musumeci


Mauro Di Martino aka Musumeci bewegt sich bereits seit über zwei Jahrzehnten im elektronischen Musik-Kosmos. In Sizilien geboren, aufgewachsen und nach wie vor lebend, kann er heute auf eine lange Diskografie mit Output auf Labels wie unter anderem Connaisseur, Compost, Off, AEON, My Favorite Robot, Endless und Bar 25 blicken. Mit seinem Kollegen Dodi Palese führt er das eigene Imprint Engrave Ltd, auf dem ebenfalls schon zahlreiche Releases erschienen. Auch ist er als Teil des Projekts Human Machine bekannt. Auf dem Hamburger Vorzeige-Label Diynamic, zu dessen Inner Circle man Musumeci zählen kann, erschien dieser Tage die „Mood Organs“-EP.

Generell sei das Jahr 2017 für ihn ein vielbeschäftigtes gewesen, erzählt er. „Im Prinzip standen die zwölf Monate – mal wieder – ganz im Zeichen von Reisen, Gigs und Studio. Ich habe mit People & Machines, der neuen Booking-Agentur von Diynamic, ein neues Abenteuer begonnen. Es fühlt sich sehr gut an, von solch talentierten Künstlern umgeben zu sein. Rückblickend betrachtet, war das Jahr durchaus positiv. Ich habe auf einigen großen Festivals gespielt und hatte eine wahnsinnig gute Zeit, so auch Ende November auf einer kleinen Südamerika-Tour durch Chile, Kolumbien und Mexiko. Im Dezember spiele ich das Warm-up für Solomun +1 in New York und Miami. Auch wenn einiges von außen als einfach und leicht erscheinen mag, war und ist das für mich nicht wirklich der Fall. Für einen sehr perfektionistisch veranlagten Menschen wie mich können Dinge recht schnell schwer und kompliziert werden. Ich verspüre eine große Verantwortung, wenn ich mich mit solch professionellen Leuten umgebe und mit ihnen arbeite. Mein Bestes zu geben, ist Tag für Tag mein Anspruch, und sobald ich aus meiner Komfort-Zone herauskomme, können Dinge unangenehm werden. Einer meiner Vorsätze für 2018 ist definitiv, neue Herausforderungen mit einer gewissen Leichtigkeit anzugehen.“

Mit in das neue Jahr wird er unter Garantie den Hype seiner aktuellen Diynamic-EP nehmen. Seit Wochen in Clubs und auf Festivals gefeiert, könnte man den Titel-Track als einen dieser heute seltenen, waschechten Club-Hits bezeichnen. „Hinter der EP stecken im Prinzip zwei Aspekte. Zum einen war da diese unglaubliche Motivation in mir mit Sinn für Dankbarkeit, die sich an alle Menschen richtet, die in den letzten Monaten und Jahren an mich geglaubt haben. Zum anderen zeigt diese EP meine ausgeprägte Liebe zu Science-Fiction, die mich immer wieder inspiriert. Die Idee eines mentalen Kontrollwerkzeugs, das Stimmungen ,steuern’ kann, ist sehr faszinierend. In Philip K. Dicks Roman ,Do Androids Dream Of Electric Sheep?‘, der auch für den Film ,Blade Runner’ enorm wichtig war, gibt es ein ähnliches Instrument namens ,Penfield Mood Organ‘. Ich finde, dass dieses imaginäre Instrument und die Musik sehr viele Gemeinsamkeiten innehaben. Während man beim ,Penfield’ gewisse Codes eingeben muss, um Stimmungen zu erzeugen, spielt man bei der Musik mit Melodien auch eine Art Code. Bei ,Mood Organs’ wollte ich die Gefühle zum Ausdruck bringen, die in meinem Leben dominieren. Gefühle sind extrem subjektiv und jeder reagiert anders auf eine Melodie. So weckt sie bei manchen Emotionen oder Bilder aus der Vergangenheit, bei anderen erzeugt sie andere Gefühlslagen. Ich glaube, wenn jeder die Musik finden könnte, die ihn zu einer ganz bestimmten Stimmung inspiriert, dann könnte jeder genau diese Stimmung nach Belieben reproduzieren.“

In einem Interview mit Deep House Amsterdam erzählt der Sizilianer ausführlich von seiner Liebe zu Science-Fiction, der er auch bei unserem Gespräch Ausdruck verleiht. „Die Tatsache, dass man mit aktuell noch unrealistischen Dingen anstoßen und anregen kann, ist faszinierend. Eine Veränderung in der Welt geschieht, wenn ein Teil der Gesellschaft bereit ist, diese Veränderung zu akzeptieren. Ich glaube, dass wir als Science-Fiction-Leser und -Schriftsteller zur Erschaffung der gegenwärtigen Welt beitragen. Bereits bei meiner ,Astounding Science Music’-EP auf Batti Batti aus dem Jahr 2012 gibt es Teile aus einem Interview mit Arthus C. Clarke und Issac Asimov zu hören, die meine Haltung dazu noch mehr verdeutlichen.“ Unweigerlich macht diese Passion den größten Teil seiner Inspiration im Studio aus. Musik muss für Musumeci eine Geschichte erzählen. Und damit die Geschichte eine gute wird, müsse diese „auf organischem Weg entstehen und das Gefühl erzeugen, unbedingt bis zum Ende lesen zu wollen.“ Eine gut geschriebene Geschichte bleibe dann auch lange im Kopf und Herzen. „Die Emotionen, die dabei entstehen, können von lang anhaltender Dauer sein. Musikalische Genies, die dies immer wieder schaffen, sind zum Beispiel ,Electric’ Herbie Hancock, Sun-Ra Arkestra, Thelonious Monk und Cecil Taylor.“

In der Vergangenheit ein Studio voller Hardware-Spielzeuge ausgestattet, verkaufte Di Martino in den letzten zehn Jahren das meiste und war sogar an einem Punkt, an dem er überhaupt keine Musik mehr machen wollte. „An diesen Punkt bin ich vor rund drei bis vier Jahren gelangt. Als ich irgendwann dann doch wieder das Bedürfnis hatte, Musik zu machen, stellte ich fest, dass alle Gerätschaften von damals in einen einzigen Computer passten. Seitdem arbeite ich mit einem einfachen Hardware-Setup und benutze das meiste, wie vertraute Plugins, auf digitaler Ebene. Ich glaube, die Kraft der Musik liegt in den Ideen. Klänge können wie Farben für einen Maler sein. Er kann entscheiden, ob er unzählige Schattierungen von Farben wie Monet oder nur drei wie Mondrian verwenden möchte, aber es ist das Konzept dahinter, das den Unterschied ausmacht.“ Seinen Sinn für Musik entwickelte er bereits früh, beim Stöbern durch die Plattensammlung seiner Mutter. Dabei waren Künstler wie Marvin Gaye, Otis Redding, Wilson Pickett, Pink Floyd, Rolling Stones, Francesco Guccini, Alan Parson, John Lennon, Santana und andere. „Ich habe niemals daran gedacht, selbst ein Künstler zu werden. Ich habe die Musik lediglich sehr geliebt und habe sie gerne auf Partys von Freunden gespielt. Es gibt noch immer Momente in meinem Leben, wo ich mir vor Augen halten muss, dass Musik mein Beruf geworden ist und ich DJ und Produzent bin.“ Ein glücklicher Umstand – und so ist Italien aktuell dank seiner Person und befreundeter Künstler wie Lehar oder Olderic nicht mehr von der elektronischen Landkarte wegzudenken. „Ich persönlich glaube, dass Italien der Szene seit fast einem Jahrzehnt einen wichtigen Input liefert. Eine Menge alter und vor allem neuer Künstler bringt immer wieder frischen Wind rein und ich glaube, das ist das Ergebnis einer Welt, die aufgrund der Digitalisierung ,kleiner’ und ,smarter’ geworden ist. Kulturelle Distanzen wurden aufgrund des Internets nahezu aufgehoben oder auf ein Minimum reduziert und auch das soziale Verhalten hat sich enorm verändert. Damit meine ich natürlich nicht, dass alles Gold ist, aber ich gehöre auch nicht zu der Sorte Mensch, die die Vergangenheit glorifiziert. Mit ein paar der genannten Künstler plane ich für Anfang 2018 eine neue Plattform mit dem Namen Multinotes.“

Darüber hinaus hat Musumeci mit seinem Langzeit-Freund Enzo Elia einen Track für die Speicher-Katalognummer 102 auf Kompakt gefertigt, solo wurde eine 3-Track-EP für Bedrock gesignt, die im Februar erscheint, und an Remixen für verschiedene Acts sitzt er aktuell ebenfalls. „Auch mit meinem Projekt Human Machine wird einiges kommen, wir testen seit einiger Zeit ein paar Tracks. Aber wir haben keine Eile, alles wird gut (lacht)“.

Aus dem FAZEmag 070/12.2017
Text: Rafael Da Cruz
www.facebook.com/musumecirules