Beschäftigt man sich mit den Anfangstagen des damaligen Detroit-Techno, landet man recht schnell bei den „Belleville Three“, bestehend aus Juan Atkins, Derrick May – zwei eher zurückgezogenen und rätselhaften Charakteren – sowie Kevin Saunderson. Schon damals war er der Extrovertierte des Trios, mit einem Hang zu Songs und Melodien. Funk, Soul und Housemusic waren eher sein Ding, mit „Good Life“ und „Big Fun“ feierte er große Erfolge. Zwischen 1987 und 1998 produzierte Saunderson eine unüberschaubare Anzahl von Platten. Sein Schaffen verteilt sich auf zahllose Aliasse und Kollaborationsprojekte. Drei Alben fertigte er in dieser Zeit an, darunter als Inner City, als The Reese Project und das Album „Heavenly“ unter dem Namen E-Dancer. Letzteres sollte bis heute einen legendären Status im Bereich des Detroit-Sounds tragen. Vor zwei Jahren re-releaste Saunderson das Projekt. Neu aufgegriffen, optimiert und neu arrangiert. Dabei inspirierten ihn besonders die deepen Sounds und Atmosphären. Er erkannte vor allem das Soundtrack-Potenzial. Nun ist der E-Dancer zurück und liefert nach 20 Jahren mit „Infused“ vollkommen neues Material. Produziert hat Saunderson das Album gemeinsam mit Virus J. Vergangenheit trifft Zukunft. Downtempo, gepaart mit Rhythmus- und Flächen-Wechsel. Ein Interview.

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Kevin, auch in diesem Jahr warst du wieder sehr viel unterwegs und sehr oft im Studio. Wie rekapitulierst du das Jahr 2018?


Es war ein sehr produktives Jahr. Viele Touren und Reisen – genauso intensiv wie die Jahre zuvor. Ich genieße das Leben und erlebe die Welt, wie sie sich im Wandel befindet. Mein Fokus in diesem Jahr lag neben der Album-Produktion auf den Kollaborationen mit KiNK und Art Department.

Lass uns gerne über den Auslöser für das neue Album sprechen. Inspiriert wurdest du quasi vor zwei Jahren, als du das Werk von 1998 neu arrangiert hast, korrekt?

Ja. Ich wollte mich damals auf den Ursprung beziehen, aber auch ein paar neue Tracks hinzufügen. Zudem wollte ich auch den technologischen Wandel miteinbeziehen, daher der Name „Revision“. Ich habe drei bis vier Tracks addiert, die komplett neu waren. Zudem habe ich bestehende Teile verändert, die anders gemischt eine gute Modifikation des Bestehenden ergaben. Ich weiß, das klingt verrückt. Die Tracks habe ich während meiner Live-Show gespielt und es fühlte sich so an, als würden die Tracks der Richtung meines Lebens folgen. Aber der Hauptgedanke war, das Ganze der jüngeren Generation so zu präsentieren, dass sie eine Vorstellung vom Ursprung bekommen konnte. Ein Gefühl davon, was damals 1998 so passiert ist.

So die Initialzündung zu „Infused“, das am 26. November auf Armada das Licht der Welt erblickte. Erzähl uns mehr zur Entstehung.

Diese Idee, etwas anderes und Einzigartiges zu tun, war schon seit einigen Jahren in meinem Kopf – fernab von dem, was ich bereits in der Vergangenheit gemacht habe. Die Herausforderung war, meine Musik so zu verändern, dass sie wie ein Soundtrack klingt und auch genau diese Ästhetik verkörpert. Als ich gerade mein E-Dancer-Revisit beendet hatte, hatte ich diesen Gedanken, also begann ich, zusammen mit Virus J daran zu arbeiten. Ich dachte, es wäre besser, mit jemandem zusammenzuarbeiten, anstatt zu versuchen, alles allein zu machen. Es war ein sehr gutes Match.

Wie vergleichst du die Produktionsweise damals, beim ersten E-Dancer-Album, mit der Arbeit im Studio heute, 20 Jahre später?

Ich wage zu behaupten, dass es etwas fast gänzlich Neues ist. Die Technologie verändert sich extrem. Als ich an meinem ursprünglichen E-Dancer-Album arbeitete, war es wahrscheinlich roh und sehr analog. Die Möglichkeiten damals waren sehr überschaubar. Jetzt habe ich sehr viele Plugins verwendet, Soft- und Hardware aus allen Jahrzehnten genutzt und damit eine gute Mixtur aus digital und analog.

Würdest du sagen, dass du dich nun wesentlich besser ausdrücken konntest als damals?

Definitiv. Hätte ich vor 20 Jahren versucht, ein Orchester in meinen Sound zu bekommen, hätte es bei Weitem nicht so geklungen wie heutzutage – es sei denn, ich hätte die Musiker live einspielen lassen. Alles hat sich extrem radikal entwickelt. Ich hätte das alles vor zehn oder 20 Jahren nicht tun können. Damals war gewissermaßen der Beginn einer neuen Ära, Computer konnten plötzlich eine Geige imitieren. Heute ist das Standard und du kannst aus hunderten Geigen auswählen und sie noch besser als eine echte Geige klingen lassen. Ja, ich glaube, ich kann mich jetzt besser ausdrücken, da ich vor 20 Jahren noch nicht dazu bereit war und die Technologie ebenfalls. Auch auf der Bühne ergeben sich völlig neue Möglichkeiten. Ich kann das Album mit zwei, vier oder zehn Musikern spielen. Oder auch allein. Und es hört sich immer gut an.

Lass uns über Virus J sprechen, mit dem du das Album produziert hast. Wie hat die Zusammenarbeit funktioniert?

Er war schon ein paarmal in Detroit und wir haben uns sehr gut verstanden. Ich verlangsamte die bpm der Tracks etwas. Dann kam er dazu und begann, die Parts auf verschiedene Art und Weise zu ändern. Nachdem wir so einen Track gemacht hatten, folgten wir demselben Muster bei den anderen. Das hat wirklich gut geklappt. Ich bin sehr glücklich und zufrieden mit dem, was wir gemacht haben.

Du hast das Album ein paar wenige Male auf der Bühne gespielt, darunter bei einer Show im Oval Space in London. Erzähl uns etwas über dein Setup!

Was ich auf der Bühne in London gemacht habe, basiert auf dem vor zwei Jahren erschienenen Album. Das Intro bezieht sich nur auf das neue Album. Ich habe einige neue Elemente in die Show integriert. Mein Plan war es, die Show auf das heutige „Infused“ upzudaten. Dabei habe ich gewissermaßen mein Studio auf der Bühne. Neben mir stehen einige Controller, Synthesizer und Computer. Untermalt wird das Ganze mit Video-Animationen. Vielleicht wird es im Jahr 2020 mehr Live-Musiker auf der Bühne geben. Die Show variiert immer und immer wieder.

Was sind deine favorisierten Tools in Sachen Soft- und Hardware?

Ich verwende den Matrix-Blue-Synthesizer, das ist der für mich wichtigste Synthesizer – und mit dem steuere ich verschiedene Parameter in Ableton. Ich verwende auch einige Plugins, Push als Controller, um durch die Show zu navigieren. Es ist nicht zu komplex. Ein weiterer wichtiger Teil der Show sind die Visuals während des Intros. Die Idee kam von George Clinton, der bereits viele abgedrehte Dinge gemacht hat in seiner Karriere.

Ich habe die News gelesen, dass du Teil der neuen Dokumentation „The Story Of Detroit Techno“ sein wirst, die Jennifer Washington und Kristian Hill gerade drehen. Dabei thematisieren sie die Schattenseiten der Multi-Millionen-Dollar-Industrie, in der wir uns alle bewegen. Wie siehst du diese Thematik?

Sie informieren die Welt über Detroit und unsere Rolle dort. Daher finde ich es sehr gut. Es ist leicht, sich zu verirren in diesem Zirkus – wir sind alle irgendwie involviert, wir arbeiten alle, manche hart, manche weniger hart. Aber es ist in jedem Fall leicht für neue Leute, dazu zu stoßen und zu Ruhm zu gelangen. Was ich mit Sicherheit sagen kann, ist, dass Detroit der Geburtsort dieses großen Ganzen war. Leute wie Derrick May, Juan Atkins und alle Initiatoren, die Menschen, die eine Vision hatten, ihren Traum zu verwirklichen, haben dieses Ding erst ins Rollen gebracht. Wie sich diese Musik jetzt weiterentwickelt hat und auf der ganzen Welt von all den Superstars gespielt wird, die auf eine andere Art und Weise Geld verdienen als die, die Detroit im Ursprung erlebt haben. Jetzt sitzen wir 30 Jahre später hier. Ich denke, es ist wichtig, dass all diese Geschichten von Menschen, die aus Detroit kommen, erzählt werden. Aus diesem Grund habe ich keine Sekunde darüber nachdenken müssen, ob ich ein Teil dieser Dokumentation werde oder nicht.

Lass uns über 2019 sprechen, da wirst du auch mit Inner City wieder auf Tour gehen. Was genau habt ihr vor?

Ich habe gerade einen Vertrag mit Armada Music unterzeichnet. Damit ist auch Inner City wieder gefordert. Im Grunde war Inner City damals meine und Paris Greys Idee. Sie ist nun in Rente, aber wir werden eine 30-jährige Jubiläumstour feiern. Die Tour heißt „Inner City 30 – A good life tour“. Wir hatten die erste Show im Mai beim Movement Detroit Festival und werden nächsten Sommer die Tournee starten. Wahrscheinlich touren wir bis 2022 mit verschiedenen Sängern und meinem Sohn und Partner in Crime Dantiez. Wir halten das Erbe von Inner City aufrecht. Einige Leute sagen, dass Inner City Paris Grey und Kevin Saunderson waren. Ja, das stimmt. Diese Songs werden niemals sterben und immer Klassiker sein. Aber ich bin immer noch in der Branche aktiv und ich liebe es, Musik zu machen. Ich finde, Inner City sollte immer noch ein wichtiges Statement der Dancemusic sein.

Das sehen wir genauso. Erzähl uns über die Kollaboration mit Armada.

Ich habe in Sachen Label-Arbeit bereits mit ihnen zu tun gehabt. Ich kann wirklich gut mit ihnen arbeiten und mich mit ihnen identifizieren. Sie haben eine Menge gute Energien und sie lieben Musik genauso wie ich. Also entschied ich mich schließlich, ein ganzes Album mit ihnen zu machen. Ich bin zuversichtlich, mit jemandem zusammenzuarbeiten, der ein Verständnis hat von dem, was war, und gleichzeitig die Zukunft der Musik vorantreibt und vordenkt. Das war der Hauptgrund dafür, dass ich mich für Armada entschieden habe.

Auch auf deinem eigenen Label KMS sieht es nach einer Justierung in Sachen Ausrichtung aus.

In den letzten Jahren hat Dantiez einige neue Künstler für das Label gewonnen. Im Grunde ist es sehr einfach: Wenn wir einen Track mögen, bringen wir ihn heraus. Aber eines ist wichtig: Wir dürfen uns selbst nicht verlieren. Wir möchten gerne drei oder vier Tracks eines Künstlers pro Jahr veröffentlichen und Künstler finden, die sich für uns als Label engagieren und umgekehrt. Wir versuchen auch, uns auf junge Talente aus Detroit zu konzentrieren, denn wir möchten unsere Wurzeln nicht vergessen.

Du hast gerade schon deinen Sohn angesprochen. Wie sieht das Weihnachtsfest bei der Familie Saunderson aus?

Oh, an Weihnachten bin ich mit meiner Familie ganz traditionell zu Hause. Wir feiern bei meiner Mutter, essen und hören Weihnachtsmusik. Wenn man viel unterwegs ist, genießt man die Zeit mit seiner Familie besonders. NYE ist dafür Kontrastprogramm angesagt, da werde ich bei einem großen Techno-Event in Rom spielen. Zwei Tage vorher spiele ich im Rahmen meiner Residency all night long in Detroit.

Aus dem FAZEmag 082/12.2018
Text: Triple P
Foto: Gabriel Asper
www.facebook.com/kevinsaundersonofficial