
Zehn Jahre sind in der elektronischen Musik eine Ewigkeit – und doch manchmal genau die Zeit, die es braucht, um wieder bei sich selbst anzukommen. Klangkarussell haben sie sich genommen. Nach unzähligen Tourneen, Veröffentlichungen und einem Jahrzehnt zwischen Euphorie und Erschöpfung melden sich Tobias Rieser und Adrian Held nun mit einem Album zurück, das alles bündelt, was sie in diesen Jahren erlebt, hinterfragt und neu entdeckt haben. „Petrichor“, erschienen auf ihrem eigenen Label Bias Beach Records, ist mehr als nur das zweite Studioalbum des Duos – es ist eine Rückbesinnung auf das Wesentliche: Klang, Gefühl und Freiheit.
Der Titel steht für den Duft von Regen nach einer langen Trockenzeit – ein Symbol für Erneuerung, für das Aufatmen nach einer Phase der Stille. Diese Idee zieht sich durch alle 13 Stücke des Albums, das zwischen emotionaler Tiefe und clubtauglicher Weite pendelt. Tobias und Adrian erzählen in sphärischen Soundlandschaften von Veränderung, Resilienz und dem Mut, den eigenen Rhythmus wiederzufinden. Kollaborationen mit Künstler*innen wie Bloom Twins, Marieme und GIVVEN verleihen dem Werk zusätzliche Perspektiven, Sprachen und Klangfarben – von westafrikanischer Poesie bis zu ukrainischen Stimmen, die von Liebe und Familie im Schatten des Krieges erzählen.
Dass Klangkarussell diesen Weg unabhängig gehen, ist kein Zufall. Seit der Gründung ihres Labels im Jahr 2019 haben sie sich bewusst von Major-Strukturen gelöst, um ihre Musik wieder nach eigenen Regeln veröffentlichen zu können. Diese künstlerische Autonomie prägt „Petrichor“ bis ins Detail – in der Produktionsweise, in den Arrangements und in der Haltung dahinter. Erst im Rückblick wird deutlich, wie weit der Weg von ihren frühen Erfolgen – darunter dem Welthit „Sonnentanz“ – bis hierher geführt hat. Im großen FAZEmag-Cover-Interview sprechen Tobias und Adrian über die Rückkehr zum Albumformat, über Klangästhetik und emotionale Wahrhaftigkeit, über Freiheit, Verantwortung und die Schönheit des Neubeginns.
Nach über zehn Jahren veröffentlicht ihr mit „Petrichor“ endlich wieder ein Album. Was war der Auslöser, jetzt diesen Schritt zu gehen – und warum hat es so lange gedauert?
Tobias: Nach „Netzwerk“ ist vieles einfach passiert – Touring, Hype, Erwartungen. Wir mussten erst wieder den Raum finden, in dem Musik kein Produkt, sondern ein Bedürfnis ist. Mit unserem eigenen Label Bias Beach Records konnten wir uns diesen Freiraum zurückerobern. In einer Zeit, in der Singles oft nur erscheinen, um Algorithmen zu bedienen, wollten wir etwas schaffen, das Bestand hat – ein Album, das auch physisch existiert. „Petrichor“ ist das Resultat einer langen selbstgewählten Atempause – ein Werk, das jetzt erscheinen kann, weil es sich endlich richtig angefühlt hat.
„Sonnentanz“ war ein globaler Hit, „Netzwerk“ ein massiver Erfolg. Was habt ihr aus dieser Zeit gelernt, das euch heute noch prägt?
Adrian: Der frühe Hype war surreal und wunderschön und hat uns auch viel gelehrt. Eine wichtige Erkenntnis daraus war, dass es für uns sehr wichtig ist, independent zu sein und die damit einhergehende künstlerische Freiheit zu haben. Heute bestimmen wir selbst. Wir machen Musik, wenn es sich richtig anfühlt – nicht, wenn jemand Content erwartet.
Der Titel „Petrichor“ beschreibt den Duft von Regen nach einer langen Trockenzeit – ein starkes Symbol. Wie steht dieser Gedanke in Beziehung zu eurer eigenen künstlerischen Reise?
Tobias: „Petrichor“ ist dieses Aufatmen nach dem Stillstand. Die letzten Jahre waren keine Pause, sondern ein Sammelprozess – von Erfahrungen, Ideen, Sounds.
Ihr beschreibt das Album als Reise durch euer eigenes Universum – mit Höhen, Tiefen, ruhigen und großen Momenten. Wie habt ihr diesen Spannungsbogen aufgebaut?
Tobias: Öffnung, Weite, Loslassen. Der Verlauf – von „Truth Begins“ über „Cross The Border“ bis „Aduna“ – ist kein Zufall. Jede Platte hat ihre Dynamik, ihre eigene Stimmung. „Petrichor“ erzählt die Geschichte, die wir in den letzten Jahren durchlebt haben.
Eure Musik war immer emotional und zugleich clubtauglich. Wie findet ihr die Balance zwischen introspektiven Klangwelten und tanzbarer Energie?
Adrian: Für uns war und ist es immer wichtig, Harmonien und Melodien in unsere Musik einzubinden. Ausschlaggebend ist für uns, einen Vibe zu kreieren, sowie die Stimmung, die unsere Musik erzeugt.
Der Song „Ride“ überrascht mit einer fast nostalgischen 80s-Ästhetik. Wie kam es zu diesem Sound?
Adrian: Wir arbeiten viel mit analogen Synthesizern und haben uns letztes Jahr ein paar analoge Retrosynthesizer gekauft – Jupiter, Prophet 5, OB-X – da wir den Klang und das Soundspektrum von diesen Synths mögen. Wir wollten die Ästhetik dieser Retro-Synths in unseren Sound einbringen und dabei ist der Song „Ride“ entstanden.
Viele Songs auf „Petrichor“ sind Kollaborationen – etwa mit den Bloom Twins, GIVVEN oder Marieme. Wie entstehen solche Zusammenarbeiten?
Adrian: Die Bloom Twins haben uns vor Jahren mal über Instagram angeschrieben. Irgendwann sind wir unsere Album-Demos durchgegangen und wollten für „Cross The Border“ noch ein Vocal aufnehmen. Dann haben wir ihnen das Instrumental geschickt und sie haben die Vocals dazu gemacht. GIVVEN ist ein Sideproject von mir mit Jordan Haller sowie Nikodem Milewski, in dieser Konstellation arbeiten wir oft zusammen. Die Connection zu Marieme ist so entstanden, dass wir irgendwann mal über ihr Profil gestolpert sind und so von der Stimme begeistert waren, dass wir direkt Kontakt aufnahmen und uns für ein paar Studiosessions verabredeten. Dabei ist unter anderem „Aduna“ entstanden.
„Cross The Border“ mit den Bloom Twins thematisiert Liebe, Familie und Krieg – ein sensibles Feld. Wie habt ihr den emotionalen Kern umgesetzt, ohne in Pathos zu verfallen?
Tobias: Bloom Twins haben ihre persönliche Geschichte eingebracht und wir haben das Arrangement bewusst offen gehalten. Pausen sagen manchmal mehr als Worte.
Auf „Aduna“ arbeitet ihr mit Marieme erstmals in der Sprache Wolof. Wie wichtig war es euch, kulturelle Diversität in das Album einzubringen?
Tobias: „Aduna“ bedeutet in Wolof „Welt“ oder „Leben“. Genau das wollten wir abbilden – die Schönheit verschiedener Perspektiven, ohne sie zu glätten. Musik ist für uns nie abgeschlossen, sie ist Begegnung.
Im Jahr 2019 habt ihr euer Label Bias Beach Records gegründet und euch vom Major-System gelöst. Was war der entscheidende Punkt für diesen Schritt?
Adrian: Wir wollten komplette Unabhängigkeit und Freiheit über unser Projekt und auf künstlerischer Ebene keine Kompromisse eingehen. Heute entscheiden wir alles selbst.
Was bedeutet euch heute künstlerische Freiheit – und wie unterscheidet sich das Gefühl, ein Album selbst zu veröffentlichen, von früher?
Tobias: Freiheit ist alles für uns – und das heißt auch, manchmal ein „Nein“ stehen lassen zu dürfen. Zu Trends, zu Erwartungen, zu allem, was nicht zu uns passt. „Petrichor“ wäre ohne diese Freiheit ein anderes Album. Mit Bias Beach können wir uns diesen Raum geben, was uns sehr wichtig ist.
Ihr habt Milliarden Streams, arbeitet mit Artists weltweit – und bleibt trotzdem unabhängig. Ist das ein Statement gegen das Major-System?
Adrian: Es ist ein Statement für das Independent-System. Wir sind beide freiheitsliebende Personen und lieben es, die volle Kontrolle über unser Projekt und unsere Musik zu haben. Wir fühlen uns einfach wohl, unabhängig zu sein.
Ihr geht 2026 mit einem neuen Live-Konzept auf Tour. Wie wollt ihr Klangkarussell auf der Bühne neu erfahrbar machen?
Adrian: Wir haben in den letzten Jahren ausschließlich DJ-Sets gespielt und tüfteln schon länger an einem Live-Konzept. Viele unserer Produktionen lassen sich aufgrund ihres Arrangements, Tempos oder ihrer Struktur nur schwer in ein klassisches DJ-Set integrieren. Das Live-Konzept eröffnet uns hier ganz neue Möglichkeiten – mit visueller Untermalung, Lichtkonzept, analoger Instrumentierung und Live-Sänger*innen. Wir möchten das Publikum in unser Klangkarussell-Universum eintauchen lassen – in eine audiovisuelle Welt, in der unsere Musik nicht nur gehört werden kann, sondern ein immersives Erlebnis bietet.
Die elektronische Szene verändert sich rasant – Streaming, KI, neue Festivalformate. Wie blickt ihr auf diese Entwicklung?
Tobias: Die Musikbranche ist generell sehr schnelllebig und verändert sich ständig. Leider ist sie mittlerweile sehr datengetrieben: Streamingzahlen, TikTok-Aufrufe, Follower und Algorithmen nehmen überhand. Das ist schade, denn am Ende sollten nicht Zahlen im Vordergrund stehen, sondern die Emotionen, die Musik und Kunst in uns auslösen. Trotzdem möchten wir die technischen Entwicklungen und Innovationen nicht grundsätzlich verteufeln. Elektronische Musik war schon immer ein Experimentierfeld, und in diesem Sinne sehen wir zum Beispiel KI eher als Werkzeug – vergleichbar mit einem neuen Synthesizer oder einer neuen Software – auch wenn wir sie nicht bei unseren Produktionen einsetzen.
Wenn ihr auf euren Weg blickt – von der Euphorie um „Sonnentanz“ über kreative Pausen bis „Petrichor“ – was war der wichtigste Moment der Selbsterkenntnis?
Adrian: Die wichtigste Erkenntnis war, dass wir wieder mehr Musik machen müssen. Eine Zeit lang haben wir sehr viele Shows gespielt und waren viel unterwegs – da blieb oft wenig Raum fürs Studio. Inzwischen gehen wir das strukturierter an und nehmen uns ganz bewusst die Zeit, die wir fürs Produzieren brauchen.
Aus dem FAZEmag 165/11.2025
Text: Triple P
Foto: Maik Schuster
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