
20 Jahre Kollektiv Turmstrasse – und trotzdem fühlt sich dieser Moment eher wie ein Neustart an als wie ein Jubiläum. Mit dem legendären Album „Rebellion der Träumer“, seinem jüngsten Werk „Unity of Opposites“ und Tracks wie „Sorry I’m Late“ hat Nico Plagemann früh Maßstäbe gesetzt und einen Sound geprägt, der bis heute zwischen House, Techno und emotionaler Tiefe funktioniert. Nach der Neuordnung des Projekts führt er den Namen nun alleine weiter, gründet mit Post Hope Audio ein eigenes Label und positioniert sich klar gegen den Druck einer Szene, die immer schneller, lauter und berechenbarer geworden ist. Was nach Selbstbestimmung klingt, ist für ihn kein Befreiungsschlag, sondern das Ergebnis eines langen inneren Konflikts – zwischen Erwartung, Kompromissen und dem eigenen Anspruch an Musik. Im Gespräch in seiner Wahlheimat Lissabon wird schnell klar: Hier geht es nicht um Nostalgie oder Karrierepflege, sondern um Haltung. Um Zweifel. Und um die Frage, wie viel Ehrlichkeit in der elektronischen Musik heute überhaupt noch möglich ist.
20 Jahre Kollektiv Turmstraße. Du hast zwischen House, Techno, Breakbeats und Indie-Dance hin und her gewechselt, ohne dich je festzulegen. War das Freiheit – oder die Suche nach dir selbst?
Beides. Ich habe so lange mit mir gehadert, weil es nirgendwo gepasst hat. Ist das jetzt House? Techno? Was auch immer – ich konnte es nie definieren. Und das war ein Kampf, nicht so ein „Oh, ich bin so frei“-Ding. Ich habe eher an mir gezweifelt, weil es nirgendwo hingepasst hat. Heute weiß ich: Genau das macht es aus. 80 Prozent von Kollektiv Turmstraße sind der Sound. Alles klingt irgendwie nach mir, egal in welche Richtung ich gehe. Das ist das Ergebnis von 20 Jahren.
Du sagst, das ist „dein Leben“, kein Projekt. Aber dein ehemaliger Partner ist gegangen, du führst jetzt alles alleine. Ist Kollektiv Turmstraße nicht damit auch zeitgleich eine Last?
Natürlich. Aber es war nie nur ein Projekt. Meine komplette Diskografie steckt da drin – nicht aufgeteilt in fünf Aliases, sondern alles konzentriert. Jedes Stück ist hundertprozentig meine Seele. Sorry I’m Late, Rebellion der Träumer, Unity of Opposites – da hängt mein ganzes Seelenleben dran. Zu jedem Track kann ich dir die Geschichte erzählen, weil jeder mit einer Person, einem Moment verbunden ist. Das ist die Last, ja. Aber auch der Grund, warum ich nie aufgehört habe.
Dein vorheriges Label Not Sorry hast du quasi verloren – du nennst es eine „feindliche Übernahme“. Jetzt gründest du wieder. Warum sollte es diesmal anders laufen?
Weil das Konzept ein komplett anderes ist. Not Sorry war meine Sandbox, meine Spielwiese – da konnte ich machen, was ich wollte. Post Hope Audio ist das Gegenteil. Ich habe es zwar für mich konzipiert, aber ich möchte es für andere haben. Für Künstler, die zweifeln, die Angst haben, Demos rauszuschicken, die nicht in den Zeitgeist passen. Die Hässlichen, die Ausgestoßenen, die Leisen – die, die Social Media nicht können und auch nicht wollen. Das sind die Leute, die ich möchte.
Du willst Künstlern sagen: „Liefere ab, wie es ist, ich ändere nichts.“ Aber du bist trotzdem der Gatekeeper. Wie passt das zusammen?
Natürlich bin ich die erste Instanz, es muss geschmacklich für mich passen. Der Anspruch ist hoch, das sage ich ganz ehrlich. Aber die DNA des Tracks – die bleibt beim Künstler. Ich würde niemals sagen: Kürz das für Spotify, mach einen Radio-Edit. Ein Künstler liefert seine Stücke ab, so wie sie sind. Und sie sind so genau richtig. Und ich komme auch nicht mit einem 50/50-Deal, weil die eigentliche Schwerstarbeit im Studio liegt, nicht bei meiner PR.
Post Hope – was bedeutet dieser Name für dich?
Für mich ist Post Hope der Punkt, an dem man aufhört, sich etwas vorzumachen. Dieser Moment, in dem du nicht mehr darauf hinarbeitest, Superstar zu werden oder vor 30.000 Leuten zu stehen, sondern akzeptierst, wo du wirklich bist – und damit im Reinen bist. In deiner eigenen Nische, mit deiner eigenen Musik, davon leben zu können. Dich selbst gefunden zu haben. Das ist kein Aufgeben. Das ist Ankommen.
Wir sitzen in Lissabon – deiner Stadt. Was hält dich hier?
Lissabon ist the place to be. Ich glaube, es gibt gerade keine schönere Stadt in Europa. Das neue Berlin, wenn du so willst – aber ohne den Zynismus. Hier ist alles etwas langsamer, etwas ehrlicher. Die Leute haben Zeit. Die Stadt hat Zeit. Meine Familie ist auf Ibiza, da bin ich regelmäßig, aber Lissabon ist mein Lebensmittelpunkt. Und ehrlich gesagt: Ein gutes Gespräch nach einem guten Essen in einer alten Küche – das ist doch genau die Geschwindigkeit, in der Musik auch passieren sollte.
Du positionierst Post Hope Audio explizit gegen Algorithmen und Output-Zwang. Aber ist das nicht auch bequem? Gegen den Mainstream zu sein ist in der elektronischen Musik längst selbst ein Genre.
Kann sein. Aber das ist bei mir kein Branding, das ist ein Schmerz. Es ist ein großer Schmerz, wenn du irgendwann begreifst, wie viele Kompromisse du mit deiner Musik machen musstest. Mit Konzepten, mit Längen, mit Sounds. Künstler passen sich an Algorithmen an, an Spotify – das war nie das Konzept für Kunst. Und genau das macht die Szene gerade kaputt: Künstler können nicht mehr sein, sie müssen funktionieren. Die ganze Kunst verschiebt sich in eine Richtung, die nicht sein sollte, sondern sein muss. Mich treibt an, konträr zum Algorithmus zu arbeiten. Konträr zu Spotify. 9- 10 Minuten-Nummern zu machen und nicht 3 Minuten-Nummern.

Unity of Opposites – dein letztes Album – war also ein Kompromiss?
Ja. Auch Unity of Opposites hat ganz viele Kompromisse von mir gefordert, obwohl ich nicht wollte. Nachbearbeitung, Nachproduktion wegen Spotify, was auch immer dazugehört hat. Die Platte jetzt auf Post Hope Audio ist die ehrlichste, die ich seit ganz langer Zeit gemacht habe. Ohne dass ich mich schlecht dabei fühle.
Du sprichst offen über deine späte ADHS-Diagnose. In einer Branche, in der viele ihre Neurodiversität inzwischen als Marke nutzen – warum machst du das?
Ich bin Ü40 und habe meine Diagnose sehr spät bekommen. Grundsätzlich glaube ich, dass ADHS gerade total überhypt ist. Viele Gewohnheiten lassen sich schnell darauf übertragen. Aber bei mir ist es real, mit Diagnose und medikamentöser Einstellung. Und ich rede bewusst darüber, weil ich möchte, dass Leute, die sich überfordert fühlen, sich testen lassen. Nicht weil es ein Trend ist.
Was bedeutet es konkret für dich – im Studio und außerhalb?
Außerhalb ist es ein kompletter Fluch. Ich bin unsozial, unkommunikativ. Ich verliere Freunde, weil ich mich monatelang nicht melde. Zwei Stunden Meeting? Mein Gehirn ist dafür nicht gemacht. Ich muss alles komplett routinieren, damit der Alltag funktioniert. Aber im Studio passiert was völlig anderes. Ich bearbeite ein Sample, und innerhalb von Minuten bin ich im Hyperfokus. Aus dem Sample wird eine Skizze, aus der Skizze ein Stück, aus dem Stück ein Release. Acht Stunden, ohne dass es mich stört. Und das Verrückte: Ich höre mir manchmal alte Sachen an und denke – wie habe ich das eigentlich gemacht? Ich kann den Arbeitsprozess gar nicht nachvollziehen, weil ich in diesem Blackhole einfach abarbeite. Wie ein Gottes Finger, der dich antippt.
Klingt fast so, als wäre ADHS dein wichtigstes Produktionswerkzeug.
Ich kann eigentlich nur froh sein, dass ich ADHS habe. Sonst wäre ich wahrscheinlich nicht so gut. Aber das sage ich so, nachdem ich das Glück hatte, in diese Nische reinzurutschen. Viele Leute mit ADHS haben das nicht. Die wechseln ihren Job alle drei Monate, sind total lost. Die Vorteile sind marginal – ich konnte sie für mich nutzen, aber das ist ein Privileg. ADHS ist nichts, was ich als Diversität empfehlen würde. Es gibt Schöneres. Ich bin viel zu feinfühlig für die Realität dort draußen. Aber genau das macht mich als Artist aus.
Die erste EP auf Post Hope Audio – drei Tracks, drei Titel: I Promise You, I Move You, I Feel You. Das klingt nach Therapiesitzung, nicht nach Dancefloor.
Und trotzdem landen die Tracks auf dem Dancefloor, das ist ja das Lustige. Aber ja – I Promise You ist für meine Familie. Das Versprechen, nicht aufzugeben, an mich selbst zu glauben, weil andere an mich glauben. I Move You ist dieses „Hör nicht auf“. Move on, move on, move on. Der erste Moment, in dem du dich selbst aufgibst, ist der Moment, in dem Leben aufhört. Und I Feel You ist das Tiefste – dieses Gefühl, Menschen um dich zu haben, die dich akzeptieren, egal was. Die sagen: Ich weiß, es ist schwierig für dich, aber ich bin bei dir.
Beschreib mir den Sound dieser EP. Wenn jemand die Tracks noch nie gehört hat – was erwartet ihn?
I Feel You ist so warm – wie eine Decke, die dich einwickelt und nicht mehr loslässt. Dieses Gefühl von Wärme und Liebe, irgendwie kitschig und trotzdem total ehrlich. Das sind diese warmen Momente für mich auf dem Dancefloor, ohne meine Wurzeln aus House und Techno zu sehr zu verlassen. Die ganze Platte ist auch der Anschluss an mein früheres Ich. Diese Verliebtheit, mit Samples und Sounds zu arbeiten, mit Strings und Piano und cheesigen, simplen Chord Progressions. Ich liebe diese repetitive und doch harmonische Art der Komposition. Nicht zu viel zu wollen. Und trotzdem – dann merkst du auch wieder das ADHS. Wie viel da manchmal passiert. Noch ein kurzer Break und noch irgendwas Neues rein. Ich werde wohl nie diese treibenden Beats bauen können, die über neun Minuten alleine funktionieren. Aber das ist okay. Ich mach’s halt anders.
Du sagst, es ist deine ehrlichste Platte seit Jahren.
Ja, das fühlt sich extrem so an. Ich habe zum ersten Mal keine Angst vor schlechten Kritiken. Weil ich selber so zufrieden bin, dass mir egal ist, was kommt. Bei Unity of Opposites war das anders. Da steckten Kompromisse drin, die mich belastet haben. Diese Platte hier ist einfach Nico. Ohne Filter.
Komplette Kontrolle über Kollektiv Turmstraße, ein eigenes Label, keine Vorgesetzten. Für jemanden mit Selbstzweifeln klingt das nach einem gefährlichen Setup.
Total. Und deswegen habe ich mir bewusst Menschen gesucht, denen ich vertraue. Im innersten Zirkel, bevor ich irgendwas release, muss ich das Leuten zeigen. Weil ich selber viel zu unsicher bin. Wenn jemand wie Alex von Connaisseur sagt, das ist gut – dann weiß ich, das hat was.
Und was ist mit den Tausenden auf Instagram, die „Legende“ kommentieren?
Was bedeutet das? Ehrlich. Jemand um 2 Uhr nachts schreibt „Geilste Nummer der Welt, Legende“ – und drei Tage später, zu Hause mit klarem Kopf, würde er dasselbe sagen? Ich weiß nicht. Das ist Instant-Feedback. Instagram halt. Es freut mich aber es hat für mich keine nachhaltige Relevanz.
Du hast vorhin erwähnt, dass du fast aufgehört hättest. Wie nah war das wirklich?
Sehr nah. Die Zeit von Covid bis jetzt – das waren die härtesten Jahre in der ganzen Geschichte von Kollektiv Turmstraße. Es hat von mir gefordert, die Passion wirklich zu leben. Sonst hätte ich aufgehört. Und ich hätte aufgehört, wenn nicht Menschen um mich herum gewesen wären, die mir immer wieder gesagt haben: Es ist wichtig, dass du weitermachst. Es ist gut, was du machst. Du musst nicht an dir zweifeln. Das klingt jetzt richtig bescheuert, aber: Menschen, die an dich glauben, geben dir so viel Energie, dass du – auch wenn du selbst nicht an dich glaubst – über sie wieder Hoffnung findest. Und genau das ist auch Post Hope Audio. Ich gebe das weiter. Ich gebe einem Künstler, der an sich zweifelt, dasselbe, was mir gegeben wurde: Jemanden, der sagt, mach weiter, es ist nicht scheiße. Egal ob jung oder alt, hässlich, stinkend, ist mir scheißegal. Solange er hinter seinem Sound steht und nicht irgendwelchen Trends hinterherläuft, ist er bei mir absolut willkommen.
2031. Wir sitzen wieder hier, in deiner Stadt, in dieser Küche. Was erzählst du mir?
Der utopische Traum? Ein Label mit der Wertigkeit von Warp oder Rough Trade. So vielseitig, dass da auch eine Indie-Band drauf passt, wenn der Sound stimmt. Kein reines Dancefloor-Label. Und vielleicht gibt es ein zweites Gesicht von Turmstraße. Oder ein drittes, wer weiß? Vielleicht sind es nur Frauen am Ende – wäre auch toll. Ich lasse das total offen. Aber realistisch: Wenn mein Team mit mir gewachsen ist und wir auch nur 50 Prozent davon erreicht haben – dann bin ich am Ziel. Gemeinsam. Ich will gar nicht alleine irgendwo stehen, das macht keinen Spaß. Für mich persönlich wünsche ich mir nur, weiter Musik machen zu können. Ohne den Stress der letzten fünf Jahre. Einfach Artist sein, andere Künstler begleiten, zwei, drei, vier Alben machen. Das wäre der Traum. Schickt also gerne eure Demos an demo@posthope.audio
Aus dem FAZEmag 170/04.2026
Text: Triple P
www.instagram.com/kollektiv_turmstrasse
www.posthopeaudio.com/