Knöpfchendreherei im Juni: Drumcomplex & Frank Sonic – Hybrid Live

 

Liebe Freunde des modularen Universums! Herzlich willkommen zu einer Sonderausgabe der Knöpfchendreherei. Normalerweise geht es hier um einzelne Maschinen, Module oder Tools, die unseren Studioalltag besser, kreativer oder manchmal auch komplizierter machen. Diesmal machen wir eine Ausnahme. Statt isoliert auf einzelne Geräte zu schauen, werfen wir einen Blick auf das große Ganze: unser hybrides Live-Setup, das klassisches DJing mit modularer Liveperformance verbindet.

In der elektronischen Musik entsteht der Workflow oft erst aus dem Zusammenspiel verschiedener Komponenten. Die Idee dahinter ist simpel, technisch aber erstaunlich komplex. Wie verbindet man ein modernes Club-DJ-Set aus drei CDJ-3000 und einem Allen & Heath Xone:96 mit einem modularen Eurorack-System, ohne dass Timing, Groove oder Spontanität verloren gehen? Genau an dieser Stelle kommt ein kleines 4HP-Modul ins Spiel, das für viele Hybrid-Performer gerade extrem relevant ist: Pamela’s Disco von ALM Busy Circuits. Das Modul dockt direkt an das PRO-DJ-LINK-Netzwerk der CDJs an und übersetzt Tempo- und Clock-Informationen in modulare Clock- und Trigger-Signale. Das Modularsystem läuft nicht einfach nebenher, sondern wird vollwertiger Partner des DJ-Setups. Tempoänderungen, Loops, Übergänge oder Spinbacks bleiben dabei synchron zum Rack. Aus zwei unterschiedlichen Welten entsteht ein einziges performatives System. Pioniere dieser hybriden Performance sind Drumcomplex und Knöpfchendreherei-Autor Frank Sonic. Sie zeigen, welche Rollen Mixer, CDJs und Modularsystem übernehmen und warum die Kombination aus klassischem DJing und improvisierter Modulartechnik aktuell die spannendste Entwicklung im Live-Techno-Bereich ist.

Kapitel 1 – Improvisation als System

Bei unseren Sets ist nichts vorproduziert. Jeder Moment entsteht live und entwickelt sich aus der direkten, menschlichen Kommunikation zwischen uns, den Maschinen und dem Raum. Aus einem Nicken, einem skeptischen Blick oder einem simplen Daumen hoch werden Entscheidungen getroffen – sprich: Knöpfe gedrückt. Patterns entstehen spontan, werden verändert, verworfen oder weiterentwickelt. Keine Timeline, kein festes Arrangement, keine Sicherheitsschleife im Hintergrund. Teilweise laufen vier bis fünf Kanäle gleichzeitig. Tracks werden geloopt, um Platz für Live-Sequenzen zu schaffen. Breakdowns entstehen im Moment. Highpass-Filter bauen Spannung auf, Synthesizer-Stimmen aus dem Modularsystem verändern über langsam geöffnete Cutoffs kontinuierlich die Energie auf dem Dancefloor. Der entscheidende Faktor ist dabei nicht nur die Technik, sondern unsere permanente Interaktion. Wir reagieren aufeinander, greifen ständig ins Geschehen ein und entscheiden live, wann ein Groove länger laufen darf oder wann genau der nächste Drop kommt. Dadurch wird jedes Set einzigartig: roh, dynamisch und komplett aus dem Moment entstanden.

Kapitel 2 – Sync or die

In einem hybriden Setup entscheidet eine einzige Sache über Funktion oder Totalausfall: Timing. Sobald CDJs, Mixer und Modularsystem gleichzeitig laufen, reicht ein minimal driftender Clock-Impuls aus – und aus Groove wird Chaos. Genau deshalb bildet Pamela’s PRO Workout das eigentliche Nervensystem unseres Rigs. Das Modul von ALM Busy Circuits ist weit mehr als ein einfacher Clockgenerator. Es arbeitet als zentrale Takt- und Modulationszentrale innerhalb des Eurorack-Systems und verteilt sämtliche rhythmischen Informationen an Sequencer, Modulationsquellen, Trigger und Events. Acht frei konfigurierbare Ausgänge liefern alles von klassischen Clock-Teilern über komplexe Ratchets bis zu probabilistischen Triggerstrukturen, Euclidean Patterns oder synchronisierten LFOs. Die Brücke zwischen DJ-Setup und Modularsystem schlägt Pamela’s Disco, ebenfalls von ALM Busy Circuits. Über eine Ethernet-Verbindung lauscht das Modul permanent auf die Masterclock des Pioneer-DJ-Setups und übersetzt sämtliche Tempo-Informationen in modulare Clock- und Trigger-Signale. Franks Rack läuft dadurch nicht einfach mit, sondern wird tatsächlich Teil des gesamten Systems. Der entscheidende Unterschied zu klassischen MIDI-Clock-Lösungen liegt in der Stabilität und Direktheit. Die Tracks liefern Struktur, das Modularsystem erzeugt die Kunst – und das Publikum hört keinen Clockgenerator. Es hört unseren gemeinsamen Groove.

Kapitel 3 – Patch me if you can

Der größte Unterschied zu einem klassischen B2B-Set ist die Möglichkeit, Sounds nicht nur abzuspielen, sondern sie tatsächlich live entstehen zu lassen. Die Trackauswahl bleibt entscheidend: Es muss genug Raum vorhanden sein, um etwas hinzufügen zu können. Bereits mit Arpeggios vollgepackte Tracks eignen sich deutlich weniger als tooliger, loopiger Patchwork-Techno. Mit einem gut geplanten Modularsystem lässt sich in Echtzeit aus einer einfachen Oszillator-Stimme eine Acid-Sequenz bauen – nicht vorbereitet, nirgendwo abgespeichert und eigentlich immer ohne genau zu wissen, wie das Ergebnis klingen wird. Mutig sein ist das A und O. Ob Percussion-Layer oder knarzige Bassline – spätestens wenn das Publikum ausrastet, kommen wir in den Flow. Kabel werden gezogen, Trigger neu verteilt, Sequenzer live umgeroutet, während das Set bereits läuft. Das Risiko ist hörbar: Nicht jeder Eingriff ist vollständig kontrollierbar. Aber genau diese Momente sind oft die stärksten des Abends – nicht weil sie perfekt sind, sondern weil sie genau in diesem Augenblick existieren und sich meistens nicht reproduzieren lassen.

 

Kapitel 4 – Final Pressure

Das eigentliche Geheimnis eines funktionierenden Hybrid-Setups endet nicht bei Clock, Sequencing oder Livepatching. Die entscheidende Frage kommt ganz am Schluss: Wie bekommt man ein modulares System mit derselben Wucht, Dichte und Präsenz in ein Clubsetup wie einen fertig gemasterten Track? Genau dort scheitern viele Hybrid-Performances. Modularsysteme klingen oft beeindruckend im Studio, verlieren aber auf Club-PAs schnell an Druck und Fokus. Einzelne Spuren wirken dünn, Transienten verschwimmen, der Vergleich zu perfekt produzierten Clubtracks wird brutal ehrlich. Deshalb endet unser Signalweg nicht einfach im Mixer. Im Zentrum steht der TouellSkouarn Kemmeskan, ein 60HP-Germanium-Mischer aus Frankreich, der weniger wie ein klassisches Summing-Tool funktioniert und mehr wie eine eigenständige Klangmaschine. Alle Einzelspuren laufen hier zusammen. Danach verlässt das Signal das Rack und läuft gebündelt in die DOCtron IMC MK2. Hier entsteht der Clubdruck. Die IMC MK2 ist eine portable, analoge Instant-Mastering-Chain speziell für Liveacts. EQ, Bus-Kompression, Sättigung und harmonische Verdichtung passieren vollständig analog in Echtzeit. Die Kombination aus THAT-VCA-Kompressor und Lundahl-Transformer-Sättigungsstufe sorgt dafür, dass der Livesound dieselbe physische Präsenz entwickelt wie ein fertig gemasterter Track. Kicks – bei Frank in der Regel aus dem OhmForce-Bohm-Modul – sitzen stabil im Mix, Transienten bleiben definiert. Kein Bruch zwischen Tracks und Live-Elementen, sondern am Ende ein einziger, gemeinsamer Soundkörper.

Kapitel 5 – Behind the Scenes

Meistens sind es nicht die großen Maschinen, die einem Liveset seinen Charakter geben. Es sind die kleinen Werkzeuge im Hintergrund – die Geräte, die selten im Mittelpunkt stehen, aber genau in den entscheidenden Momenten Atmosphäre, Tiefe oder totale Eskalation erzeugen. Bei Arnd sind das zwei Klassiker: das Boss DD-9 Delay und das Boss RV-6 Reverb, beide über Send/Return am Xone:96 angeschlossen. Das DD-9 funktioniert im Club fast wie ein zusätzliches Performance-Instrument – kurze rhythmische Delays erzeugen neue Groove-Ebenen. Das RV-6 liefert breite Shimmer-FX und schwerelos wirkende Räume. Frank setzt dagegen auf ein Gerät, das sich kaum eindeutig kategorisieren lässt: den Landscape Moon. Weder klassischer Synthesizer noch typisches Effektgerät, sondern eine experimentelle, elektroakustische Feedback-Maschine. Berührungen, Spannungen und kleinste elektrische Veränderungen beeinflussen direkt das Verhalten des Instruments. Manchmal reicht auf der Bühne ein winziger Stromimpuls oder ein Tropfen Schweiß, um alienartige Drones, chaotische Texturen oder organisch fragile Noise-Strukturen zu erzeugen. Komplex, unvorhersehbar und genau deshalb so spannend. In einer Zeit, in der künstliche Intelligenz unseren Alltag durchdringt, eine wunderbare Möglichkeit, bestehende Muster aufzubrechen.

Aus dem FAZEmag 172/06.2026
Text: Frank Sonic