Neuer Hain – neues Glück

Die echten Berliner Underground-Locations verschwinden – oder sie ziehen immer weiter an den Stadtrand. Bestes Beispiel ist die Griessmühle, die sich als RSO (Revier Südost) neu erfunden hat. Die großen Flaggschiffe und langjährigen Magneten wie Tresor und Berghain bieten seit Jahren das gleiche Format, die manchen viel zu monumental sind. Für viele zählt beim Ausgehen heute auch die Kommunikation – nicht nur auf dem Dancefloor – das Sich-Näherkommen (ohne dass es gleich im sexpositiven Bereich enden muss) und so etwas wie entspannter Spaß. Insofern lässt sich sagen: Es geht auch einen Hain kleiner.

Der Humboldthain Club ist eine Berliner Underground-Location wie aus dem Bilderbuch: über und über getaggt und bekritzelt, mit einem gemütlichen Chill-out-Außenbereich und direkt am S-Bahnhof Humboldthain gelegen. Auf dem Gelände befinden sich mehrere Ateliers, in denen Kunst produziert wird. Das Motto des Clubs lautet „Von Künstlern für Künstler“ – und das trifft auch auf den Betreiber Ludwig Eben zu, der in einem eigenen Raum seiner zweiten Leidenschaft, der Malerei, nachgeht.

Eben ist eine echte Berliner Nightlife-Legende, die – anders als viele andere – ihre Person nie in den Vordergrund gestellt hat. Seit den frühen 1990er-Jahren war er als einer der prägenden Akteure im Umfeld des Kunsthauses Tacheles und des Café Zapata aktiv. Unvergessen sind die dortigen Loveparade-Partys mit Commando Walrot, die für viele links des Mainstreams the Place to be waren.

In der Endphase des Tacheles kämpfte Eben mit der Oberfinanzdirektion Berlin um den Erhalt des Kunsthauses – vergeblich. Ludwig Eben floh aus Mitte und machte sich auf die Suche nach neuen Räumlichkeiten. 2013 fand er schließlich die siebeneckige Location am Humboldthain, die bei ihrer Errichtung im Jahr 1936 als Abfertigungszentrale des benachbarten Güterbahnhofs diente. Der Anfang war schwierig – die Lage ebenso: In der Gegend dominierten zwei Rocker-Clubs. Zudem musste Eben feststellen, dass sich ein Club dieser Größe nicht über das Booking teurer Star-DJs finanzieren lässt.

Wir treffen ihn an einem Dienstag, dem vielleicht berühmtesten Tag im Club Humboldthain, bei der hauseigenen Veranstaltung „Tischtennis & Open Decks“. Newcomer-DJs bekommen jeweils eine halbe Stunde Zeit, um ihren Sound auf der großen Anlage zu präsentieren – oft wird dabei auf Vinyl aufgelegt. Parallel stehen zwei Tischtennisplatten im Club, an denen die Gäste Rundlauf spielen. Das sorgt für sichtbaren Spaß.

Gleichzeitig versteht sich der Humboldthain Club als Plattform für junge Kollektive und Nachwuchsveranstaltende. So entsteht ein bewusst kontrastreiches Programm, in dem auch heute bekannte Künstler wie SkiAggu, Marlon Hoffstadt oder Ikkimel in ihren frühen Karrieretagen Raum fanden. Darüber hinaus öffnet der Club gezielt Räume für Nischenmusik: Formate wie Modernismus prägten das Profil mit Post-Punk-Abenden und brachten Künstler aus ganz Deutschland auf die Bühne. Zu den etablierten Formaten im Humboldthain Club zählen auch die Veranstaltungen der Nordachse, einem Nordberliner Hip-Hop-Label. Mit ihrer Reihe „Das Zündet“ bringen sie Disco- und Funk-Sounds in den Club und holen dabei auch Künstler wie D-Train nach Berlin.

Neben Disco, House und Nischenmusik ist auch der Berliner Rave-Sound fester Bestandteil des Programms. Keine Nacht gleicht der anderen – dafür sorgen z.B. unerwartete Karaoke-Einlagen ebenso wie spontane Ideen und Spielräume der Veranstaltenden. Tatsächlich hat es der Club Humboldthain geschafft, wovon viele Clubbetreiber*innen in Deutschland träumen: Anfangs brachte jeder Veranstalter ausschließlich sein eigenes Publikum mit; heute kommt ein wachsender Teil der Gäste unabhängig vom Line-up – und freut sich über das abwechslungsreiche Spektrum der verschiedenen Partys.

Doch auch weiterhin bleibt es ein Kampf, einen solchen Club zu betreiben. In zwei Jahren läuft der Mietvertrag aus, und es ist offen, wie es danach weitergeht. Mit Sorge wird beobachtet, dass gegenüber des Clubs 120 Mikro-Apartments entstehen sollen, was zwangsläufig zu einem Lärmproblem führen würde. Ludwig Eben bleibt dennoch gelassen: „Wir sind bewusst an einen lauten S-Bahn-Damm gezogen, um genau diese Problematik zu vermeiden. Wenn man einen solchen Club macht, muss man immer kämpfen – und sich immer neuen Herausforderungen stellen, hier werden wir eine Petition starten. Der Kampf geht weiter!“ 

Aus dem FAZEmag 167/01.2026
Bild & Text: Jürgen Laarmann
www.humboldthain.com