Feiern in Bulgarien ist Ballermann am Goldstrand? Weit gefehlt! In der pulsierenden Hauptstadt Sofia wächst und erstarkt der einst große und zwischenzeitlich von Finanzkrisen geplagte elektronische Untergrund.


„Ein Kreislauf“, sagt Metodi Hristov, einer der wichtigsten Akteure der heutigen bulgarischen Szene, Produzent, DJ und Gründer des Labels Set About. „Die Szene war fast tot, eine Zeit lang passierte nichts Interessantes, nichts Bedeutungsvolles in der Stadt. Nun ist sie klein, aber sie wächst schnell dank Veranstaltern wie Metropolis und dem Club Exe, dank Leuten mit frischem innovativem Geist.“ Dass er selbst, neben Bulgariens Techno-Veteran KiNK, auch Aushängeschild für die elektronische Musikszene des Landes ist, persönlich und mit seinem Label das Nachtleben der Stadt entscheidend mitgestaltet, lässt Metodi sympathisch unter den Tisch fallen – lobt er doch lieber die Crowd des Landes: „Sie ist die beste, und das sage ich nicht nur so. Die Leute sind immer sehr euphorisch und tanzen sehr viel. Ich liebe es, hier zu spielen!“

Und so zog es ihn bisher auch nicht dauerhaft ins Ausland, trotz regelmäßiger Bookings außerhalb der Heimat – zuletzt teilte er sich beispielsweise die Stage mit John Digweed und Ana auf dem Sziget Festival und ist gern gesehener Gast in Berlins Clubs. „Ich mag es, zu reisen, bin aber nicht der Nomadentyp“, sagt Metodi. „Ich liebe meine Heimatstadt Sofia, die wunderschön am Fuß des Vitosha-Berges liegt. Meine Familie und Freunde sind hier. Für mich ist ein Zuhause als Ruhepol wichtig, um mich zu regenerieren und wieder durch die Welt touren zu können.“ Und nicht zuletzt sei er hier als Person und DJ gereift: „Sofia ist der Ort, der mich als DJ und Produzenten, aber auch meinen Musikgeschmack geprägt und geformt hat. Als ich mit 18 Jahren in die Musikszene eingestiegen bin, war Tribal Progressive sehr populär, was ich sehr mochte. Gleichzeitig kamen auch Electro Wave und Minimal Wave sehr schnell bei uns auf, was ich eher nicht mochte. Ich fand auch housige, discolastige, funky Artists wie Junior Jack, Groove Armada, The Shapeshifters, 16 Bit Lolitas, Add2Basket, Frankie Knuckles oder Bob Sinclair gut. Am Anfang spielte ich daher in kleineren Clubs und Bars, wo musikalisch mehr erlaubt war.“ Als er dann größere Schritte machte, wollte Metodi „Tech-House und so etwas wie Techno“ machen. Viele sagten ihm: „Du bist weder Techno noch Tech-House, du musst dich entscheiden. Aber meinen Stil beeinflussten von Beginn an viele Genres, und das macht mich happy.“

Das etwas Düstere, Dunkle zieht sich als Thema durch seine Musik hindurch: „Ich denke, man braucht eine Balance zwischen Tag und Nacht, um das jeweils andere schätzen zu können. Aber ich bevorzuge eher die Nacht und die dunkle Seite der Musik.“ Mit drei neuen Tracks auf der EP „Unfriendly Medusa“, die bei Octopus Recordings releast wird, will Metodi diese Spannung aus dunklen und hellen Vibes aufgreifen und mit den Stimmungen spielen. „Jeder Track hat seinen eigenen Charakter“, sagt Metodi. „Ich spiele sie überall bei meinen Sets und die Reaktionen sind großartig“, freut er sich. Besonders mit „The Rise Of The Elephants” sei ein sehr emotionaler Track entstanden, und zwar nachdem Metodi einen Dokumentarfilm über die Jagd auf Elefanten gesehen hatte – so zeigt übrigens auch das Logo seines Labels Set About einen Elefanten. „Sie werden für ihr Elfenbein getötet. Der Film zeigte aber auch mutige Leute, die sich für den Schutz der Tiere einsetzen. In dieses Stück sind meine Trauer über das Schicksal der Elefanten und auch gleichzeitig die Hoffnung eingeflossen, die die Tierschützer mir geben.“ Für emotionale elektronische Klänge sind auch die Isländer von GusGus bekannt, mit denen Metodi den Track „Magenta“ produziert und letztes Jahr veröffentlicht hat. „Wenn ein Traum wahr wird, wird man darin bestärkt, mutiger zu träumen. Dann werden aus Träumen Ziele.“ Und die hat Metodi Hristov klar vor Augen: Als Künstler möchte er weiter reifen und wachsen und das mit der Künstlerin Gallya, ebenfalls aus Bulgarien stammend, gemeinsame Label Set About will er weiterentwickeln. Ein Traum bleibt dann aber doch noch: „Intelligentes außerirdisches Leben treffen“, sagt er lachend.

 

Aus dem FAZEmag 092/10.2019
Text: Stella Ludwig
Bild: Doryan Todorov