Mit seinem ersten Longplayer bereichert der in Polen beheimatete Künstler MANOID die Szene durch einen sehr abwechslungsreichen und erwachsenen Sound. Zehn Tracks, von denen in puncto Struktur und Atmosphäre kaum einer dem anderen gleicht, belegen sein sehr großes Verständnis für das, was er da macht. Beim erstmaligen Hören könnte man meinen, man hätte es hier mit einer seit Dekaden der elektronischen Musikwelt zugewandten Person zu tun. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Erst im Jahre 2013, als MANOID nach Warschau zog und sich mit seinen selbst gebastelten Produktionen in die Öffentlichkeit traute – und begeisterte –, begann seine Karriere allmählich sich zu entwickeln. Eine seiner frühen Basteleien schickte er dem polnischen Magazin „Estrada i Studio“ und gewann im Zuge eines Contests einen professionellen Lehrgang zur Sound-Produktion. Das gab ihm Mut und es folgten seine erste EP sowie der Weg in die Clubs. Plötzlich stand er in nahezu jedem Line-up in Polen und ist seither auch international unterwegs: Island, Litauen – gar Südkorea stand bereits auf seinem Plan.

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Mit „Truth“ verpackt er nun, so sagt er selbst, die Wahrheit über sich in Musik. Keine Trends, keine Kompromisse, kreiert in wichtigen Momenten seines Lebens. „In Zeiten von Fake News suchte ich nach etwas Realem. In meiner Wahrnehmung sind meine Songs sehr realistisch und ohne Träumereien“, umreißt er sein musikalisches Konzept. Seinen düsteren und schweren Sound zu beschreiben, ist wahrlich kompliziert, stellt aber auch gleichzeitig den Reiz dar, der von seinen Kreationen ausgeht. Er macht auch kein Geheimnis daraus, dass seine eigenen Ideen ihn beim Realisieren teils vor Probleme stellten. „Der eigentliche Plan war, alles selbst zu kreieren. Es gab jedoch einige Klänge in meinem Kopf, die ich einfach nicht verwirklichen konnte, so begab ich mich auf die Suche nach anderen Künstlern, die mir bei meinem Konzept helfen können“, konstatiert MANOID. So entstanden auf dem Album interessante Kooperationen mit beispielsweise dem Cellisten des Atom String Quartet, einer der bekanntesten polnischen Jazz-Formationen. „Nach einer Zeit realisierte ich einfach, dass das, was wirklich zählt, das Endprodukt ist. Ich muss nicht jedes Detail selbst in die Hand nehmen. Wenn eine Kooperation dem Track guttut, dann gehe ich das auch an.“ Ein weiteres Beispiel ist „Take Me“, die Vorab-Single zu seinem Album, bei der er mit Josephine Philip von Darkness Falls kollaborierte, die mit ihren hypnotisierenden und doch freundlichen Vocals einen deutlichen Kontrast zu den düsteren Baselines von MANOID darstellt. „Als ich den Sketch zum Track fertigstellte, fing ich erst an, selbst zu singen. Da ich aber natürlich kein Vokalist bin, suchte ich mir jemanden, der perfekt zur Stimmung beitragen kann“, erinnert er sich. „Wir gaben einander die komplette künstlerische Freiheit, die dann zum Ergebnis geführt hat.“

Pläne für weitere Kollaborationen hat er vorerst nicht, auch wenn er diese nicht ausschließt. Im Gegenteil. „Natürlich gibt es viele Künstler, die ich sehr respektiere. Andy Stott, Max Cooper, Eskmo, Trentemøller oder Floating Points, um nur einige zu nennen. Aber ich habe nicht im Kopf, dass ich mit der oder der Person jetzt unbedingt zusammenarbeiten muss. Der richtige Moment und Anlass – darauf kommt es an. Ich vertraue darauf, dass ich die richtigen Leute zur richtigen Zeit finde und diese mir dann dabei helfen, weiterhin schöne Musik zu kreieren.“

Mit seinem Klang, aber auch seiner äußerst bescheidenen und doch zielgerichteten Art beweist MANOID vor allem eines: den Hunger auf Neues und Außergewöhnliches. Auf den Sound, der sich vom üblichen Dancefloor stark abhebt und dem Hörer einen besonderen Moment verschafft. Mit dieser Einstellung ist er vor allem in seiner Heimat nicht allein. Die immer größer werdende elektronische Szene Polens liefert geradezu herausragenden Nährboden für neue, mutige Künstler, und das freut natürlich auch MANOID: „Seit ein paar Jahren gibt es Events für jegliche Form der elektronischen Musik. Auch die Produzenten gehen bei uns ihren ganz eigenen Weg dank der sehr vielseitigen Szene, die von Ambient bis Gabber reicht. In diesem Jahr gibt es sogar Festivals, die ein rein lokales Line-up bieten, ohne Headliner auskommen und trotzdem ausverkauft sind. Das zeigt, dass sich die polnische Szene sehr nach vorne entwickelt und auch die Künstler ihre eigene, die polnische Szene mitnehmen.“

 

Aus dem FAZEmag 081/11.2018
Text: Janosch Gebauer
www.manoid.live