „In erster Linie geht’s mir nicht um Diskurs, sondern um Musik“, betont er. „Ich find’s badass, wenn eine einzige Note reicht, um etwas auszulösen.“ Der Diskurs entsteht, wenn überhaupt, über die Texte – etwa wenn Kalipo Männlichkeitsbilder hinterfragt. „Ich bin als Mann in einer Gesellschaft sozialisiert worden, in der bestimmte Erwartungen ganz selbstverständlich mitlaufen. Stark sein, funktionieren, keine Schwäche zeigen – das hat auch bei mir Spuren hinterlassen.“ Es gehe ihm nicht darum, Antworten zu liefern, sondern eigene Fragen zu stellen. „Veränderung ist unbequem und hört nie auf. Ich versuche, die Haltung eines Lernenden einzunehmen.“ Auch musikalisch bleibt Kalipo in Bewegung. Was als Gegenpol zum Hedonismus von Frittenbude begann, hat sich über fünf Soloalben hinweg stetig weiterentwickelt. Alles vereint nun Härte und Kälte in den Beats mit der emotionalen Wärme früherer Werke. Die Arbeit an seinen Bandprojekten – Frittenbude und der Dark-Disco-Formation Dina Summer – ergänzt sich dabei mit dem Soloprojekt: „Bei Kalipo habe ich mehr Gefallen daran gefunden, mich auch über Lyrics auszudrücken. Alleine zu arbeiten, kann befreiend sein, aber manchmal auch schwerer. In der Gruppe stärkt man sich gegenseitig. Ich glaube aber, dass man zwischen allen Projekten eine Verbindung erkennt.“
Auf der Bühne wird „Alles“ nun lebendig – mit einer Tour durch Clubs und Festivals in Deutschland, Österreich, in der Schweiz, in Polen und Tschechien. „Ich werde bei der Tour auf jeden Fall meine Komfortzone verlassen müssen. Auf dem neuen Album singe ich so viel, dass ich das auch live umsetzen will.“ Der erste Gig in Berlin ist für ihn besonders aufregend – genauso wie der Auftritt in München: „Schließlich habe ich auch mal in dieser Stadt gelebt und immer noch Verbindungen zu ihr.“
Ob intime Clubshow oder offenes Festivalgelände – für Kalipo haben beide Formate ihren Reiz: „Clubshows sind konzentrierter, intimer, man ist näher dran am Publikum. Festivals sind durchmischter – und es entstehen manchmal magische Momente.“ Auch auf die elektronische Szene insgesamt blickt er mit differenzierter Begeisterung: „Ich identifiziere mich stark mit der Dark-Disco-Szene. Auch Electroclash ist wieder zurück. Gleichzeitig sehe ich gerade auch wieder viel House, Trance oder Drum ’n’ Bass. Die Szene bleibt spannend, überall entstehen kleine Bubbles mit eigenen Sounds.“
Was ihn nervt, ist Musik, die rein aus Kalkül entsteht. „Wenn nur noch Edits von alten Hits produziert werden – das langweilt mich.“ Aber er weiß auch: „Früher war Mainstream auch nicht besser – denkt nur an die Schlümpfe.“ Und doch: „Ich musste irgendwann für mich akzeptieren, dass ich eben auf einen eher Nischen-Sound stehe. Wichtiger ist mir, dass ich zu dem stehe, was ich mache – und nicht jedes Wochenende die Schlümpfe spielen muss.“
Tracklist „Alles”:
1. Alles 04:22
2. All Things Must Come To An End 04:55
3. Crimson Rain 04:09 Video
4. Sparkling Tears
5. Geister
6. Any Compromises 04:08
7. L’Hiver Éternel
8. Deine Worte
9. My Laboratory
10. Vantablack feat. Nina Nails
11. Bonus Song: All Things Must Come To An End At 4AM 05:13
12. Alles (Club Version) 05:04
13. Any Compromises (Club Version) 04:41
14. All Things Must Come To An End (Club Version) 06:05
15. Crimson Rain (Club Version) 06:08
16. Alles (Radio Edit) 03:26
17. Any Compromises (Radio Edit) 03:20
18. All Things Must Come To An End (Radio Edit) 03:17
19. All Things Must Come To An End At 4AM (Radio Edit) 03:21
20. Crimson Rain (Radio Edit) 03:21

Das Album „Alles” von Kalipo erscheint am 19. September 2025 via Iptamenos Discos.
Aus dem FAZEmag 163/09.2025
Text: Triple P
Credit: Nina Riedi
www.instagram.com/itskalipo