Michael Mayer Kompakt
Ortstermin Köln. Ein schneller Sprung über den Rhein auf die „richtige“ Seite. Rein ins Belgische Viertel, dem Epizentrum kölscher Ausgehkultur. Ein Viertel mit zahlreichen Bars, diversen Clubs, Boutiquen und Plattenladen. Seit vielen Jahren gewachsen, aber inzwischen auch mit ähnlichen Problemen zu kämpfen wie z.B. Berlin: Feiertouristen belagern im Sommer den Brüsseler Platz und sorgen für Missmut bei den inzwischen teilweise gut situierten Anwohner. Gentrifizierung op kölsch. Am Rande gelegen, aber seit Jahren mittendrin, liegt die Kompakt-Zentrale. Label, Vertrieb, Plattenladen, Booking-Agentur in Personalunion, gegründet 1998, entstanden aus dem Plattenladen Delirium, der fünf Jahre zuvor von Jürgen Paape, Jörg Burger sowie Wolfgang & Reinhard Vogt gegründet wurde. Das Kompakt’sche Dreigestirn besteht aus Wolfgang, Jochen und Michael Mayer. Letzterer hat gerade sein neues Album veröffentlicht und darüber hinaus auch den FAZE-Mix des Monats abgeliefert.


IMMER – diese fünf Buchstaben haben seinen musikalischen Werdegang wahrscheinlich am meisten geprägt. 2002 erschein die erste Ausgabe der so betitelten Reihe, mit der er eine der wichtigsten Mix-CDs der letzten Dekade geschaffen hat. Es folgten ein Fabric-Mix und zwei weitere „Immer“-Ausgaben, die ebenfalls sehr hohe Plätze in den einschlägigen Punkteskalen einnehmen. Darüber hinaus liefert der langjährige DJ immer wieder eigene Produktionen ab – solo oder in Kollaborationen. Das passiert regelmäßig, aber nicht in großen Mengen, denn Labelarbeit, Familie und DJ-Gigs lassen da nicht immer viel großen Spielraum. So liegt sein Debütalbum „Touch“ auch schon acht Jahre zurück. „Das Vorhaben Platte steht schon lange. Ich erinnere mich an Interviews zu ‚Touch’, als ich gefragt wurde, wann denn das nächste kommen würde, das erste habe ja schon so lange auf sich warten lassen. Natürlich sagte ich, dass es beim nächsten Mal nicht sechs Jahre dauern würde“, meint er grinsend. Immerhin gab es 2007 zusammen mit Superpitcher das Projekt SuperMayer samt Album „Save The World“. Nach der Arbeit mit Aksel musste Michael sich erstmal wieder darauf einstellen, allein zu arbeiten. „Durch diese relativ lange Phase musste ich mich erst wieder umgewöhnen. Wenn man zu zweit im Studio sitzt, kann man sich zwischendurch auch mal zurücklehnen, während der andere gerade etwas probiert.“

Die ersten Notizen entstanden direkt nach „Save The World“, Ideen sammeln sich bei ihm immer automatisch an, so dass er die heiße Phase mit einem prall gefüllten Notizbuch starten konnte. Im Januar und Februar ging der gebürtige Schwarzwälder schließlich für zwei Monate ins Studio und legte los – Büroarbeit und DJ-Gigs ruhten in dieser Zeit. „Während der SuperMayer-Studiozeit habe ich viele neue Grundlagen erlernt, die ich nun schnell anwenden konnte, obwohl ich teilweise nun andere Wege gegangen bin. Jammen z.B. war ja jetzt nicht mehr drin, alleine macht das einfach keinen Spaß“, sagt er schmunzelnd, „aber dafür habe ich auch wieder einige Instrumente live eingespielt und zu meiner Überraschung mich auch viel mit dem iPad und diversen Apps beschäftigt, was nicht unwesentlich in die Arbeit eingeflossen ist.“ Die zwei Monate bescherten ihm zwar auch den einen oder anderen Lagerkoller – das Studio befindet sich auch noch im 2. Kellergeschoss des Kompakt-Gebäudes –, aber allein im Studio zu sein war für ihn sehr wichtig und entspannend. „Das waren Therapiestunden für mich. Ich bewege mich ja die ganze Zeit in sozialen Zusammenhängen: im Büro, mit der Familie, auf meinen DJ-Gigs. Ich bin nie allein, außer evt. mal im Zug, aber selbst da sind ja Menschen um mich herum. Die Studiozeit ist dann tatsächlich der einzige Moment in meinem Leben, wo ich ganz für mich bin – was ich sehr schätze und was auch äußerst interessant ist.“ Nach dieser intensiven Zeit folgte der Wiedereinstieg ins Tagesgeschäft, allerdings mit reduziertem Büroeinsatz. Es ist der ewige Kampf um die Entbehrlichkeit für Label und Laden, die Produktion kommt dann immer zuletzt, auch ein Grund, warum der Output des Herrn Mayer nicht überbordend ist.

Das Ergebnis dieser Schaffensperiode steht nun im Laden und nennt sich „Mantasy“. Zehn Stücke, die zusammengehören, die eine Geschichte erzählen und nicht einfach nur beliebig aneinander gereiht sind. „Ich bin ein großer Albumfan und finde es jammerschade, dass es das Format so schwer hat heutzutage. Es gibt so viele Alben, die als solche nicht funktionieren, die einfach nur als Träger für Presse und Promo fungieren, das ist doch fürchterlich.“ Dabei schwärmt er dann von den Helden seiner Jugend wie The Alan Parsons Project oder ABC, „die es oft so gehalten haben, dass am Ende noch eine Überraschung oder eine Single kam“. Eine direkte Parallele zu „Mantasy“, denn eins der stärksten Stücke, die Vorabsingle „Good Times“, bildet das Finale von Michael Mayers mantastischer Reise. Eine Partyhymne, ein Jauchzen der hedonistische Aufruf zur perfekten Party – jenseits von Statusmeldungen und Handykameras. Gleichzeitig der einzige Vocaltrack und die einzige Kollaboration, die Stimme gehört WhoMadeWhos Jeppe Kjellberg. Denn wie bereits erwähnt, die Arbeit allein im Studio, am Soloalbum ist im heilig. „Kollaborationen, da steckt heute doch eine gewisse Facebook-Logik hinter. Feature deine Freunde und schon erreichst du deren Fans auch noch.“ Zusammenarbeit ja, aber dann offiziell wie eben SuperMayer oder ältere Projekte wie Zimt (mit Mathias Aguayo), Mayburg (mit Jörg Burger) oder Forever Sweet (mit Reinhard Voigt und Tobias Thomas).

Passend zum Alleingang läuft seit Anfang Oktober die Tour zu Album, auf der Michael durch die Clubs reist, die er ohne die üblichen Vorab- und Nachher-DJs bestreitet. Mantasy all night long heißt es und wird mindestens sechs Stunden dauern, sicherlich auch in vielen Clubs um einiges länger, weil er sich eigentlich nur seine Lieblingsläden ausgesucht hat. Da wäre es eher eine Schande, sollte ein Set nur sechs Stunden dauern. Das längste Set, was er bisher je gespielt hat, ist gerade mal ein gutes Jahr her. 14 ½ Stunden dauerte es, zwölf Stunden wurden aufgezeichnet, die man sich auf Soundcloud anhören kann. Aber es könnte durchaus sein, dass der Rekord bald gebrochen wird.

Demnächst, genauer gesagt im kommenden Jahr, stehen außerdem im Hause Kompakt große Ereignisse an: Fünf Jahre Delirium plus 15 Jahre Kompakt, das wird eine großer 20. Geburtstag, der ordentlich gefeiert wird mit „tollen Spezialreleases, Jubelpartys in ganz Europa und bestimmt auch einigen ganz privaten Gelagen mit den ‚Urgesteinen’“. Für ein Label mit dem Schwerpunkt auf elektronischer Musik sind 15 Jahre ein durchaus langer Zeitraum, in einem Genre, dem gerne eine gewisse Schnelllebigkeit unterstellt wird. Ein Ende ist kaum abzusehen, denn Kompakt erfreut sich bei Künstlern großer Beliebtheit, wie nicht nur Zugang oder Rückkehr von gestandenen Acts wie WhoMadeWho, GusGus, John Tejada, Terranova oder Sascha Funke (mit Ehefrau Julienne Dessange als Saschienne) zeigt, sondern auch die regelmäßige Auffrischung durch neue Künstler wie Rainbow Arabia, Jatoma, Taragana Pyjaramara oder den dänischen Produzenten Kölsch (Man stelle sich Mayers Gesicht vor, wie er als kölscher Jung in Kopenhagen einem Dänen die Hand schüttelt und eine Visitenkarte in die Hand gedrückt bekommt, auf der der Name Rune Riley Kølsch steht …). Darüber hinaus gibt es im kommenden Jahr neue Alben von altbewährten Stammkräften wie Justus Köhncke, Voigt & Voigt und Coma. Durchaus spannende Aussichten.

Acht Jahre sind seit „Touch“ vergangen, hoffen wir, dass es dieses Mal nicht wieder acht Jahre dauern wird, denn Michael Mayers Arbeit ist sehr stark, er ist der Mann für die besonderen Momente, einer der Akzente setzen kann – das hat er auch mit seinen Mix-CDs unter Beweis gestellt. Andererseits ist es aber auch vielleicht gerade deswegen immer wieder ein Fest, weil er sich eben nicht verheizt, sondern mit Bedacht und ohne Druck zu Werke geht. Und schließlich sind da auch noch Label und Familie und gerade die hat für den zweifachen Vater viel Platz in seinem Leben eingenommen. „Nach wie vor sehe ich das als größtes Glück, was mir begegnet ist. Und ich finde das auch gar nicht unvereinbar mit meinem Lebenswandel, was ich mir früher vorgesponnen habe. Da wurde ich ganz klar eines Besseren belehrt – das hat mich stabilisiert und darüber hinaus ziehe ich da ganz viel Energie raus.“

Michael Mayer

Meine erste selbstgekaufte Platte …
Das erste Dschingis Khan-Album

Meine erste Platte, die ich aufgelegt habe …
D-Train – Music… habe die Maxi im Kindesalter bei einer Tombola gewonnen. Ein Wink des Schicksals?

Die Platte, die ich wahrscheinlich am meisten aufgelegt habe …
Laid Back – Bakerman

Meine letzte Platte, die ich mir gekauft habe …
Rodriguez – Cold Fact

www.kompakt.fm

Mantasy-Termine in deiner Nähe:
21.12.12 Offenbach, Robert Johnson
22.12.12 CH-Genf, Weetamix
05.01.13 Berlin, Panorama Bar
12.02.13 A-Wien, Flex

FAZEmag DJ-Set #09: Michael Mayer – exklusiv bei iTunes

fazemag kompakt records

Fotos Michael Mayer: Carlitos Trujillo
Fotos Kompakt Büro & Lager: Tassilo Dicke