Norman Noczinski, Berghain-Besuchern seit 2005 als Resident Norman Nodge vertraut, hat die sechste Ausgabe der großartigen Berghain-Mix-CD-Serie auf Ostgut Ton zusammengestellt und gemixt. Wir haben mit dem gebürtigen Leipziger über seinen Output, den Begriff ‚Berghain-Techno‘, die Bedeutung des Clubs für Techno-Deutschland und einiges mehr gesprochen.

Dein Mix der aktuellen Berghain-Compilation zeichnet sich durch einen klar strukturierten Aufbau aus. Nach dem stimmungsvollen Intro und der zentralen Passage mit wuchtigem und kantigem Techno erfolgt der Übergang in relaxte Soundwelten. Inwiefern spiegelt dieser Mix deine Erfahrungen und Erlebnisse als Berghain-Resident wider?
Es gibt eigentlich keinen theoretischen Überbau. Die Stücke sollen einfach gemeinsam Sinn ergeben, ohne insgesamt zu einheitlich zu sein. Ich will den Zuhörer und den Gast im Club unterhalten, ohne ihn dabei einzulullen. Manchmal will ich ihm auch etwas abverlangen. Mit der Intention bin ich auch an den Mix heran gegangen. Erlebtes ist dabei sicher mit eingeflossen.

Neben aktuellen und bisher unveröffentlichten Tracks finden sich auch etwas ältere Stücke, z. B. Jeff Mills’ „Keeping The Kept“. Ist dies ein Statement gegen die Kurzlebigkeit? Wie wichtig ist es dir, besonderen Tracks Zeit und Raum für ihre volle Entfaltung zu geben?
Ob ein Track alt oder neu ist, spielt keine Rolle, wenn ich den Plattenkoffer packe. Insofern war es auch kein Kriterium beim Heraussuchen der Stücke für die CD. Ebenso ist es meist eine Bauchentscheidung, ob ein Titel lange Zeit mit einem anderen zusammen oder ganz alleine läuft. Die Frage, ob es wichtig ist, ein Stück von Anfang bis Ende zu spielen, wird vor Ort im Club beantwortet. In einem Moment kann es dann sehr wichtig sein, die gesamte Länge auszukosten, im nächsten dann schon nicht mehr.

Der Mix wurde live im Berghain aufgenommen. Hast du dir vorher schon genau überlegt, wann du welchen Track spielen willst oder hast du das größtenteils spontan unter dem Einfluss der Clubatmosphäre entschieden?
Man kann sich das jetzt nicht so vorstellen, dass ich mit einer großen Plattenkiste ins Berghain gegangen bin und drauflos gemixt habe. Es gab zunächst einen Roughmix, damit ich auch eine Vorstellung davon bekomme, wie lang der Mix dann mit den ausgesuchten Titeln ungefähr insgesamt wird. Dann mussten die Rechte geklärt werden. Als es für ein paar Tracks keine Genehmigungen gab, waren ein paar Umstellungen nötig. Erst dann kam es zum Aufnehmen des finalen Mixes. So läuft das halt. Richtig spontan war das dann natürlich nicht mehr. Das Recording war übrigens auch unter der Woche, also nicht während einer Klubnacht. Davor hatten wir noch Fotos geschossen, die man jetzt auf den Covers der CD und der 12Inch mit den Exklusivtracks sehen kann.

Denkst du, dass ein DJ-Mix im CD-Format in der heutigen Zeit noch aktuell und relevant ist?
Das hängt vom Mehrwert ab, dem man einer Mix-CD im Vergleich zu einem kostenlosen Podcast beimisst. Ich persönlich sehe nach wie vor eine Berechtigung für die Mix-CD ebenso wie für andere physische Tonträger auch. Angesichts der kaufmännischen Rahmenbedingungen sind CDs und Vinyls sowohl auf Macher- als auch auf Konsumentenseite in erster Linie etwas für Enthusiasten.

Das Berghain ist aus der deutschen Technolandschaft nicht mehr wegzudenken. Für wie stilprägend hältst du den Club in Bezug auf die gegenwärtige Szene der elektronischen Musik?
Der Einfluss des Berghain ist insgesamt recht groß, denke ich. Es gibt Labels, deren gesamter Output danach schreit, mit dem Etikett ‚Berghain-Techno‘ versehen zu werden, obwohl dieser Begriff und die Musik, die viele damit verbinden, meiner Meinung nach nicht dem entspricht, was das Berghain und die damit assoziierten Künstler ausmacht. Außerdem habe ich Leute erlebt, die nach einer Nacht im Club vollkommen euphorisiert nach Hause fliegen und dort Parties auf die Beine stellen oder alte Geräte vom Dachboden holen, um wieder Musik zu machen. Ohne das Berghain würde es – insbesondere in Berlin – etliche andere Clubs nicht geben. Ich will damit niemandem zu nahe treten, aber es profitieren viele – auch solche, die wegen des so genannten Hypes um das Berghain die Nase rümpfen – davon, dass es den Techno-Tourismus in Berlin gibt und dass die Tür im Berghain selektiv vorgeht.

Ihr habt mit eurer Compilationreihe eine ganz eigene Soundästhetik erschaffen. Wie wird sich der typische Berghain-Sound deiner Meinung nach in Zukunft weiterentwickeln?
Ich finde nicht, dass sich diese Serie durch eine besondere Homogenität auszeichnet, sondern eher durch Vielfalt. Jeder der beteiligten DJs hat seinen eigenen Stil. Einen typischen „Sound of Berghain“ gibt es für mich nicht. Das Berghain zeichnet sich dadurch aus, dass es einem DJ die Freiheit gibt, nicht bestimmte Erwartungen erfüllen zu müssen. Auch die veröffentlichten 12Inches und Alben auf Ostgut-Ton macht aus, dass sie keinem bestimmten Schema folgen, dort gibt es neben ‚Berghain Techno‘ alles Mögliche zu hören.

Was steht in der nächsten Zeit bei dir an? Darf man auf neue EP-Veröffentlichungen von dir hoffen?
Ich bin bei meiner Planung nicht sonderlich stringent und eigentlich ganz froh, dass mir nicht ständig ein Label mit Deadlines im Nacken sitzt. Allerdings habe ich neulich erst bemerkt, wie viel Zeit seit der Ostgut-Ton 45 vergangen ist und wie viele Remixes im Vergleich dazu von mir veröffentlicht wurden. Es wird also mal wieder Zeit für eigene Tracks auf einer 12Inch.

Interview: Tobias Quinten

www.ostgut.de