Klaudia Gawlas – Ein Jahr voller Wandel, Wahnsinn und Wiederkehr

Foto: Thomas Unterberger

Ein Jahr zwischen kontinentalen Touren, persönlichem Wandel und einer Szene, die sich spürbar neu sortiert: Für Klaudia Gawlas war 2025 eine Zeit voller Kontraste. Während sie in Südamerika ekstatische Nächte spielte, einen eigenen Floor bei Ruhr-in-Love kuratierte, ihr Label vorantrieb und bei der MAYDAY in Polen ein emotionales Heimspiel feierte, liefen hinter den Kulissen Management- und Bookingwechsel, die sie forderten und gleichzeitig stärkten. Dazu kommt ein Techno-Kosmos, der für sie „durcheinander wirkt“, eine Community, die sich am Hard-Techno-Hype reibt, und ein Studio-Fokus, der sich hörbar verändert. Und irgendwo zwischen Flughafengates, Bio-Kaffee aus Kolumbien und einer überraschend erfolgreichen Mode-Kollaboration fand sie neue Klarheit über den eigenen Weg.

Wenn Klaudia Gawlas über ihre Südamerika-Tour spricht, beginnt sie zu strahlen. „Die Leidenschaft der Menschen für Techno hat mich wieder komplett geflasht“, sagt sie und beschreibt, wie die Energie in Südamerika bis heute in ihr nachbebt. „In diesen Ländern zu spielen, macht einfach nur glücklich – da geht mir jedes Mal das Herz auf.“ Auf den Reisen sammelt sie Eindrücke, die später in ihrem Studio weiterleben. „Jetzt im Studio mit einer Tasse davon zu sitzen – das verbindet“, sagt sie über den Bio-Kaffee, den sie sich aus Kolumbien mitgebracht hat. Das Publikum dort beschreibt sie als „intensiver“ als in Europa. „Schon bei den ersten Gigs in Südamerika habe ich gemerkt, dass es ein Publikum gibt, das einen wirklich liebt – und das auch zeigt.“ Für sie fühle es sich an, „als würde dich eine Familie aufnehmen“, wodurch Sets „intimer und gleichzeitig heftiger“ würden: „Oft ist es pure Eskalation. Laut, leidenschaftlich, komplett im Moment.“ Auch in Deutschland gab es besondere Momente. Ihr eigener Floor bei Ruhr-in-Love war mehr als nur ein Booking. „Ruhr-in-Love war mein allererstes Festival – der Start meiner ganzen Reise mit der Musik“, erzählt sie. Genau deshalb wollte sie dort den Sound spielen, „wegen dem mich die Leute überhaupt dorthin gebracht haben“. Für die Community empfindet sie große Dankbarkeit. „Der Rave-Family verdanke ich alles. Jetzt möchte ich etwas davon zurückgeben und mehr teilen.“

Parallel dazu war es ein Jahr voller Umbrüche. Der Wechsel im Management und Booking hat viel Kraft gekostet. „So etwas ist emotional natürlich ziemlich aufreibend“, sagt sie offen. Ein Neuanfang brauche neue Strukturen, neue Prozesse und unzählige Entscheidungen. „Das zehrt irgendwann auch an den Nerven.“ Gleichzeitig ist sie stolz darauf, dass frühere Zusammenarbeiten im Guten endeten: „Das ist mir persönlich extrem wichtig, beruflich wie privat.“ Heute fühlt sie sich bei Goldroom angekommen: „Starkes Team, klare Vision – und wir haben viel vor.“ In der Szene selbst spüre sie Unruhe. „Ich habe das Gefühl, dass sich Techno manchmal auf drei Basic-Styles bündelt – und dann gibt es wieder Phasen wie jetzt, in denen unzählige Untergenres entstehen“, sagt sie. Veranstalter hätten zunehmend Schwierigkeiten, Artists stilistisch richtig einzuschätzen. Gleichzeitig finde sie, dass die reine Beschleunigung am Ende sei: „Nach der Corona-Pandemie gab es einen Wettlauf um die BPM, und jetzt sind wir an einem Punkt, an dem reine Geschwindigkeit nicht mehr reicht. Die Musik braucht wieder mehr Seele.“ Und sie selbst? „Ich konnte lange mit dem brachialen Sound mitgehen … aber jetzt bin ich an einem Punkt, an dem meine Seele nach mehr ruft.“

Foto: Thomas Unterberger

Beim Hard-Techno-Hype bleibt sie differenziert. „Ich kann den Hype absolut nachvollziehen“, sagt sie, erinnert an die frühen 2000er-Jahre: „Wir waren selbst halbnackt bei 148 BPM unterwegs.“ Doch es gebe für sie eine Grenze: „Es ging zu weit – vor allem, was die BPM angeht.“ Viele Produktionen hätten wenig Seele oder Drive. „Wenn wir das wieder hinkriegen, ist Techno genau dort, wo er hingehört.“ Ihr Auftritt bei der MAYDAY in Polen war für sie ein besonders emotionaler Moment. „Es ist mein Heimatland, ein Teil meiner Familie lebt dort – und jedes Wiedersehen trägt schon für sich eine ganze Menge Gefühle.“ Dazu kommt die Verbindung zur polnischen Szene: „Für sie zu spielen, bedeutet mir besonders viel. Irgendwie liegt in dieser Nacht immer ein Hauch von Magie.“

Auch ihr Label bleibt ein fester Bestandteil ihres Schaffens: „Mir ist es wichtig, gute Musik rauszubringen – und gleichzeitig neue, talentierte Artists zu unterstützen.“ Im Sommer lag der Fokus eher auf Releases anderer Artists, doch jetzt ist sie wieder selbst im Studio: „Da wird sicher auch eigener Output entstehen.“ Das Label sei Chance und Herausforderung zugleich: „Das Schöne ist, dass man vieles selbst in der Hand hat. Aber genau das bringt auch Verantwortung – und eine Menge Arbeit.“

Im Studio sucht sie derzeit eine neue Balance: „Ich arbeite gerade viel mit Dynamik – mehr analoge Sounds, ein bisschen zurück zu den Basics.“ Drücken soll es, aber „nicht die Gläser aus den Regalen werfen.“ Ihr Mantra aktuell: „Weniger ist mehr.“ Und dann gibt es noch kleine Momente, die den Touralltag erleichtern – etwa der frisch erreichte Lufthansa-Senator-Status. „Klingt vielleicht banal, aber so eine Karte macht das Tourleben wirklich leichter“, sagt sie lachend. „Ich freue mich darüber wie ein kleines Kind.“

Stark geprägt hat sie zuletzt die Fashion-Zusammenarbeit mit Designerin Karo Kauer: „Für mich eine der besten Designerinnen Deutschlands – vielleicht sogar darüber hinaus.“ Die gemeinsamen Pieces waren sofort ausverkauft. „Dass dann alles in zwei Stunden ausverkauft war, hat mich trotzdem umgehauen.“ Doch am meisten berühren sie Begegnungen auf Reisen: „Manche inspirieren, manche lehren – aber alle hinterlassen Spuren.“ Trotz all der Einflüsse bleibt sie sich treu. „Ich war schon immer jemand, der sein eigenes Ding macht“, sagt Klaudia. Ziele seien ihr Kompass. „Man muss tun, was einen glücklich macht.“ Mit zunehmendem Alter werde vieles klarer. „Vor allem, wenn man Ziele hat.“

Aus dem FAZEmag 166/12.2025
Text: Triple P
Foto: Thomas Unterberger
www.instagram.com/klaudia_gawlas