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Mit verschiedensten Veröffentlichungen auf Labels wie Minus, Innervisions sowie seinem eigenen Items & Things verschaffte sich Marc Houle, seines Zeichens kanadischen Ursprungs, einen Namen, der für Qualität steht. Seine erste EP erschien bereits im Jahr 2004, sodass er bei genannten Labels nicht ohne Grund zu den Key-Akteuren gehört. Die „Sinister Mind“-LP bildet nun den Auftakt einer Album-Trilogie, die unterschiedlichste Stile und Stimmungen Houles präsentieren soll. Der erste Teil widmet sich dabei auf neun Titeln den eher düsteren Soundlandschaften und vereint Sci-Fi-Elemente mit verträumten Passagen.


Marc, wie geht es dir und wie waren die ersten Monate des Jahres für dich?

Ich bin zurück in Berlin, wo ich mir gerade Frühstück gemacht habe. Ich liebe es, zu kochen – genauso wie Musik zu machen. Das Jahr fing in der Tat etwas dröge an. Das Wetter war bislang sehr schlecht, ebenso die News, die man jeden Tag liest, sieht bzw. hört. Glücklicherweise ist mein Studio sowohl wetter- als auch nachrichtenunabhängig und bleibt von diesen beiden Sachen gänzlich unberührt. Ein Ort, wo ich mich nach Lust und Laune zurückziehen und Spaß haben kann. Musik und das Produzieren dieser waren für mich schon immer positive Einflüsse.

Lass uns über deine musikalischen Einflüsse sprechen. Dein erstes Release war vor 13 Jahren. Wie bist du zur Musik gekommen und was war deine größte Motivation dabei?

Schon als ich jung war, faszinierten mich abgefahrene Synthie-Sounds – egal ob aus der Sesamstraße oder dem Atari. Meinen ersten eigenen Synthesizer habe ich vor rund 30 Jahren bekommen – und ja, er hat mein Leben verändert. Ich habe damals extrem viel Zeit damit verbracht, Musik zu kreieren und aufzunehmen. Ich hätte niemals gedacht, dass das jemals auch nur ansatzweise zu etwas führen würde, aber ich hatte den Antrieb und den Drang, so viel Musik wie möglich zu machen. Dass ich auch noch in der Nähe von Detroit aufgewachsen bin, hat sein Übriges getan. Ich habe regelmäßig alle Musik-Shops nach alter Hardware abgeklappert, die damals recht günstig zu bekommen war. Ich träume noch immer davon, einen Karton voller alter Maschinen unter einem Tisch dieser Läden zu finden (lacht).

Was waren bzw. sind deine favorisierten Tools? Deine Liebe zur Hardware wird regelmäßig über deine Social-Media-Kanäle offenkundig.

Das ist schwer zu sagen. Anfangs habe ich quasi das gehabt, was man kriegen konnte. Zu viel gab es damals nicht. Es hat mir Spaß gemacht, die jeweiligen Unterschiede unter die Lupe zu nehmen, zu vergleichen und zu kombinieren. Somit habe ich meine Suche nach neuer Hardware extrem heruntergefahren und meinen Fokus auf das gelegt, was ich besitze. Die Synths, die mich vor einigen Jahren glücklich gemacht haben, tun es heute noch immer. So zum Beispiel der Juno-60, ein großartiges Gerät, das mit seinem schönen Chorus toll als Pad klingt und wahlweise auch als superpowervoller Bassline-Generator einsetzbar ist. Ebenfalls unter meinen Favoriten, auch wenn schon fast 30 Jahre alt, ist der Mono/Poly – er klingt noch heute extrem modern. Und, wie könnte es anders sein, der 808. Quasi mein bester Freund. Die Wärme der Toms und der Kicks ist unerreicht, selbst nach so vielen Jahren.

Nun schreiben wir 2017 und du veröffentlichst dein siebtes Album – Gratulation dazu! Erzähl uns vom Konzept, statt eines Albums gleich drei veröffentlichen zu wollen.

Nach über zehn Jahren als Produzent habe ich es als guten Zeitpunkt empfunden, meine musikalische Reise auf den Prüfstand zu stellen. Als ich im Studio saß, habe ich schnell festgestellt, dass ich viel zu viel Material habe und es weder größentechnisch noch stilistisch so richtig auf ein einziges Album passt. Je länger ich daran saß, desto mehr kam in mir das Gefühl auf, dass sich die Musik in drei unterschiedliche Richtungen bzw. Stimmungen bewegt. Es hätte sich nicht richtig angefühlt, sich gegen zwei zu entscheiden.

Auf „Sinister Mind“ geht es düster sowie gemächlich zu. Was hat dich inspiriert?

Mein Sound hat sich schon immer irgendwo zwischen fröhlich und extrem dark bewegt. Diese Emotionen können beide auch mal zeitgleich präsent sein, dennoch fühle ich mich oftmals zu der eher dunkleren Seite hingezogen und den Gefühlen, die ein Track dieses Gefildes auslösen kann. Spärliche Melodien im Reverb klingen für mich wunderschön.

Wie hat sich deiner Meinung nach deine Art und Weise, im Studio zu arbeiten, im Vergleich zu den vorigen Alben verändert?

Ich würde sagen, früher war ich d’accord damit, viele Sachen recht roh zu belassen. Heute beschäftige ich mich viel mehr mit Effekten, um gewisse Elemente auf ein anderes Level zu bringen. Ich liebe die Sound-Toys und PSP-Plugins. Dennoch versuche ich, Dinge nicht zu sehr zu verfremden, sodass man als Kenner nach wie vor raushören kann, welches Gerät eingesetzt wurde. Ich mag das und finde das wichtig, denn dieser eine Sound, der mich irgendwann im Studio faszinierte, sollte meines Erachtens genau so zu hören sein. Auch führe ich meine Mixdowns mittlerweile mit Kopfhörern durch und nicht allein nur mit Monitoren – das ermöglicht mir ein präziseres Urteil. An meiner Grundarbeitsweise, Hardware via SSL an Cubase zu connecten, hat sich im Grunde aber nichts geändert.

Dennoch hat sich dein Sound verändert – oder wie siehst du das?

Ja, das sehe ich auch so. Ich denke, früher war ich etwas geduldiger, als ich es heute bin. Wobei ich das nicht unbedingt als Vor- bzw. Nachteil sehe. Wenn ich meine alten Tracks höre, höre ich sehr langsame Arrangements bzw. Aufbauten. Heute ist alles etwas schneller, was auch der heutigen Zeit und Szene geschuldet ist. Meine Handschrift ist – trotz der mehreren Kompressoren, die ich heute verwende – aber in meinen Augen überall erkennbar, sodass es keine allzu großen stilistischen Unterschiede gibt zu den Tracks von vor einigen Jahren.

„Sinister Mind“ erscheint auf deinem eigenen Label. Wie ist das, für sämtliche Schritte eines Albums selbst verantwortlich zu sein?

Glücklicherweise habe ich ein großartiges Team an Bord, das mit mir gemeinsam arbeitet. Wenn ich alles selbst machen müsste, würde es wohl bestenfalls für EPs reichen. Mir ist bewusst, dass ich vielmehr Künstler als Geschäftsmann bin, sodass ich den Grundsatz pflege, dass jeder das machen sollte, was er am besten kann. Es ist ein schönes Gefühl, Sachen dann und in der Form veröffentlichen zu können, wie man es möchte. Der Weg, auf einem fremden Label zu releasen, wo sich jemand durch deine Sachen hört und dir dann eine fundierte Meinung gibt, ist aber nichtsdestotrotz auch gut und nicht außer Acht zu lassen.

Wie lange hast du für die Produktion des Albums gebraucht und gab es dabei Höhen und Tiefen?

Selbstverständlich. Als ich die ersten Tracks im Kasten hatte, war ich extrem glücklich über das Ergebnis. Nach mehrmaligem Hören jedoch hatte ich das Gefühl, dass dem Ganzen ein roter Faden fehlte, dass es nicht wirklich zusammenpasste. Also musste ich versuchen herauszufinden, was genau da nicht stimmte, und diese Dinge beheben. Es war wie eine Art Puzzle, das zusammengebaut werden musste, nur dass man nie genau weiß, wann das Bild nun endlich „perfekt“ ist. Dieses Album funktioniert meiner Meinung nach ganzheitlich. Natürlich kann man einzelne Tracks herauspicken, besonders wird es aber vor allem, wenn man es am Stück hört – jeden Track zusammen mit dem davor und dem danach. Das ist für mich auch der entscheidende Unterschied zu meinen bisherigen Alben: Diese nun anstehenden drei sind viel konzeptioneller. Jedes Album widmet sich einem Thema, einer Story. Dass ich ein Release in dieser Art angegangen bin, gab es bislang nur bei „Drift“ auf Minus.

Für manche Stücke der kommenden Werke hast du mit deinem Bruder Dave kollaboriert. Wie war die gemeinsame Zeit im Studio?

Er ist ein fantastischer Gitarrist. Er hat sein Supermansion-Projekt am Laufen und eine großartige Begabung, Lücken zu füllen, wenn es auf diesem Gebiet kreativen Inputs bedarf. Ich kann ihm die ungefähre Stimmung erklären, um die es gehen soll, und er liefert mir auf der Gitarre die perfekten Sounds dazu.

Welche Themen bzw. welche Inspiration werden die zwei Nachfolger-Alben darstellen?

Beim nächsten Album wird es straighter und fokussierter auf den Dancefloor gehen mit Sachen, die man auch auf größeren Events spielen kann. Nach wie vor mit einigen Melodien, allerdings nicht ganz so düster. Auf dem dritten und letzten Longplayer dieser Serie geht es dann verlangsamt und auch leiser zur Sache. Dort wird es Tracks geben, die man ideal zu Hause hören kann – eine Menge Melodien und Harmonien.

Definitiv auf dem Dancefloor angekommen ist dein Track „Tomboyz“, der schon zu einer Menge Gesprächsstoff und Shazam-Aktivierungen geführt hat. Gerade ist der Titel bei Innervisions im Rahmen der „Secret Weapons“ erschienen.

Ja, das ist richtig. Ich habe es schon immer geliebt, Synth-Pop-Tracks zu machen. Sachen, die sich dem repetitiven Techno eher abwenden und stattdessen Synth-Solos und Pads präsentieren. So kann ich meine Hardware auf viele verschiedene Arten einsetzen. Da ich bereits im vergangenen Jahr einen Track dort hatte und ich mich stets mit diesem tollen Label beschäftige, wusste ich, welche Titel Steffen und Kristian gefallen könnten, und gab ihnen irgendwann an einem Flughafen einen Stick voller Musik. Die beiden sagten mir dann später, dass sie den Track sehr mögen und gerne veröffentlichen würden. Das ehrt mich natürlich. Es freut mich, dass auch andere Seiten von mir akzeptiert bzw. toleriert werden.

Kevin Saunderson hat dich gebeten, für sein Label einen von Detroit inspirierten Track zu produzieren. Herausgekommen ist „Tokos“.

Ja, ich hatte zu dem Zeitpunkt einige Stücke auf meiner Festplatte, die stark von Detroit geprägt waren. So hatte ich erst in Erwägung gezogen, ihm einfach einen davon zu schicken. Dann jedoch habe ich angefangen, den für Detroit typischen Sound wirklich zu analysieren, und wollte etwas Neues machen. Ich finde, für den klassischen Detroit-Sound benötigst du einen traditionellen Beat aus der 808 oder 909. Anschließend die Chords. Natürlich nicht irgendwelche, sondern die aus einem FM Synth wie beispielsweise dem DX-100 oder DX-7. Danach ist es entscheidend, wann der Groove einsetzt, der quasi mit der Bassline initiiert wird. Zu guter Letzt: die High String – und perfekt ist der für mich typische Sound aus Detroit.

Was steht – außer der Album-Veröffentlichung – in den kommenden Wochen und Monaten außerdem an?

In Berlin zu leben bedeutet, einen langen, intensiven und auch dunklen Winter zu haben. Daher freue ich mich extrem auf den Frühling, auch um endlich die Stadt wieder erwachen zu sehen. Leute fangen an zu lächeln, die Parks werden voller und die Partys besser. Außerdem sitze ich natürlich wie immer sehr viel im Studio, wo ich dieser Tage an meinem Live-Set und natürlich an neuen Sounds dafür arbeite.

Aus dem FAZEmag 062/04.2017

www.marchoule.net
Foto: Barbara Klein