
Der französische Produzent und Musiker NTO veröffentlicht sein zweites Soloalbum. „Naked“ ist sein bisher persönlichstes Werk, Anthony Favier, so sein bürgerlicher Name, thematisiert hier ganz offen den Tod seines Vaters oder seine schon seit einem Jahr währende Abstinenz – der Albumtitel steht dabei sinnbildlich für diese Öffnung.
„Naked“ wird als dein persönlichstes Album beschrieben. Kannst du den Entstehungsprozess schildern, der dazu geführt hat? Wann oder wie kam es zu dieser Wendung hin zum Persönlichen?
Ich glaube nicht, dass es einen bestimmten Moment gab, in dem ich beschlossen habe: „Okay, jetzt mache ich ein persönliches Album“. Das Leben hat ein bisschen für mich entschieden. Ich habe viele Veränderungen durchgemacht: den Verlust meiner Eltern, den Ausstieg aus dem Alkohol, das Hinterfragen vieler Dinge über mich selbst – und natürlich floss all das nach und nach ins Studio ein.
Zunächst habe ich einfach nur viel Musik gemacht, wahrscheinlich, weil ich das brauchte. Nach einer Weile habe ich mir dann all diese Tracks angesehen und festgestellt, dass sie dieselbe Geschichte erzählten. Da begann „Naked“ wirklich als Album zu existieren.
Du hast das Album weit weg von Marseille aufgenommen – in Cassis, Saint-Rémy-de-Provence und auf Korsika. Wie haben dieser Ortswechsel und die Orte selbst deinen kreativen Prozess und den Sound des Albums beeinflusst?
Tatsächlich habe ich einen Großteil des Albums auch zu Hause in der Nähe von Marseille produziert, aber Cassis, Saint-Rémy und vor allem Korsika sind Teil seiner Welt geworden. Ein Ortswechsel tut mir kreativ wirklich gut. Man verliert ein wenig seine Gewohnheiten. Schon wenn man Ableton in einem anderen Raum öffnet, mit einem anderen Blick nach draußen, hört man vielleicht anders hin.
Korsika hat eine besonders starke Verbindung zu meiner Familie und meiner Kindheit, daher hat es natürlich viele Erinnerungen in die Musik eingebracht. Ich glaube, diese Orte haben auch mehr Natur in das Album gebracht. Mehr Raum, organische Klänge, Unvollkommenheiten – vielleicht sogar ein anderes Zeitgefühl.
Der Tod deines Vaters und die Entdeckung seiner Zeichnungen und Texte unter einem früheren Künstlernamen waren der Ausgangspunkt für „Fior di Macchia“. Wie war es, diese Entdeckung musikalisch zu verarbeiten?
Es war sehr emotional, aber auch auf seltsame Weise schön. Nachdem mein Vater verstorben war, entdeckten mein Bruder und ich Zeichnungen, Gemälde, Songtexte – alles signiert mit „Fior Di Macchia“. Es war so etwas wie sein geheimes künstlerisches Alter Ego. Ich kannte meinen Vater sehr gut, doch plötzlich entdeckte ich diese kreative Seite an ihm, nachdem er nicht mehr da war. Das ist eine seltsame Erfahrung.
Durch die Arbeit an dem Track hatte ich einen Ort, an dem ich all das unterbringen konnte. Ich wollte nichts rein Trauriges oder Nostalgisches schaffen. Ich wollte die Erinnerung in etwas Lebendiges verwandeln. Für mich ist das wahrscheinlich eines der schönen Dinge, die Musik bewirken kann.
Nach über einem Jahr Abstinenz beschreibst du dich selbst als „nie wieder ganz Anthony Favier“, so wie du heute bist. Inwiefern hat diese Veränderung konkret deine Herangehensweise an das Musikmachen verändert und dich persönlich beeinflusst?
Die Abstinenz hat vieles verändert, aber das Wichtigste ist wahrscheinlich die Präsenz. Ich bin jetzt viel präsenter in meinem Leben. Bei meiner Familie, bei mir selbst und auch im Studio. Jahrelang war ich immer auf der Suche nach Intensität, nach der nächsten Show, dem nächsten Track, dem nächsten Gefühl.
Heute fühle ich mich viel wohler mit Stille und damit, dass die Dinge langsam vorangehen. Kreativ gesehen war das wirklich wichtig. Ich muss nicht mehr jeden Raum ausfüllen. Ich kann mir Zeit für eine Idee nehmen und sie atmen lassen. Und persönlich fühle ich mich viel näher an dem, der ich eigentlich bin. Vielleicht ist das auch der Grund, warum die Musik offener geworden ist.
Du sagst, dass der Gesang auf „Naked“ eine zentrale Rolle spielt, ohne die Musik zu überlagern. Wie hast du diese Balance zwischen dem Gesang und deinem ansonsten instrumentalen, melodischen Techno-Stil gefunden?
Darauf habe ich besonders geachtet. Ich habe Stimmen schon immer fast wie Instrumente eingesetzt – kleine Fragmente, Texturen, etwas, das Emotionen vermittelt, ohne einem unbedingt genau vorzuschreiben, was man fühlen soll. Auf „Naked“ wollte ich noch einen Schritt weitergehen und der menschlichen Stimme mehr Raum geben, ohne dass es dabei plötzlich zu einem reinen Vocal-Projekt wird. Manchmal können ein paar Worte eine emotionale Tür öffnen, die ein Synthesizer nicht öffnen kann. Aber ich liebe es nach wie vor, Raum für Interpretationen zu lassen. So wurde die Stimme eher zu einem weiteren Bestandteil des NTO-Vokabulars als zu etwas, das darüber steht.
Motive wie Blumen, Kolibris und gemeinsame Momente ziehen sich durch das Album. Wie sind diese wiederkehrenden Bilder entstanden, und was bedeuten sie dir persönlich?
Die meisten davon waren überhaupt nicht geplant. Sie tauchten auf, während ich die Musik machte, und erst hinterher wurde mir klar, wie oft diese Bilder wiederkehrten. Blumen stehen natürlich in Verbindung mit „Fior Di Macchia“ und meinem Vater. Auch die Natur spielte in dieser Zeit eine viel größere Rolle in meinem Leben. Und Dinge wie Kolibris, Wasser, Farben – das sind sehr einfache Bilder, aber sie können für mich eine Menge Emotionen transportieren. Ich glaube, ich bin aufmerksamer für kleine Dinge geworden. Vielleicht werden alltägliche Momente plötzlich viel kostbarer, wenn man einen Verlust erlebt. Ein Ort, ein Bild, ein Nachmittag mit jemandem … man nimmt sie anders wahr.
Du hast auf dem Album mit Sinego, Mont Rouge, Sailor & I und Romain Garcia zusammengearbeitet. Wie kam es zu diesen Kooperationen, und was haben sie dem Album gebracht?
Ich wollte keine Kooperationen um der Kooperationen willen. Jede einzelne entstand aus einer echten musikalischen Verbindung. Bei Mont Rouge zum Beispiel hatte ich eine erste Idee für „I Cared For You“, daraufhin hat Noah Kulaga daraus den Text entwickelt und dann haben wir den Track gemeinsam mit Mont Rouge produziert.
Sinego, Sailor & I und Romain Garcia haben jeweils eine andere Sensibilität mitgebracht und mich an Orte geführt, an die ich alleine wahrscheinlich nicht gelangt wäre. Genau das wollte ich mit den Kollaborationen auf „Naked“ erreichen. Nicht, dass jemand in meine Welt kommt, nur um seinen Namen hinzuzufügen, sondern dass Menschen ein kleines Stück ihrer eigenen Welt in meine einbringen. Und irgendwie hat das ein sehr persönliches Album noch menschlicher wirken lassen.