Veronica Vasicka betreibt seit 2005 das New Yorker Label Minimal Wave. Darauf veröffentlicht sie Musik, die bis dato oftmals nur auf Tapes existierte. Schaut man sich die bisherige Diskographie an, wird klar, dass die Dame ein ganz besonderes Gespür für rare bis obskure musikalische Perlen aus aller Welt hat. Wir sprachen mit ihr über die Suche nach der Musik.


Veronica, wann hast du damit begonnen, nach besonderen und raren Platte zu suchen? Woher rührt diese Faszination?
Es fing möglicherweise alles damit an, dass ich im Alter von 12 Jahren ein Casio Keyboard zu Weihnachten bekam. Zu dem Zeitpunkt hörte ich alle möglichen Arten von Musik. Durch meinen älteren Bruder war ich dem New Wave schon in sehr jungen Jahren ausgesetzt. Er hatte eine kleine Sammlung von Kassetten.
Ich nahm zudem Klavierstunden, was mir aber gleichgültig war, da ich zu der Zeit schon mehr an seltsamen Klängen interessiert war. Ich war Teil des „tape of the month club“ und erhielt jeden Monat Tapes per Post. Ebenso machte ich mit meiner Boombox selbst monatliche Mixtapes für ein New Yorker Radio namens WLÌR, das tonnenweise New Wave spiele. Für die Kassettenhüllen fertigte ich Collagen an und gab sie meinen Freunden. Mit 15 begann ich, in einem nahegelegenen Plattenladen zu arbeiten und kam dadurch mit viel rarer, großartiger Musik in Berührung. Eines Tages fand ich eine große Anzahl an stark heruntergesetzten Platten, die nie verkauft wurden. Darunter Bands wie DAF, Fad Gadget, I Start Counting, SPK, Throbbing Gristle, Cabaret Voltaire, Coil. Wire etc. Ich habe sie alle gekauft. Auch bin ich in Clubs in Downtown New York gegangen um Liveacts zu hören und die ganze Nacht zu tanzen.
Das war zu der Zeit, als ich damit begann, meine Gehaltszulage zu sparen und so Geld für Platten, Tapes und Bücher aus den kleinen Shops zu haben, oder Videokassetten von Bands wie Throbbing Gristle. Diese Inspiration brachte mich dazu, Minimal Wave zu starten.

An welchen Arten von Musik bist du besonders interessiert?
Speziell interessiert mich Synthesizer Musik aus allen Epochen, besonders aus den 70ern und 80ern. Ich mag auch französischen Pop aus den 60ern und eine Menge andere Sachen. Ich wuchs mit dem Hören von New Wave wie auch von Punk, Noise, Industrial und experimenteller Musik auf. Und mich fasziniert die Zeit, als die Leute damit begannen, in ihren Heimstudios Musik mit Geräten zu machen, die für sie erschwinglich waren. Wie etwa billige, tragbare monophone Synthesizer. Ohne dazu eine ganze Band zu benötigen, nahmen sie die DIY Haltung des Punk und schufen ihre eigene, hausgemachte Popmusik, die sie oft als Kassetten unter ihren Freunden verbreiteten. Solche Musik interessiert mich, Musik, die aus dem Herzen kommt.

Was macht denn die „musikalische Schatzsuche so aufregend für dich als Labelmacher und DJ?
Es ist spannend zu sehen, wie die Leute vor dem Internetzeitalter gearbeitet haben. Es gab ein Netzwerk von Menschen, die in ähnlicher Weise agierten und die durch die Post miteinander in Verbindung standen. Sie haben einander Tapes zugeschickt, Musiczines und Artzines. Ihre Musik herauszubringen war damals nicht so leicht wie heute, daher mussten sie kreative Wege dafür finden. Für mich ist die Suche in der Vergangenheit, als das Musikobjekt wichtig war, faszinierend. Die Platte oder Kassette war die einzige Möglichkeit diese Musik zu hören. Oder die Flexi-Disc, die manchmal Musikmagazinen beigelegt war. Mit diesen DIY-Vertriebnetzwerken landete die Musik an unerwarteten Orten. Es ist aufregend diese Restposten einer längst vergangenen Welt zu entdecken. Ich bin immer fasziniert davon, ähnliche Musikstile von entfernten Teilen der Welt zu finden. Etwa eine französische Band, die einen ähnlichen Sound hatte, wie eine argentinische Band im gleichen Jahr. Da fragt man sich, wie konnten sie sich gegenseitig beeinflussen? Vielleicht handelt es sich um eine Art von kollektivem Bewusstsein, das auch schon bei Minimal Wave Musik existierte.

Was war denn für dich die bisher aufwändigste Recherche nach einer Platte?
Das war vermutlich die nach Philippe Laurent´s „Hot-Bip“ Release. Ich habe ihn erstmals kontaktiert, als ich das Minimal Wave Label startete, bekam aber keine Antwort. Ein paar Jahre später versuchte ich es noch mal und war froh, endlich eine Rückmeldung zu erhalten. Das Problem war, dass er nichts von seinem Material digitalisiert hatte. Nach ein paar weiteren Jahren kam er dazu, das zu digitalisieren, was von seinem Archiv übrig war. Tatsächlich gab es Stücke, die er einfach nicht mehr hatte, dadurch waren bestimmte Masterbänder verloren. Ich kontaktierte dann einen Freund aus Deutschland, der eine makellose Kopie einer der fehlenden Kassetten besaß. Und davon haben wir dann ein paar Tracks gemastert. Es war eine großartige Zusammenarbeit zwischen uns allen, um die Allerbeste von Philippes frühen Aufnahmen zu gewinnen und sie in das Hot-Bip Release einfließen zu lassen.

In welcher Weise hilft dir denn das Internet beim Suchen und welche anderen Methoden nutzt du sonst noch?
Für gewöhnlich beziehe ich mich auf die Tapes und Platten, die ich über die Jahre gesammelt habe und finde Namen, nach denen ich dann im Internet suchen kann.
Ansonsten schreibe ich Briefe oder bekomme Empfehlungen von anderen Musikern, mit denen ich schon gearbeitet habe. Oft werde ich auch direkt von den Leuten kontaktiert, weil sie hörten, dass ich mich auf diese Art von Musik spezialisiert habe oder weil sie vielleicht meine wöchentliche East Village Radio Show entdeckt haben. Es ist daher eine Mischung aus dem Heranziehen alter Fanzines, Musikmagazine, Albumcredits und Mundpropaganda. Es passiert alles sehr natürlich, deshalb habe ich das Gefühl, dass ich dafür bestimmt bin.

Wie schwierig ist es eigentlich, eine alte Platte lizensiert zu bekommen?
Die meisten Releases auf Minimal Wave sind eigentlich keinen klassischen Reissues.
Das meiste Material, das wir herausbringen, ist vorher nur auf Kassette erschienen oder war überhaupt noch nie veröffentlicht worden. Aber es variiert wirklich, wenn es darum geht, alte Musik lizensiert zu bekommen. Oft sind die Künstler, mit denen wir arbeiten, froh, dass ihre Musik wiederentdeckt und erneut geschätzt wurd. Die meisten potentiellen Schwierigkeiten kann es eher beim Zustand der Mastertapes geben. Einige Künstler haben nie daran gedacht, dass ihre Musik eines Tages wiederveröffentlicht werden könnte und daher haben sich nicht groß darum gekümmert, sie zu archivieren. Andere haben das getan, aber die Bänder können aufgrund der magnetischen Partikel  oder dadurch, wie sie sich im Laufe der Zeit verändert haben, nicht abgespielt werden. Wir müssen uns deswegen oft um Probleme rund um die Instandsetzung von Tapes kümmern.

Was können wir denn von dir und  Minimal Wave in den nächsten Monaten erwarten?
Das nächste Release ist von Felix Kubin, einem deutschen Musiker aus Hamburg. Die Platte nennt sich „Teenage Tapes“ und sie enthält in erster Linie Musik, die Felix als Teenager in den 80er Jahren aufgenommen hat. Besonders aufregend ist, dass sechs der Stücke nie zuvor veröffentlicht worden sind. Danach folgt eine Platte von Sympathy Nervous aus Japan, weitere Tape Raritäten, die noch nie das Tageslicht erblickt haben. Ebenso kommen ein Release der Band The Fast Set aus UK (die auch schon auf der „Hidden Tapes“ Compilation mit dabei waren), eine 7“ von Karl O´Connor und eine gemeinschaftliche Veröffentlichung von Unovidual und Tara Cross. Es ist auch eine neue Compilation in Arbeit, aber dazu verrate ich noch nicht mehr!

www.minimalwave.com