Vom Schellack zum Streaming – Bestandsaufnahme und Ausblick

Schreibt man darüber, wie Musik gehört wird, so ist das Verb „hören“ unzureichend. Wesentlich dabei ist nicht das Hören an sich, sondern viel mehr das Zuhören und die mit den Ereignissen verknüpften Momente, die Menschen, mit denen man diese Momente erlebt hat und natürlich die Frage, ob die gehörte Musik die eigene Sprache spricht. Tatsächlich löst Musik Emotionen aus. Emotionen, die uns – mit oder ohne digitale Vernetzung – erfassen.

Seit der Menschheit im 19. Jahrhundert die ersten Musikaufnahmen gelangen, hat es viele Formatkämpfe gegeben. Nach Schellac kam Vinyl und bald setze das „Battle of the Speeds“ ein. Kassetten sorgten in den 70er-Jahren für besorgte Gesichter in der Musiklandschaft, denn man befürchtete die Kannibalisierung des Marktes. Auf der anderen Seite beflügelte das Tape die HipHop-, Reggae- und Metal-Kultur. Neue Formate sind also schon immer ein zweischneidiges Schwert gewesen. Seit ich vor über 20 Jahren das erste Mal elektronische Musik auf Vinyl hörte und die synthetischen Klänge und ersten Samples von Jean-Michel Jarre mich zutiefst berührten, ist eine bestimmte Musik immer auch mit besonderen Momenten meiner Biografie verknüpft. Momente, die ebenso speziell und einmalig sind, wie die Künstler, die diese Musik schufen . Die Kraft der Musik, der Covers und der Fotos ließen mich in einen Rausch geraten, der dazu führte, dass sich mein Leben seitdem ausschließlich um die Kreation und das Hören von Musik dreht.

Nun hatte ich also meine ersten Vinyle, und die CD war gerade salonfähig geworden. Die analoge Situation erforderte einen hohen Zeitaufwand. So fuhr ich mehrmals in der Woche in Plattenläden und durchkämmte dort sämtliche Fächer nach neuen Veröffentlichungen bekannter und neuer Namen, die erforscht werden wollten. Viel Zeit verbrachte ich mit Bergen von Vinyl und CDs, um am Ende eine Hand voll Platten zu kaufen. Die wahre Belohnung der ständigen Schatzsuche machte sich aber erst im weiteren Umgang mit der Musik bemerkbar. Es ist das erste Anhören der gerade ausgesuchten Alben oder lange erwarteten Longplayern und Singles. Und dabei nichts anderes zu tun, als auf dem Bett zu liegen und in die Musik einzutauchen, das ist trotz – oder gerade wegen – des technologischen Fortschritts unerreicht.

Vielleicht sind das die Momente, die einen später meckern lassen, dass früher alles besser gewesen sei. Und das, obwohl die Faszination für Musik bis heute ungebrochen ist. Nach den Ausläufern der Schallplatte, dem Aufkommen der CD, weiteren alternativen Formaten, bedeutete MP3 eine völlig neue Form des Musikhörens. Nun war die Musik tatsächlich digital geworden und das Format genauso abstrakt wie die Musik selbst. Mit der Formatentwicklung ging auch eine inhaltliche Veränderung einher. Der Klang wurde im Verlauf der Entwicklung immer digitaler und kälter, das Format unpersönlicher, die Musik komprimierter und damit unvollständig. Mit der Ausbreitung der Breitbandanschlüsse füllten sich die Festplatten über Nacht mit allem, was man gerne haben wollte, oder auch weil … ach egal … es ist ja kostenlos. Habgier und Maßlosigkeit gehen mir dabei durch den Kopf, einfach jede Musik in einem Dateiformat besitzen zu wollen – unabhängig davon, ob man diese Musik überhaupt in seinem Leben einmal hören könne.

P2P-Börsen hatten trotz der frühen legalen Angebote von Universal und Co., Apple und später auch Napster den großen Zulauf, der die Musikwelt überall dort in Bewegung brachte, wo die Anzahl der Breitbandanschlüsse stieg. „Welcher Preis ist besser als Null?“ könnte man die Zeit zwischen 2000 und 2006 bezeichnen. Von da an allerdings bekamen die bereits existierenden legalen Plattformen wie Beatport und die oben genannten langsam Auftrieb. Musikfans schienen sich wieder daran zu gewöhnen, für die Musik, die sie wirklich haben wollten, Geld auszugeben. Doch ohne, dass die Verkäufe von MP3s die Verluste der Labels kompensierten, stand bereits 2008 mit Spotify in Schweden eine neue Möglichkeit des Musikhörens ins Haus: Das Streaming. In den verfügbaren Titeln des Services sucht man nach der gewünschten Musik, die daraufhin umgehend angehört werden kann. Je nachdem ob man sich einen kostenlosen Account anlegt oder monatlich bezahlen möchte stehen einem Funktionen wie bessere Klangqualität, Offline-Modus und mehr zur Verfügung. Eine rasante Entwicklung innerhalb kurzer Zeit hat so das Hören, die Wahrnehmung und auch das Verständnis von und für Musik bedeutend geändert. Nicht das Klangerlebnis oder das Ereignis der Musik an sich steht im Mittelpunkt. Es scheint der unendliche Fundus zu sein, der nun in den Mittelpunkt rückt. Anfang 2012 ist Spotify auch in Deutschland an den Start gegangen und trifft u.a. auf Konkurrenz von Simfy, Rdio und Deezer. Musik ist nun nicht nur komplett körperlos, sondern auch in einer großen Auswahl ortsungebunden, jederzeit und umgehend legal zu hören.

Der Blick in die Zukunft 
Wagt man einen Blick in die Zukunft und überlegt, wie im Jahr 2020 Musik gehört werden könnte, gibt es viele mögliche Wege. Was die Anzahl der Formate und die Möglichkeiten der Wiedergabe oder der Generierung angeht, werden im Laufe der Zeit weitere Wege entstehen und sich vielleicht sogar für neue oder etablierte Genres andere Hörmöglichkeiten etablieren. Genauso wie der Musikmarkt an und für sich immer weiter zersplittert, wird es also auch bei der Art Musik zu hören eine weitere Abspaltung geben. Was die Körperlosigkeit der Musik betrifft, ist das Maximum eventuell schon erreicht.

Streaming Services
Glaubt man den netzaffinen Stimmen, dass es beim Konsum von Inhalten jetzt und in Zukunft um die ununterbrochene Verfügbarkeit anstelle von Besitz und Haptik geht, so ebnet der Stream den Weg, wie zukünftig Musik, Filme, Bücher und Informationen konsumiert werden. Da Streamingservices jung sind und es viel in der Funktionalität, Umgang und Einsatz der Services herauszufinden gibt, steht ihnen eine spannende Zukunft bevor. Sollten die tief reichenden Kataloge der Streaminganbieter noch die letzten Lücken schließen, könnte Streaming für die Nutzer, Künstler, Labels, Aggregatoren und Streamingservices eine tolle Sache werden. Bereits jetzt stellen Simfy und Co 11,5% der 17,2% der Marktanteile der digitalen Musik dar. Sofern die Netzabdeckung des mobilen Internets 2020 keine Wünsche offen lässt, die Kommunikation der User innerhalb der Services sich soweit verselbständigt, dass man hauptsächlich hier über Musik kommuniziert, und sollten deshalb so viele Nutzer dafür zahlen, dass sich Künstler und Labels über die Abrechnungen freuen können, dann steht diesem Modell eine rosige Zukunft bevor.

Den zweiten und dritten Teil des Artikels inklusive einer Einschätzung der Zukunft für analoge und digitale Formate, Clouds, Applikationen und die mögliche Rückkehr zur Tradition findet ihr in Kürze hier auf www.fazemag.de.

Der Autor: Reimut van Bonn (31) arbeitet beim VUT – Verband unabhängiger Musikunternehmen e.V. in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Als Musiker prüduziert er Dub Techno sowie Ambient und Drones

Musikhören im Jahr 2020 Pt.2
Musikhören im Jahr 2020 Pt.3