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Mit „Calling From The Stars“ präsentiert Caroline Hervé gerade ein neues Miss Kittin-Album, das es in sich hat. Nicht nur, dass es ihre erstes, allein produziertes Werk ist, zudem offenbart sie neben den für sie typischen Clubtracks ihre Liebe zum Ambient. Und auch sonst lohnt sich ein Interview mit der französischen Künstlerin immer. Los gehts.

Wann du die Miss Kittin von einst mit der von heute vergleichst, was hat sich für dich als Künstlerin über die Jahre besonders verändert?

Miss Kittin: Meine musikalische Kultur und meine Kultur im Allgemeinen haben sich erweitert. Und ich habe habe realisiert, dass wir es mit etwas zu tun haben, dass größer als wir selbst ist: Entertainment mit einer Verantwortung für das, was wir mit unserer Kunst aussagen, für die Werte, die wir damit transportieren wollen. Mir ist heute der Einfluss viel bewusster, den ein Künstler ausüben kann. Dadurch lernt man, seine Kreativität zu hegen und Distanz zu allem zu halten. Es ist eine eigenartige Sache, sich viel bewusster zu sein und gleichzeitig eine bestimmte Unschuld zu wahren. Aber man sollte auch erwähnen, dass die musikalische Welt sich noch viel stärker gewandelt hat. Wir befinden uns komplett in einer Welt voller Abbilder. Jeder kann ein DJ sein, die Crowd hält ihre Handys hoch. Es ist schwieriger, Dinge zurück zu den Ursprüngen zu führen.

Gab es einen bestimmten Fehler oder eine falsche Entscheidung, die du früher im Business gemacht hast und heute noch bereust?

Keine schwerwiegenden Dinge. Vielleicht war mir am Anfang das Business selbst nicht bewusst, wie man seine Rechte und Songtexte schützt und sich organisiert. Ich hätte von Anfang an einen guten Anwalt nehmen sollen!

Was war denn rückblickend die schwierigste Zeit in den letzten 15, 20 Jahren? Und wie hast du es geschafft, aus dieser wieder herauszukommen?

Das war möglicherweise in den früher 2000ern, als der DJ sich zum „Superstar“ wandelte. Ich erinnere mich, dass ich aus den Rave-Jahren kam, wo man sich nicht groß kümmerte, wie der DJ aussah, aber sich für seine Musik interessierte, in Wäldern tanzte, weit weg von den sozialen Codes. Plötzlich konnte ich dann nicht mehr alleine reise. Ich musste jemanden mitnehmen, da die Leute Fotos und Autogramme wollten. Ich fühlte mich falsch. Bis ich verstanden habe, dass es meine Rolle war, die Leute daran zu erinnern, dass wir alle wegen der Musik hier sind.

Du hast jetzt dein neues Album „Calling From The Stars“ herausgebracht. Worin siehst du den Hauptunterschied zum Vorgänger „Batbox“. Welches Gerät im Studio spielte eine entscheidende Rolle?

Der Hauptunterschied ist, dass ich das Album alleine in meinem Homestudio aufgenommen habe. Das hatte ich vorher so nicht erwartet. Ich schrieb einfach Skizzen, um anzufangen. Und war dann stolz, als befreundete Produzenten mir sagten, dass meine Demos perfekt seien. Ich habe nicht viel Equipment. Einen Computer, ein Mikrofon, ein paar Synthesizer, das ist alles. Einige Tracks habe ich sogar unterwegs produziert.

Als DJ bist du ja immer schon bekannt für eine eklektische Auswahl und das Kombinieren verschiedener Styles und Einflüsse. Warum hat es etwas länger gedauert, bis sich das auch noch bei dir als Musiker widergespiegelt hat und du nun auch Ambient/IDM veröffentlichst?

Ich weiß es nicht. Sicherlich hatte ich auch einen großen Mangel an Selbstvertrauen, um das früher anzugehen. Wenn man mit so vielen Leuten in großen Studios zusammenarbeitet, kann man sich oft nicht vorstellen, gut genug zu sein, so etwas selbst zu machen. Ich fühle mich jetzt aber nicht schuldig deswegen. Es ist eine große Freiheit, im Studio zu sitzen und das zu machen, was man fühlt. Ohne Grenzen zu haben.

Was war denn deine erste Begegnung mit Ambient? Welche Künstler aus diesem Bereich hatten einen speziellen Einfluss auf deine Produktionsweise?

Das war auf jeden Fall der ganze frühe Warp Stuff. Artificial Intelligence Compilations, Aphex Twin/Polygon Window, Skam und Boards of Canada. B12, Biosphere und Robert Henke hatten ebenfalls großen Einfluss. Und City Center Offices und Kompakt bringen sehr gute Ambient Musik, mit GAS auf ihren Chill Out Compilations. Es gibt so viele weitere Namen. The Orb, Sun Electric etc. …

Deine Releases beinhalten regelmäßig auch Coverversionen. Auf „Calling From The Stars“ treffen wir auf deine Version des R.E.M.-Hits „Everybody Hurts“. Warum hast du gerade diesen ausgewählt, und was magst du generell am Covern?

Ich habe es bei Konzerten immer geliebt, wenn Bands Cover gespielt haben. Es macht auch Spaß, auf dieses Weise Tribut zu zollen, einen Klassiker neu zu erfinden, einen Track, der dich in deinem Leben beeinflusst hat. Das REM Cover habe ich eines Nachts gemacht, nachdem ich Michael Stipe durch Zufall im Restaurant traf. Er war atemberaubend. Ich wollte diesen Moment festhalten und habe das Lied für mich selbst gecovert. Ich wollte das nie releasen. Es blieb daher vier, fünf Jahre verschlossen, bis er es hörte und meinte, ich solle es herausbringen.

Du hast vor einigen Jahren in Berlin gelebt und bist dann zurück nach Frankreich gegangen. Wie ist deine Meinung über die Stadt und seine Clubszene heute?

Ich hatte eine fantastische Zeit in Berlin. Ich wuchs damals sehr viel. Als ich dort lebte, wurde ich ein großer Künstler. Ich reiste aber auch viel herum und war die halbe Zeit fort. Ich zog dann aus persönlichen Gründen zurück nach Paris. Doch ein Teil meiner Arbeit ist immer noch in Berlin beheimatet. Ich zahle in Deutschland meine Steuern. Viele Male im Jahr komme ich zurück nach Berlin und liebe es. Ich sehe, dass meine Freunde nicht oft ausgehen. Ich war selbst auch nie ein Party Animal, obwohl das viele Leute von mir dachten, als ich in Berlin lebte. Ich war viel beschäftigt und hatte ein großartiges soziales Leben außerhalb der Clubs. Ich denke, diese Stadt gibt dir viel, aber du musst ihr auch viel zurückgeben. Du kannst nicht nach Berlin gehen und dich nur in den Clubs zerstören. Du musst ein Projekt haben, eine Basis.

www.misskittin.com

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