Fotocredit: Lush Point


Es waren sein erster Macintosh-Rechner sowie ein paar Freunde aus dem Rock-Milieu, die dem gebürtigen Italiener erste Kontakte zur Musikwelt bescherten. An der Politecnico di Milano in Mailand folgte ein Studium in digitalem Design und visueller Kommunikation sowie erste DJ-Gigs in Clubs respektive halblegale Raves am Stadtrand. Nach einem erfolgreichen Stipendium an der Bauhaus Universität in Weimar folgte für Luca Draccar der Umzug nach Berlin, seiner heutigen Wahlheimat.  Dort vertiefte Draccar seine Liebe zu glänzendem Techno sowie düsteren und exotischen Rhythmen und startete offiziell seine Karriere. Auf Lush Point – seinem eigenen Label – erscheint am 2. April mit „Soul Grabber“ nun seine neueste Veröffentlichung, inklusive eines Remixes der deutschen Techno-Legende T. Raumschmiere.

Mit den insgesamt fünf Titeln beabsichtigt Draccar dabei auch, eine Metapher zu kreieren, an die „verruchte Welt, in der wir leben“ gewandt, mit dem Ziel, den Dialog in die „Gesellschaft des Bösen“ zu bringen, der „diabolischen und makellosen Welt der Vernichtung.“ Dabei zitiert er ebenfalls gerne Maurice Blanchot, der für ihn einst ziemlich zutreffend sagte: „Wer der Dunkelheit begegnen will, muss am Tag danach suchen.“ Eine Idee findet Draccar dabei besonders interessant: „ … dass sich Schatten und Geister besser in das Mittagslicht schmiegen als in die Dunkelheit der Nacht. Dämonen, Götter, Vampire und andere Kreaturen, die sich nicht im Kontakt mit Licht auflösen, sondern sich vom Licht ernähren. Es ist ihr Lebenselixier. Wenn ja, wären sie noch gefährlicher. Fast unbesiegbar.“

Alles begann mit einer Reflexion aus dem Film „Natural Born Killers“ von Oliver Stone, aus dem Jahr 1994: „Was ist Mord, mein Freund? Alle Geschöpfe Gottes töten, auf die eine oder andere Weise. Schauen Sie sich die großen Wälder an. Dort gibt es Spezies, die andere Spezies töten, unsere Spezies tötet alles und sogar fröhlich dabei, auch die Wälder. Nur nennen wir es ,Industrie‘, nicht Mord.“ Lucas Musik ist durch seinen Werdegang stark geprägt: „Ich habe Multimedia-Kommunikation/Aktiv-Design an der Bauhaus-Universität in Weimar studiert und u.a. später für die ,Transmediale‘ ein Motion-Tracking-Projekt entwickelt. ,The Special Player‘ beschäftigt sich mit Licht und Schatten und Bewegung. Über einen Infrarotsensor wird die Bewegung von Tänzern im Publikum in real time auf eine Leinwand auf der Bühne projiziert. Ich war damit auch u.a. auch mit Autechre auf Tournee.“

Auch aktuelle omnipräsente Ereignisse behandelt Draccar nach seiner Ansicht mit der EP, wenn auch auf abstrakte Art und Weise: „Ich nehme die Vorstellungskraft als Ausweg aus der Krise, als Verteidigungslinie gegen Pandemie und Isolation und generell gegen das Nichts, das uns manchmal zu verschlucken droht. So sind Tracks entstanden, die trotz der Katastrophe positive Energie geben, so wie sie sie mir bei der Studioarbeit gegeben haben.“ Und so ist der Titel „J’adore“ eine Art Ode an die Dinge, die Draccar im Leben liebt: „Ich liebe die Freiheit, die ohne Respekt, Toleranz und Meinungsfreiheit nicht existieren kann. Seltsam praktizierte Meinungsfreiheit darf aber nicht zu unseren eigenen Ketten werden. ,Open‘ steht für das großartige Leben, das wir momentan nicht mehr führen können, aber nicht vergessen dürfen. Pianosequenzen, atmosphärische Keyboard-Sounds und ein hypnotisierender Bass nehmen mit auf eine Reise, die wir hoffentlich bald wieder alle erleben dürfen. Vielleicht ja auch mit ,Open‘ als Opener für viele DJ-Sets in wieder geöffneten Clubs.“

Mit dem Track „Satan Club“ thematisiert Draccar den Teufel, der seiner Meinung nach jedem von uns innewohnt: „Er ernährt sich von unserem Hass, verletzt, nutzt unsere Schwächen, unsere Ängste aus, damit nur das Böse überlebt, wie es in ,Natural Born Killers‘ heißt. Dieser Song mit beispielsweise gregorianischen Vocal-Samples ist der düsterere Part der EP, aber ich verstehe den ,Satan Club‘ als einen Ort, der sich mit den Schatten auseinandersetzt, das Böse ausschaltet und sich auf das Leben besinnt. Bei ,The Rest Is Noise‘ geht es darum, auch mal Stille auszuhalten, was für Menschen immer schwieriger wird. Abgesehen vom Krach der Umwelt um uns herum wird durch die Kommunikation in den sozialen Medien heutzutage immer noch mehr Lärm gemacht – viel ,Lärm um Nichts‘. Darunter wird ,Wachstum‘ verstanden; als öffentliche Person oder private Persönlichkeit, gemessen an Klicks und der Anzahl der Freunde und Follower. Einfach zu schweigen oder auch einmal in Stille auszuharren, gilt eher als Versagen. ,The Rest Is Noise‘ steht für den Mut zur Stille und zur Besinnung.“

 

 

Aus dem FAZEMAG 110/04.2021 
Text: Triple P
Foto: Lush Point
www.instagram.com/lucadraccar