
Fast drei Jahrzehnte hinter den Decks, Releases auf renommierten Labels und internationale Festivalshows – Marc van Gale gehört zu jener Generation von Artists, die elektronische Musik noch lange vor dem Social-Media-Zeitalter geprägt haben. Nach mehreren Jahren Tour-Pause startet er nun sein Comeback und verbindet dabei Vergangenheit und Gegenwart: mit modernem Sounddesign, emotionalen Melodien und exklusiven Event-Konzepten. Im Interview spricht er über seine Rückkehr, die Veränderungen innerhalb der Szene und die Herausforderung, sich in einer schnelllebigen Musikwelt treu zu bleiben.
Für Marc van Gale stand irgendwann fest, dass die Distanz zur Musik und zur Bühne nicht dauerhaft funktionieren würde. „Ich habe in den letzten Jahren einfach immer mehr gemerkt, dass ich ohne den ganzen Trouble einfach nicht ICH bin. Ich habe es immer mehr vermisst.“ Besonders kurz vor seinem anstehenden 30-jährigen DJ-Jubiläum sei ihm klar geworden, „dass es richtig und wichtig ist wiederzukommen“. Inspiration fand er dabei sogar in einem Wirtschaftsbuch: „Jim Collins – Der Weg zu den Besten“. Besonders das sogenannte „Igel-Prinzip“ habe ihn geprägt: „Der Igel konzentriert sich auf nur eine einzige Sache, die er am BESTEN kann. Und ich habe gemerkt, das was ich am Besten kann, ist Auflegen und Musik machen.“
Dass sich die elektronische Musikszene in den vergangenen Jahren massiv verändert hat, sieht er dabei durchaus kritisch. „Die Musik ist noch schnelllebiger geworden. Immer mehr Artists überschwemmen kurzfristig den Markt und immer mehr beginnen irgendwelche Masken zu tragen oder komische Alter Egos zu entwickeln.“ Vor allem Social Media habe vieles verändert: „Musik an sich ist mehr in den Hintergrund gewandert. Immer mehr geht es um Likes, Fame, Follower. Der eigene Sound ist nicht mehr der Wiedererkennungswert.“ Gerade deshalb sei es heute wichtiger denn je, „den richtigen Sound zu kuratieren“. Sein musikalisches Comeback versteht Marc van Gale deshalb bewusst als Neustart. „Mir war es wichtig, dass das Comeback rund wirkt. Und da war es wichtig das Ganze als neues Kapitel zu betrachten.“ Passend dazu trägt auch die neue Single den Titel „A New Chapter“. Klanglich bewegt er sich heute „zwischen 123 und 128 BPM definitiv im melodic Techno, progressiven Vocal Trance“. Dabei bleibe der Wiedererkennungswert essenziell: „Meistens schaffe ich das durch meine knackigen Basslines oder Triplet Grooves.“
Auch live soll künftig vieles anders laufen als früher. Statt pausenloser Tour-Routinen setzt er auf ein exklusiveres Konzept. „Früher war das noch irgendwie anders. Große Clubs, große Festivals“, erzählt er. Die Pandemie habe aber gezeigt, „wie es anders gehen kann“. Kleine Events, ausgewählte Gäste und besondere Orte seien heute deutlich spannender für ihn. „Da man ja nicht tagtäglich ein Comeback feiert bzw. 30 Jahre Jubiläum, ist es mir wichtig einen elitären Touch in mein Konzept zu bringen.“ Gleichzeitig wolle er die Nähe zum Publikum bewahren: „Man hat ein nahbares Gefühl, der Artist ist nicht unerreichbar im kleinen Kreis.“ Besonders beim Thema Trance zeigt sich Marc van Gale nachdenklich. Zwar sei elektronische Musik „schon immer im Wandel“ gewesen, dennoch habe sich die Szene zuletzt zu stark von ihren Wurzeln entfernt. „Alles wurde schneller, härter, Acid-lastiger. Happy-Hardcore ist mittlerweile Mainstream.“ Für ihn brauche es wieder mehr Emotionalität: „Es ist wichtiger, dass etablierte und langjährige Künstler sich wieder auf ihre Wurzeln besinnen und erkennen, dass nicht BPM ein Event ausmachen, sondern Emotionen.“
Dass seine Musik weiterhin auf großen Labels wie Warner Music oder Black Hole Recordings erscheint, sieht er als wichtige Bestätigung. Ganz neu seien diese Partnerschaften allerdings nicht: „Auf Blackhole release ich seit 2016 ebenso auf Warner.“ Trotz der Tour-Pause habe er nie aufgehört zu produzieren: „Es war mir wichtig am Ball zu bleiben und weiterhin zu produzieren, sodass man nicht völlig von der Bildfläche verschwindet.“ Veröffentlichungen auf großen Labels hätten bis heute eine besondere Wirkung: „Man wird als Artist einfach anders wahrgenommen.“ Auch seine intensive Verbindung zum Publikum zieht sich wie ein roter Faden durch seine Karriere. „Mir war schon immer wichtig, dass Fans und das Publikum Erinnerungen mitnehmen.“ Dafür habe er früher oft noch kurz vor Auftritten Mashups gebaut oder Remixe fertiggestellt. Gleichzeitig sei ihm Authentizität enorm wichtig: „Gerade durch die Erleichterung kam es immer vor, dass ich von der Bühne in die Menge gesprungen bin und einfach mit den Leuten mitgetanzt habe.“ Dennoch gehöre beides zusammen: „Ohne gute Mixtechnik, keine Verbindung zum Publikum.“
Wenn Marc van Gale auf seine Begegnungen mit Szenegrößen wie Paul van Dyk, Ferry Corsten oder Ronski Speed zurückblickt, spricht er vor allem über Gemeinschaft. „Jede Begegnung mit Künstlern aus der Szene, bis auf paar Ausnahmen, hat sich immer wie eine große Familie angefühlt. Ohne Konkurrenzdenken.“ Besonders die gemeinsamen Momente abseits der Bühne seien ihm im Gedächtnis geblieben: „Zur Transmission in Prag hatten Markus Schulz, Adina, Orkidea, Ferry Corsten, ich und andere mega Spaß Backstage und man spricht auch da über alltägliches und genießt einfach die Momente.“ Dass aus dem einstigen Hobby eine internationale Karriere entstehen würde, hätte er als Kind nie erwartet. „Natürlich habe ich damit nicht gerechnet. Gerade nicht als junger Teenager bzw. als Kind.“ Doch die elektronische Musik habe ihn früh komplett in ihren Bann gezogen. Wieder verweist er auf Jim Collins und das Thema Momentum: „Konstant am Momentum arbeiten und alles fügt sich. Und Momentum generiert man mit dem worin die Passion liegt.“
Für die Zukunft plant Marc van Gale bereits die nächsten großen Schritte. Sein früheres Label NewStyle Perspective wurde inzwischen zu einer Holding weiterentwickelt, unter deren Dach neue Projekte entstehen. Mit der Digital Collective Event GmbH will er künftig exklusive Rooftop Sessions an besonderen Orten veranstalten. „Eine Eventreihe die wir explizit nur an schönen und atemberaubenden Locations durchführen.“ Zusätzlich kündigt er einen „strikt elitären Bereich“ an, „den es so noch nie in der Szene gab“. Natürlich steht auch musikalisch einiges bevor: Am 19. Juni erscheint mit „Chasing The Echoes“ die nächste Single als Nachfolger von „A New Chapter“, außerdem ist eine große Jubiläumstour geplant. „Ebenso plane ich selbstverständlich eine 30 Jahre Marc van Gale Tour.“
Aus dem FAZEmag 172/06.2026
Text: Triple P
Foto: David Ulrich
www.instagram.com/marcvangale