
Mit „Anenoa“ veröffentlicht Matias Aguayo, bekannt unter anderem für seine frühen Arbeiten auf Kompakt und Ladomat, ein neues Album, das seine aktuelle Lebens- und Arbeitsrealität zwischen Berlin und Mexiko widerspiegelt. Geprägt von Kollaboration und spanischsprachigen Vocals versammelt das Projekt Künstlerinnen und Künstler aus Lateinamerika und Europa. Im Gespräch spricht Aguayo über kollektive Praxis, politische Haltung und darüber, warum Dance Music für ihn mehr ist, als nur ein Genre.
Du lebst inzwischen in Mexiko. Wie haben dieser Ortswechsel und die dortige Kultur den Sound von „Anenoa“ geprägt?
Ich denke, Mexico City ist heute eins der globalen kulturellen Zentren, auch für die Musik natürlich, und dementsprechend eine Weltstadt, in der viele Kulturen aufeinandertreffen und sich endlos viele Subkulturen und Welten parallel bewegen. Meine Arbeit hat sich im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte immer mehr auf Lateinamerika konzentriert. „Anenoa“ ist natürlich davon beeinflusst, auch von der Tatsache, dass viele Musiker*innen aus anderen Teilen Lateinamerikas und der Welt hier leben oder für Auftritte oder Aufnahmen vorbeikommen.
Dance Music ist für dich weniger ein definiertes Genre als eine lebensnahe Praxis. An welchen Stellen können wir dieses Phänomen auf dem Album beobachten?
Ich arbeite eng mit dem Kollektiv La nueva red de bailadores in Mexiko-Stadt zusammen, das sich der Organisation kostenloser Tanzpartys im öffentlichen Raum verschrieben hat. Viele der Songs wurden in diesem Kontext für die Tanzfläche geschaffen und in ihrem Entstehungsprozess getestet. Diese Gemeinschaft im freien öffentlichen Raum inspiriert mich mehr als die kommerzielle Clubkultur, bei der ich oft fühle, dass man nur mit angezogener Handbremse kreativ sein darf.
„Anenona“ bringt Einflüsse und Artists aus Süd- und Mittelamerika, Europa und weiteren Teilen der Welt zusammen. Was ist der kleinste gemeinsame Nenner dieser Fraktionen, der dieses Album ausmacht?
Wir haben alle gemeinsam daran gearbeitet, eine musikalische Sprache für das Album zu entwickeln. Niemand klingt oder spielt so richtig wie auf den eigenen Platten. „Anenoa“ brauchte eine bestimmte Ästhetik des Spiels, die eben in diese eigene Welt passt. Wie gesungen wird, wie Worte ausgesprochen werden, wie an den Sounds, z. B. der Live-Percussion, gearbeitet wurde, hat von allen Beteiligten eine sehr kreative Beteiligung gefordert. Für mich war es wichtig, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die ich bewundere, mit denen ich moralische bzw. politische Werte teile und mit denen es vor allem Spaß macht zusammenzuarbeiten, da sie musikalisch offen und flexibel sind und ein hohes Einfühlungsvermögen mit sich bringen.
„La Heredera“ wird als „optimistic utopian science fiction song“ beschrieben. Das klingt interessant.
„La Heredera“ ist für mich ein Austausch zwischen Camille Mandoki, Iarahei und mir, bei dem wir über moderne Formen der Intimität sinnieren, in einem Moment, in dem wir alle wissen, dass das Alte nicht mehr funktioniert und wir das Neue noch nicht kennen. Ich kann mich sehr mit dem identifizieren, was Lucrecia Martel in letzter Zeit besprochen oder geschrieben hat. Wir erleben gerade einen Moment in der Geschichte, in dem alle Dystopien, von „1984“ über „Fahrenheit 451“ bis zu „Brave New World“, in Erfüllung zu gehen scheinen. Es wäre also an der Zeit, dass Künstlerinnen aus unterschiedlichen Disziplinen an positiven Zukunftsvisionen arbeiten.
„Anenoa“ ist am 29. April via Platoon erschienen.
Aus dem FAZEmag 172/06.2026
Foto: Marcelo Setton
instagram.com/donmatiasaguayo