Es war das Jahr, in dem die legendärste Disco der Welt seine Pforten öffnete: Das Studio 54 in New York. Es war auch das Jahr, in dem der erste „Star Wars“-Film die Kinoleinwände eroberte und „Rocky“ mit Sylvester Stallone den OSCAR bekam. Es war das Jahr, in dem ABBA mit ihrem Hit „Knowing Me, Knowing You“ fünf Wochen lang den Thron der Deutschen Single-Charts belegte, „Animals“ von Pink Floyd erschien und Niki Lauda zum zweiten Mal den WM-Titel in der Formel 1 gewann. 1977 war aber auch das Jahr, in dem eine heutige DJ-Legende den Grundstein ihrer Karriere legte: Ulli Brenner. Und noch heute – mehr als vier Jahrzehnte später – steht der Mann, der mit dem Eurodance-Projekt La Bouche in den 1990er Jahren seine größten Erfolge feierte, an den Reglern. Auf den Classic Floors riesiger Festivals und in kleinen intimen Clubs hat er dann „Pulverturm“ von Niels van Gogh, „Greece 2000“ von Three Drives oder „Cafe del Mar“ im Nalin & Kane-Remix in seiner Playlist. Zu hören im 60 Minuten langen Classic-Mix, den Ulli Brenner exklusiv für das FAZEmag erstellt hat. Auf zu einem Retro-Flashback in die goldenen Zeiten der Raving Society. Auf zu einer Zeitreise, als das Dorian Gray am Frankfurter Flughafen eröffnet wurde und Sven Väths DJ-Laufbahn noch in den Kinderschuhen steckte. Auf zu einer wahren Legende der Nacht: Ulli Brenner.

 

Wie kam es dazu, dass du im Dorian Gray Resident-DJ wurdest, und was haben Michael Münzing (Snap) und Sven Väth mit deinem Karrierestart zu tun?

Ulli Brenner im Dorian Gray


Ich muss etwas ausholen und den Namen Michael Cretu in den Ring werfen. Der Mann, der später als Kopf des elektronischen Chill-out-Projektes Enigma und als Produzent für Sandra bekannt wurde. Er hatte hier in meiner Heimatstadt Bad Homburg im Jahr 1976 in der „Tanzschule Simon“ als DJ gearbeitet. Ihn lernte ich dort kennen und so kam es, dass es für mich ein Traum war, auch DJ zu werden. Schon eineinhalb Jahre später konnte ich mein Traum erfüllen und durfte in der neuen Location der Tanzschule immer sonntags von 15:30 bis 19:30 Uhr auflegen. Mein weiterer Weg führte mich dann ins Vogue, aus dem später das legendäre Omen wurde. Und 1982 bekam ich die großartige Gelegenheit, im Dorian Gray aufzulegen – im kleinen Club. Im großen Club war damals Michael Münzing Resident-DJ. Nachdem Münzing ein lukratives Angebot vom neu eröffneten Club namens Music Hall bekam, war für mich der Weg in den großen Club frei. So trat ich das große Erbe des Michael Münzing an.

Als du Michael Cretu kennengelernt hattest, war dieser ja noch ein Unbekannter in der Musikindustrie. Hattet ihr später noch einmal Kontakt, hast du Remixe für ihn angefertigt oder ähnliches?

Nein, leider nicht. Es gab allerdings mal ein Treffen in den 90ern Jahren auf Ibiza, wo Cretu mit seiner Frau Sandra in einer Villa lebte und ich mit meinem Produzentenpartner Amir Saraf in Sachen La Bouche unterwegs war. Die Songs von La Bouche wurden ja auf Frank Farians Label MCI veröffentlicht – und Frank Farian, der auf Ibiza ebenfalls ein Haus hatte, lud uns auf eine Tour mit seinem Rennboot ein. Witzige Rand-Anekdote ist: Milli Vanilli war der Name seines Rennbootes. Und eines Abends erhielten wir eine Einladung: ein gemeinsames Abendessen mit Frank Farian,Michael Cretu und Sandra.

Noch mal kurz zurück zum Gray: Du warst selbst auch Stammgast.

Richtig. Kaum hatte der Laden seine Pforten 1978 geöffnet, wollte ich auch rein. Das gestaltete sich anfangs recht schwierig, da ich noch nicht volljährig und die Türpolitik ziemlich streng war. Da gab es viele Leute, die von den Türstehern abgewiesen wurden. Und was mich und meinen Kumpel anging, wir wollten unbedingt den ersten DJ erleben, der mixen konnte: Peter Römer. So standen wird dann schon mal längere Zeit vor dem Gray und warteten, bis uns ein paar hübsche, volljährige Mädels mit reingenommen hatten.

Was war das für ein Gefühl, als du in dem Club, in dem du lange Zeit Gast warst, plötzlich an den Plattentellern stehen durftest?

Das war die Erfüllung pur! Klar, dazu gehörte auch ein Quennchen Glück. Als ich mich für den Job bewarb, rechnete ich in keiner Form damit, dass sie mich als DJ buchen würden. Doch es kam anders – und so stand ich dann ab November ’82 die nächsten zwei Jahre an den Decks im kleinen Club des Dorian Gray. Man muss aber auch sagen, dass es gut war vorher im Vogue aufgelegt zu haben. Es war in der Innenstadt von Frankfurt der angesagteste Club, und ich hatte ein super Zeugnis von der Geschäftsführung bekommen. Das Vogue hatte das Privileg, bis vier Uhr morgens öffnen zu dürfen – und das an sieben Tagen die Woche! Diesen Status hatte auch das Dorian Gray, mit noch einem weiteren Goodie: Da es im ersten Untergeschoss – sprich in der Tiefgarage – des Frankfurter Flughafens angesiedelt war, gab es keine Sperrstunde. Heißt: Die Wochenend-Partys begannen am Samstag und endeten am Montagvormittag. Und aufgrund dieser langen Öffnungszeiten war die Verlockung natürlich auch für das Flughafenpersonal, für Piloten und Stewardessen groß, ins Gray zu gehen. Dort gab es zu dieser Zeit Kaffee und Kuchen, warme Gerichte und nachmittags spielte zwischendurch eine Band. Und während dieser zwei Jahre im kleinen Club spielte ich auch immer wieder mal im großen, so beispielsweise dann durchgehend von morgens sechs Uhr bis abends 20 Uhr. Eine kleine Pause gab es für mich nur, wenn eine Band spielte. Nach mir kam dann der „Abend-DJ“, der bis Montagfrüh übernommen hat.

Beschreib doch mal das Dorian Gray für diejenigen, die (leider) nie dort gewesen sind.

Es gab einen Bereich, nur für Roller Skater. Man muss sagen, dass das damals der absolte Hype war. Es gab einen Lounge-Bereich mit Fernsehleinwand. Dort lief das Programm von ARD, ZDF und den Dritten – mehr Sender gab es damals nicht, und die Leute kamen dadurch schon sehr früh ins Gray. Dort lief dann auch immer „Das aktuelle Sportstudio“. Ein langer Gang führte dann zum Bistro, links war der kleine Club im marokkanischem Stil eingerichtet. Sehr gemühtlich, allein die Sitzkissen in den Sitznischen und kleine Springbrunnen waren in einem Club vorher noch nicht zu sehen. Man kann auch sagen, ein kleiner Palast wie aus 1001 Nacht. Er war musikalisch etwas softer als der große, und Soul & Funk war angesagt. Rechts war der große Club mit härterem Sound und der erste Club, in dem der DJ nicht mit Mikrofon arbeitete. Music nonstop, mixen, mixen, mixen … Und die beste Licht- und Soundanlage für mich zu der Zeit weltweit. Da die Räumlichkeiten sehr niedrig waren, hat es richtig gescheppert. Die Lautsprecherboxen waren von der Dimension so groß, dass zwei Erwachsene sich reinsetzen konnten, und dass auch gemacht haben, um zu vibrieren. Noch dazu war das Gray ein absoluter Vorreiter – mit der ersten Laseranlage Deutschlands.

Es gab dir skurrilsten Events mit den hippsten Promis.

Ja, zum Beispiel hatten wir einmal im Jahr die „Formel 1“-Party im Dorian Gray. Sehr viel High-Society war immer mittwochs, bevor das Rennen am Sonntag auf dem Hochenheimring stattfand. So standen Namen auf der Gästeliste wie Niki Lauda. Oder wenn Franz Beckenbauer im „Aktuellen Sportstudio“ in Mainz war, kam er anschließend noch rüber ins Gray. Auch Roger Moore war da.

Klingt nach Studio 54.

Ganz genau. Das Studio 54 war durchaus auch Vorbild für die Musikanlage im Dorian Gray. So wurde die Anlage auch in Amerika eingekauft.

Wenn du an deine Sets von früher denkst …

… denke ich daran, dass ich damals zehn Stunden lang alleine aufgelegt hatte. Das gibt es heutzutage fast nicht mehr. Spielst du auf Festivals oder in Clubs, hast du einen Timeslot von 60, maximal 90 Minuten. Und während dieser zehn Stunden kamen immer wieder DJ-Kollegen, so zum Beispiel Sven Väth, der gerade von seinem Set aus dem Omen vorbei schaute.

Sven Väth und Ulli Brenner beim Closing des Dorian Gray am 31.12.2000

 

Wenn du ein Zehn-Stunden-Set gespielt hast – hattest du eine Art Playlist?

Nein, alles reines Bauchgefühl. Auf die Menge reagieren, den Sound demenstprechend nach der Reaktion gestalten. Halt das, was den Job eines DJs ausmacht, und fast keine Platte doppelt gespielt in 10 Std.

Und wie bist du an guten Sound gekommen?

Ich fuhr häufig rüber nach Holland, da gab es in Amsterdam die zwei angesagtesten Plattenläden (Attalos und Boudisque), die sich unter anderem auf Musik aus den USA spezialisiert haben. Aber generell hatten sie immer den neuesten Stuff, was gute VÖs anging. Die Läden kamen an Platten, die in Deutschland noch nicht auf dem Markt waren. Holland war dahingehend den anderen Ländern in Europa rund ein halbes Jahr voraus. Die Amis waren damals um Klassen besser, was Musikproduktion betraf.

 

Wie ging es für dich im Gray dann weiter?

Das lief eine ganze Zeit so, bis mein Job als Werbekaufmann – und ich hatte noch Kommunikationswissenschaften studiert – dann mehr Zeit einnahm. Somit trat ich im Gray etwas kürzer und spielte nur noch bei den Monatspartys, oder wenn spezielle Events stattfanden, wie die „Miss Frankfurt“-Wahl. Silvester 1986 kam Sven Väth und nahm meinen Platz im Gray ein. 1993 kam dann ein überraschender Anruf vom ehemaligen Geschäftsfüher des Dorian Gray mit der Anfrage, ob ich nicht im größten Club Deutschlands auflegen möchte. Es hätten sich sehr viele DJs beworben, aber er will mich unbedingt in dem neu entstehenden Club – dem Paramount Park in Rödermark – dabei haben. Da habe ich nicht lange überlegen müssen und sofort zugesagt. Das war dann plötzlich der Club Number 1 in Deutschland, und der größte im Land, mit teilweise 7.000 Gästen am Abend.

In den 90ern ging es dann mit der HR3 Clubnight los.

Ich wurde – nachdem Torsten Fenslau (Culture Beat und Nachfolger von Sven Väth im Gray) bei einem Autounfall ums Leben kam – vom HR angefragt. Hintergrund: Ich war der Resident-DJ im größten Club Deutschlands: dem Paramount Park. Sie fragten mich, ob ich Lust hätte, die HR3 Clubnight zu machen.

Die hast du aber nicht alleine bestritten.

Nein, im Resident-Boot waren unter anderem noch Sven Väth, Heinz Felber, Lady D, Chilly T, DJ Dag, Talla 2XLC und Mark Spoon. Alle Resident hatten rund zehn Shows. Ich war zehn Jahre lang dabei.

Was war das Konzept der HR3 Clubnight?

Ganz einfach: beste Club Musik im Radio, drei Stunden nonstop, ohne Werbung, nur unterbrochen von den Verkehrsmeldungen. Sie lief immer samstags von 21 bis 24 Uhr. Das gab es vorher noch nicht in Deutschland.

Und dann kam La Bouche …

Da muss ich etwas ausholen. 1984 kam die Plattenfirma Teldec auf mich zu und wollte einen Nonstop-Mix von mir. Eine große Ehre für mich, da Teldec damals zu den großen Labels zählte. Darauf folgten zig Produktionen, und ich lernte im Laufe der Zeit den A&R-Manager Martin Unger kennen, der noch heute zu meinen besten Freunden zählt. Mit den Produktionen landeten ich und mein Kompagnon Amir Saraf beim Musikverlag Warner Chappell, wo Martin arbeitete und uns half, Veröffentlichungen einzutüten. Das waren geschätzt 50 Releases – alle nicht hyper-erfolgreich, aber der ein oder andere Achtungserfolg in den Dance Charts war durchaus dabei. Wir hatten auch ein Projekt gegründet namens Amir Saraf. Mit diesem hatten wir die Möglichkeit, durch meine Kontakte, bei der Musikshow „Formel 1“ mit Kai Böcking in Kuba aufzutreten, mit dem Titel „Rain“. Die Sendung war damals Kult, da es weder MTV noch VIVA gab. Sie lief in der ARD. Ein Riesenhit wurde „Rain“ aber leider nicht.

… im Gegensatz zu „Sweet Dreams“.

Genau. Wir lernten durch Zufall Melanie Thornton kennen, die im Rhein-Main-Gebiet auch schon musikalisch unterwegs war. „Sweet Dreams“ entstand und ich bot es Sony Music in Frankfurt an. Sie spielten uns „Mr. Vain“ von Culture Beat vor und sagten in etwa „So müsste sich das anhören“. Wir waren aber von unserer Version von „Sweet Dreams“ überzeugt und habe es Frank Farian vorgespielt, der damals in Roßbach wohnte. Der Kontakt zu Frank Farian kam über Martin Unger, der uns beide in einer Disco bekanntgemacht hatte. Frank war total begeistert und sah sich unser Tonstudio an. Das war allerdings etwas zu minimalistisch ausgestattet, sodass er uns den Schlüssel für sein Tonstudio überließ, wo er auch Milli Vanilli und Boney M. produzierte. Wir sollten hier den Song technisch perfektionieren. Unsere Version von „Sweet Dreams“ entstand auf einem 16-Spur-Mischpult, Frank hatte eins mit 48 Spuren.

Und dann ging es steil bergauf.

Platz 8 in den deutschen Verkaufs-Charts. Bis die Nummer aber ein Erfolg wurde, dauerte es. So setzte ich mich im Sommer ’93 an die Telefone und habe sämtliche Radiostationen angerufen, und mir dieses Lied gewünscht. Und zack – lief es im Radio. Ohne Radio-Einsatz: keine Chance. Ich lernte dann im gleichen Jahr auf der Kölner Musikmesse Popkomm den Manager von BMG kennen: Thomas Stein. Und er pushte „Sweet Dreams“, was dem Erfolg sehr half.

Einer erfolgreichen Single soll meistens direkt ein erfolgreiches Album folgen.

Exakt. So setzten wir uns ins Tonstudio und produzierten das gleichnamige Album zur ersten Single. Zweite Auskopplung war dann „Be My Lover“. Die wurde zum Welthit und auch Platz 1 in Deutschland. Gold, Platin, Platz 5 in Amerika in den Top-100 Billboard Charts.

Wenn heute La Bouche irgendwo läuft, verdient ihr dann noch Geld?

Selbstverständlich.

Dann wurde aus dem Produzenten Ulli Brenner der DJ Ulli Brenner.

Wieder, ja. Amir wollte alleine weitermachen, so trennten wir uns und ich konzentrierte ich mich auf meine DJ-Karriere. Mit M.I.T.C.H. fand ich einen neuen Partner, bürgerlich Michael Phadt. Zusammen brachten wir als Ultra den Track „Free“ raus im Jahr 2000 mit Charterfolg. Weitere Projekte und Titel waren „Modus“ von Modus, „Relevation“ von Chapter & Page, „Funzone“ von D.A.4.

 

Lass uns einen Zeitsprung ins Hier und Heute machen. Wo, wie und wovon lebst du im Jahr 2021?

Noch immer von den Einnahmen aus dem Projekt La Bouche. Ich habe hier in Bad Homburg ein schönes Zuhause und bin auch nach wie vor immer noch gerne als DJ bei Events unterwegs, wie sie sunshine live, Talla und Werner Griese machen. Letzter rief ja unlängst das Projekt „Wonderful Days“ im Kölner Bootshaus ins Leben – ein Classic Rave. Auch hier stehe ich im Line-up, wenngleich momentan aus bekannten Gründen nur bei Online-Events.

 

 

 

 

 

Ulli Brenner beim sunshine live Retroactive 2


Folgend findet ihr ein paar Direkt-Links zu YouTube – zu Tracks von Ulli Brenner: