Löst New York Berlin als Techno-Hauptstadt ab? Machtwechsel wird diskutiert

Das Basement in New York – einer der angesagtesten Techno-Clubs der US-Metropole

In einem ausführlichen Artikel stellt eine Autorin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) eine provokante These zur Diskussion: New York könnte Berlin als zentrale Referenzstadt des Techno ablösen. Gemeint ist kein plötzlicher Bruch, sondern eine schleichende Verschiebung innerhalb der globalen Clubkultur.

Die FAZ zeichnet dabei zwei gegenläufige Entwicklungen nach. Während Berlin mit den Folgen seiner Institutionalisierung ringt, formiert sich in New York unter schwierigen Bedingungen eine neue, stark vernetzte Underground-Szene. Historisch betrachtet war New York bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren ein zentraler Ort der Clubkultur, von Studio 54 bis Paradise Garage. Aids-Krise, „War on Drugs“ und Gentrifizierung setzten dem Nachtleben jedoch früh enge Grenzen. Techno als post-diskursive Subkultur entwickelte sich anschließend vor allem in Detroit, Chicago und später in Europa.

Berlin profitierte nach dem Mauerfall von Leerstand, geringen Mieten und politischen Grauzonen. Diese Bedingungen ermöglichten den Aufstieg von Clubs wie Tresor und später Berghain. Sven von Thülen, DJ und Chronist der Szene, spricht in der FAZ rückblickend von einem „Schlaraffenland“ der 1990er-Jahre, in dem ökonomischer Druck kaum eine Rolle spielte. Heute sei vieles professioneller, aber auch berechenbarer geworden.

In New York dagegen wachse Techno erneut „von unten nach“. Clubs wie Nowadays, Basement oder Bossa Nova orientieren sich zwar sichtbar an Berliner Vorbildern, übersetzen diese jedoch in einen eigenen sozialen Kontext. Der frühere Rave-Veranstalter Seva Granik beschreibt seine prägende Berghain-Erfahrung als Moment, in dem ihm bewusst wurde, wie konsequent Clubräume auf das Erleben der Gäste ausgerichtet sein können. „Diese Erfahrung hat mein Denken darüber, was möglich ist, völlig umgekrempelt“, wird Granik in der FAZ zitiert.

Die DJ-Booth des Nowadays in New York

Zugleich betont der Artikel die strukturellen Unterschiede: hohe Eintrittspreise, fehlende Förderstrukturen und kaum politischer Rückhalt erschweren Clubarbeit in New York erheblich. Dennoch habe sich dort zuletzt eine kooperative Szene entwickelt, die Termine abstimmt, Ressourcen teilt und gezielt Nachwuchs fördert. Mit dem geplanten Queer Nightlife Community Center in Brooklyn soll erstmals eine dauerhafte, gemeinwohlorientierte Infrastruktur entstehen.

Berlin stehe laut FAZ an einem Wendepunkt. Schließungen wie Watergate oder das kurz vor knapp abgewendete Aus der Renate machten deutlich, dass das einstige Freiheitsversprechen unter Druck gerät. Ob sich die Zukunft des Techno in etablierten Institutionen oder neuen, solidarischen Räumen entscheidet, sei offen. Die FAZ kommt zu dem Schluss, dass derzeit weniger das Rampenlicht als vielmehr der riskante, gemeinschaftliche Untergrund darüber entscheidet, wo sich die nächste Phase der Clubkultur formiert – und dieser entstehe aktuell auffallend dynamisch in New York.

Quelle: FAZ

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