Die Berliner Softwareschmiede konzipierte Traktor vor genau 20 Jahren als Möglichkeit, Tracks am Rechner synchron zum Takt zu mixen. Heute können wir auf diese Erfolgsgeschichte zurückschauen: Auf fast jedem Rave sieht man DJs, deren Workflow auf Traktor basiert. Über die Jahre ist die recht grundlegende Fähigkeit, Tracks synchron ineinander zu blenden auf mannigfaltige Weise erweitert worden: Interaktivität mit verschiedensten Programmen und Hardwares, ein riesiges Effektarsenal, hauseigene Controller und vieles mehr. Im nun erscheinenden Update Traktor 3.4 ist der Fokus auf ein perfektes Organisieren der eigenen Track-Library gesetzt worden. Ein Akteur im elektronischen Musikkosmos, den das neue Smartlist-Feature besonders für sich gewonnen hat, ist The Sorry Entertainer. Der Wahlberliner aus dem Kater-Blau-Umfeld ist uns bekannt für seine ausschweifenden, auf Genre-Grenzen verzichtenden Mixe. Im Laufe der Jahre und mit wachsender Erfahrung hat er eine umfassende Library mit Tracks von 80 bpm bis über 130 bpm aufgebaut. Wie er diese im neuen Traktor-Update organisiert, erzählt er uns im Telefoninterview.

 

Wie wurdest du damals vom Musikhörer zum DJ?

 Ich war auf sehr vielen Events ein ambitionierter Ausdruckstänzer. Doch eine Sache hat mich oft gestört und ich wusste, dass ich daran was ändern kann, wenn ich auf der anderen Seit der Tanzfläche stehen würde. Es wurde immer der gleiche Sound stringent den ganzen Abend über durchgespielt, ohne auf Abwechslung und Entwicklung im Set zu achten. Ich wollte das anders angehen und den Leuten und mir einen sexy Sound präsentieren, der eine sehr weite Bandbreite präsentiert.

Welches Set-up war der Clubstandard, als du angefangen hast aufzulegen? Was waren deine ersten eigenen Tools?

 Zu der Zeit ging nichts anderes als zwei Technics SL-1210 MKII, ernsthafte Mitbewerber gab es da nicht. Gerade auf den Markt gekommen waren die ersten Pioneer CDJs, doch die waren noch nicht verbreitet bei den Kollegen. Mein erstes Set-up erwarb ich bei einem Veranstaltungsverleih. Es war ein Rack mit einem etwas länglichen, merkwürdigem Mixer und eben zwei 1210ern.

Wann kam der Zeitpunkt, an dem du zum ersten Mal digitales DJing erlebt hast?

Es gab zwei Momente, die mich auf die neuen, digitalen Möglichkeiten aufmerksam gemacht haben. Der erste war ein Abend in der Bar25 mit der Legende Gianni Vitiello an den Turntables. Ziemlich schnell fiel mir auf, dass er einfach nie die Platten wechselte beim Auflegen, dafür aber einen Laptop in sein Setup integriert hatte. Davon war ich ziemlich geflasht und musste das direkt mit allen Tech-Nerds im Freundeskreis besprechen, die mir dann das Timecode-Prinzip erklärten.

Ein anderes Mal saß jemand den ganzen Abend vor seinem Laptop und einem Controller. Die Performance sah eigentlich ziemlich dröge aus, doch der Sound und der Einfallsreichtum im Set machten das wieder gut. Es war übrigens Acid Pauli, der mit Ableton auflegte. 

Wie hast du deinen eigenen Wechsel von Plattenspielern zu digitalem Auflegen erlebt?

 Ich sah dabei schnell die kreativen Möglichkeiten, die in Traktor steckten. Es gab erstens viel mehr Wege, die Übergänge zwischen verschiedenen Tracks zu gestalten: Mit der Loop-Funktion konnte ich auf einmal auch zwei Minuten lange Rohdiamanten aus Studiosessions in mein Set integrieren. Außerdem war meine riesige Library deutlich besser transportierbar geworden. So konnte ich viel besser auf mein Publikum eingehen und das Spektrum meiner Library besser ausnutzen. Aber gerade am Anfang gab es auch ein paar unschöne Momente, wenn nämlich der Rechner vor 1000 Leute abstürzte – da floss der Schweiß. Vor allem, wenn das zum zweiten Mal am selben Abend passierte. Doch mittlwrweile bin ich sehr zufrieden mit meinem Traktor S4. Alles funktioniert mit Plug&Play und auch die Jogwheels können mit dem Clubstandard mithalten, was die Haptik und die Displays angeht. Somit lassen sich in Traktor einfach verdammt schnell Ideen umsetzten. Ich kann nach 30 Sekunden, bevor der aktuelle Track zu Ende geht, den passenden Nachfolger auswählen und reinmixen. Das liegt nicht zuletzt am Workflow von Traktor und wurde mit dem 3.4-Update nochmal deutlich verbessert. 

Womit begeistert dich das neue Update denn besonders?

 Ich denke, das neue Update ist mit seiner Smartlist-Funktion perfekt für DJs, die eine riesige Musiksammlung besitzen und diese exakt organisieren wollen, damit das Auflegen noch intuitiver und kreativer wird – also für Leute wie ich. Meine Sammlung umfasst über 20.000 Tracks, die ich nun als Vorbereitung auf das neue Feature in Traktor getaggt habe. Ich kann Eigenschaften wie Genre, bpm, Key, Artist oder Label für jeden Tracks taggen und somit viel gezielter Tracks suchen. Bisher hatte ich mehrere Playlisten, mit denen ich meine Library ordnete: chronologisch, nach Genre, nach Artist und zusätzlich gab es einen Ordner mit richtig schrägem Zeug, das zum richtigen Zeitpunkt ausgepackt wurde. Jetzt kann ich einfach nach diesen Eigenschaften suchen und finde Tracks deutlich schneller. Das besondere dabei ist, dass man auch verschiedene Eigenschaften, wie z. B. Key und bpm zusammen suchen kann. Somit findet man Tracks, die auf jeden Fall zusammenpassen, sowohl was die Harmonien, aber auch das Genre angeht. Ich bin da lieber etwas risikofreudiger und benutze nicht die Keyfunktion von Traktor. Vielen Leuten erleichtert das aber sicherlich ihre Arbeit.

Gibt es trotz des neuen Updates noch eine Wunschfunktion, die in die nächste Traktor-Version kommen sollte?

 Gibt es. Ich denke da an einen Traktor-Multimedia-Player, als Ersatz für iTunes. Zum ersten Hören der Tracks zu Hause, beim Sport oder unterwegs – inklusive hervorragender Integration mit der DJ-Software. 

Du hast sogar noch einen Wunsch frei: Wie stellst du dir die perfekte Party nach Corona vor?

 Das Konzept dafür gibt es für mich schon lange. Wir wissen alle, dass die Clubkultur, wie wir sie kennen, aus dem Studio54 in New York stammt. Kürzlich sah ich ein Video, in dem der junge Michael Jackson in diesem Club zur DJ-Booth ging. Doch gesehen hat man ihn dort nicht mehr, denn die Booth hatte nur einen kleinen Sehschlitz. Somit konnten die Leute den DJ nicht sehen, andersrum hatte der DJ einen guten Ausblick über die Crowd.

So stelle ich mir meine perfekte Party vor: Eben ohne diesen Star-Kult, sondern einfach nur gute Musik.

 

Aus dem FAZEmag 105/10.2020
Text: Bastian Gies
www.native-instruments.com
www.katerblau.de/artists/the-sorry-entertainer