
Die britische Instrumenten-Brand Novation ist für mich immer noch tief verbunden einem Gefühl, das am besten folgende YouTube-Kommentare abbilden können: „Ah yes. The first launchpad video I ever watched.“ „The amount of nostalgia from hearing this.“ Oder auch „I remember when this stuff was new, just started middle school and going through a dubstep phase, now I rewatch with tears in my eyes and a smile on my face.“
Zur Einordnung: 2013 machte Novation alles richtig, indem sie das Launchpad erfanden — einen MIDI-Controller, der genau auf die Session-View von Ableton Live ausgerichtet war und somit MPC-typische Drumpad-Performances für unzählige Bedroom-Producer*innen möglich machte. Zufälligerweise war diese Zeit aber auch die Hochphase des Skrillex-esquen Brostep-Genres. Die Kombination dieser beiden Ereignisse führte zu unzähligen Videos, in denen Leute stotternde, wobbelnde und gleichzeitig kreischende Basslines auf dem neuen Launchpad performten. Und das mit Erfolg: Nicht wenige dieser Videos wurden viele Millionen Mal geklickt und mehrere zehntausend Mal begeistert kommentiert. Wenige Tage nach dem Anschauen eines weiteren Skrillex-Covers bestellte ich mir damals das Launchpad natürlich auch. Und auch wenn der Sound dieser Zeit zum Glück nicht mehr durch meine Lautsprecher kommt, hat Novation die Art, wie Controller benutzt werden, grundlegend verändert und neu erfunden.
Zum Glück sind sie drangeblieben, denn seinen wir mal ehrlich, MIDI-Controller back in the days waren schon auch ein Haufen Plastikschrott. Und die oben genannten Drumpad-Performances mussten jedes Mal neu in der Software gemappt werden, sodass sich hier nie eine wirkliche Muscle-Memory ausbilden konnte.
Seitdem ist aber einiges passiert — so auch bei Novation: Ausgehend vom Launchpad haben sie rasend schnell Keyboard-Controller, die LaunchKeys, und Performance-Controller, die LaunchControls, entwickelt. Und auch das Launchpad ist nun bei Version drei.
Deswegen freue ich mich sehr, mit dem neuen LaunchControlXL MK III das neueste Tool ausprobieren zu dürfen. Ausgepackt, habe ich erst einmal ein gutes Gefühl: Der Controller sieht weder billig aus noch fühlt er sich billig an.
Und jetzt kommt man zu dem Punkt, wo ich mich oft frage — wie viele Updates kommen denn jetzt noch? Braucht es alle zwei Jahre eine Produktpflege?
Beim Blick auf die vorherige Version des LaunchControlXL liegt jetzt doch einige Zeit dazwischen und das Update hat sich sehr gelohnt: Erstens fühlen sich alle Fader, Taster und Encoder deutlich wertiger an und auch der Look macht deutlich mehr Freude. Zweitens gibt es nun ein Display, das sofort den Namen des Software-Elements anzeigt, das man kontrolliert. Somit weiß man — ähnlich wie bei der Ableton Push — immer Bescheid, wo man gerade dran ist. Allein dadurch fühlt sich alles schon viel organischer an und es kommt nicht dieses typische MIDI-Controller-Gefühl auf, bei dem man gar nicht weiß, was man eigentlich gerade macht.
Und das mit 32 Endlos-Drehencodern, acht Fadern und 16 Knöpfen. Neu hinzugekommen sind ebenfalls drei MIDI-Ports, mit denen man direkt Synthesizer oder Effekte ansteuern kann. Für viele verbreitete Synthesizer z.B. von Elektron, Arturia oder Teenage Engineering gibt es Mappings, mit denen man diese direkt mit dem Controller steuern kann.
Videos von MIDI-Controllern zeigen häufig sehr elaborierte Performances, weil diese ja auch visuell viel hermachen. Richtig stark finde ich aber den Nutzen des LaunchControlXL für den DAW-Alltag. Durch die neuen DAW-Controll-Funktionen kann man Ableton, Logic, FL Studio oder Bitwig wirklich einfacher bedienen, da man nicht nur die Klassiker Play, Pause und Record bedient, sondern sich auch schnell und intuitiv durch die Session bewegen kann: Vertikales und horizontales Zoomen, Skippen zu verschiedenen Markern, Ändern der Playback-Position, Track-Selection oder das Starten von Clips können alle durch die Hardware gesteuert werden. Mit solchen Features kann man sich deutlich schneller in der Session bewegen als mit der Maus. Und das Ganze ohne neues Mapping, sondern es funktioniert sofort mit dem ersten Benutzen. Aber aufpassen: Eine Studie des Psychologen Karl Anders Ericsson dämpft die Erwartung an dieser Stelle etwas: Er fand heraus, dass Musiker*innen etwa 10.000 Stunden mit ihrem Instrument verbringen müssen, um eine Weltklasse darin zu erreichen. Das gilt ebenso für einen ausgefeilt gestalteten DAW-Controller. Deswegen gilt es hier, Schritt für Schritt schneller und erfahrener zu werden und dabei die Wertigkeit des LaunchControls XL zu genießen.
Psssst: Auch für ProTools, die DAW, deren Mixer man eigentlich nur mit den hauseigenen, viermal so teuren Controllern steuern kann, gibt es Tricks, wie man das LaunchControlXL benutzen kann. Stichwort „MaX/MSP“ und „HUI-Protocol“; Stichwort „Gibt es durchaus schon fertig und kostenlos in der Max/MSP-Library“.
Gerade die flüssige DAW-Integration macht das LaunchControlXL zu einem ernstzunehmenden Gerät für den Alltag im Studio. Mit vielen MIDI-Controllern kann man natürlich Filter-Cutoffs von Synthesizern kontrollieren, Echos auf Stimmen legen oder langsam eine Spur in den Hall fahren.

Mit den Mitteln macht man durchaus Tracks organischer und lebendiger — und ich möchte nicht so tun, als ob das erst mit dem neuen LaunchControlXL möglich geworden sei. Aber mit der ganz natürlich Integration des DAW-Mixers kann man hier auch die Feinarbeit erledigen, die aus einem toll performten Jam einen finalen Track macht: Kleinste Lautstärke-Änderungen, Panning-Verläufe oder auch Masterings fühlen sich so an, als würde der Track am Ende einfach nochmal durch ein Mischpult laufen.
Nach einiger Zeit mit dem LaunchControlXL merkt man, dass man seine DAW-Session auch etwas an die Hardware anpasst und immer in den Achter-Schritten des Controllers denkt, der ja auch immer acht Spuren gleichzeitig kontrolliert. Also ist man versucht, sich in der Spurenanzahl etwas zu beschränken und auch immer acht Spuren, die zusammengehören zu benutzen. Wenn man also auf den Spuren 1-8 Percussions liegen hat, auf 9-16 Synthesizer und 17-24 Effekte, ist das sehr praktisch für die intuitive Kontrolle.
Als Fazit bin ich also wirklich überrascht, wie wertig, aber auch praktisch ein MIDI-Controller für nur 220 Euro sein kann. Wahrscheinlich bleibt er noch länger im Standard-Workflow im Studio.
Und noch einmal kurz zu Novation und meinen Launchpad-Bezug: Die Briten gibt es in Wirklichkeit schon seit 1992. Außer MIDI-Controller gab es von ihnen legendäre analoge Synthesizer wie die Bassstation, Supernova oder Peak. Damit ist Novation hiermit also weit genug weg vom 2013er Dubstep-Universum positioniert worden.