
Manche Musiker lassen sich von ihrer Umgebung inspirieren – Lomond Campbell lässt sich von sich selbst leiten. Genauer gesagt: von seinem eigenen Herzschlag. Für seine neue EP „Transmission Loss“, die am 10. Oktober via One Little Independent Records auf Kassette und digital erschien, machte der schottische Künstler sein Herz zum Zentrum der Komposition. Der Puls wird zur Partitur, die Frequenz zur Form.
„Ich habe meinen Herzschlag schon einmal aufgenommen, aber das Geofon hat so viel Tiefe und Details eingefangen“, erzählt Campbell im Gespräch. Das Geofon, ursprünglich ein Gerät zur Erfassung von Bodenschwingungen, nahm den inneren Rhythmus des Musikers auf – roh, ungeschönt, organisch. Mal bleibt dieser Klang pur erhalten, mal moduliert er ihn mit Filtern, LFOs oder Delayzeiten, wenn Lomond die Daten mithilfe von MAX/MSP in Klangparameter übersetzt. Das Resultat ist ein vielschichtiges Ambient-Werk über „Desinformation, Verzerrung und Zerfall“ – und über die Schönheit, die in Störungen steckt. „Ich habe auf diesem Album viel Verzerrung verwendet. Das hat wirklich gut funktioniert, und ich wollte die Schönheit erkunden, die in harmonischer Verzerrung zu finden ist“, sagt Campbell.
Wie so oft bei ihm verschwimmen in „Transmission Loss“ die Grenzen zwischen Musik, Technik und bildender Kunst. Lomond Campbell, der in Schottland in einem ehemaligen Observatorium lebt und arbeitet, baut viele seiner Instrumente selbst. In diesem Fall prägten Experimente mit einer Maschine namens The Unsung Machine das Ergebnis. „In gewisser Hinsicht ist das gesamte Album ein glücklicher Zufall, da es das Ergebnis von Experimenten ist“, so Campbell. „Alle zusätzlichen Instrumente, die ich eingeführt habe, waren ziemlich frei und spielerisch.“ Auch das Medium passt zur Haltung: Die EP erscheint u.a. als Kassette – bereits die vierte auf One Little Independent Records. „Ich liebe den Klang von Tonband“, schwärmt Campbell. „Es ist schnell herzustellen, und man kann aufgrund der Form der Kassette mit dem Design spielen.“ Das Artwork zeigt eine mikroskopische Ansicht eines 3D-Herzmodells – ein visuelles Echo des musikalischen Konzepts, das zwischen organischer Tiefe und technischer Präzision schwingt.
Die Idee, den eigenen Herzschlag live einzubinden, reizt ihn ebenfalls. „Das ist eine großartige Idee, die ich in Zukunft gerne weiterverfolgen möchte“, sagt er. „Man sollte aber besser eine Apple Watch als ein Geofon dafür verwenden.“ Dass die Wurzeln moderner digitaler Delays einst in der medizinischen Herzüberwachung lagen, rundet die ironische Schleife elegant ab. Am Ende ist „Transmission Loss“ mehr als eine experimentelle EP. Es ist eine Meditation über Kontrolle und Zufall, über Rhythmus als menschliche Konstante in einer Welt aus Datenrauschen. Campbell selbst beschreibt es so: „‘Transmission Loss‘ ist ein Album darüber, wie man inmitten der täglichen Verzerrungen, in denen wir uns derzeit befinden, Frieden finden kann.“
Aus dem FAZEmag 165/11.2025
www.instagram.com/lomond_campbell