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Orchestral Manoeuvres In The Dark gehören zum Sound der Achtziger dazu wie Schulterpolster, Leggins und Pailletten zum Look dieser Ära. Mit dem Unterschied, dass die Musik der britischen Band zeitlos ist – selbst wenn die Mode teilweise ein Revival erlebt, tut sie es mehr als Kopie denn als Weiterentwicklung. Das trifft auf OMD ganz und gar nicht zu. Die Band ist seit 40 Jahren kreativ, neugierig und bleibt dabei doch stets sie selbst. Nachdem sie mit Alben wie „Architecture and Morality“ (1981) und „Dazzle Ships“ (1983) den Klang der frühen Achtziger entscheidend mitgeprägt hatten und mit „Enola Gay“, „Electricity“ und „Souvenir“ unverwüstliche Pop-Klassiker schufen, gelang den Briten mit der Single „Maid Of Orleans“ schließlich der europaweite Durchbruch. Mitte der Achtziger eroberten sie mit Hits wie „So In Love“ und „If You Leave“ (aus dem legendären „Pretty In Pink“-Soundtrack) dann sogar die US-Charts. Mit „The Punishment Of Luxury“ erschien nun das dreizehnte OMD-Album. Der Longplayer ist der Nachfolger des von den Kritikern hochgelobten Albums „English Electric“ aus dem Jahr 2013 und vereint einmal mehr hervorragenden Synthie-Pop mit meisterhaftem Songwriting. Komponiert, aufgenommen, produziert und abgemischt wurde das gesamte Album von den beiden OMD-Gründungsmitgliedern Andy McCluskey und Paul David Humphreys. Mit den zwölf Songs bewegen sich OMD immer wieder jenseits bekannter Gefilde, ohne dabei jedoch ihre Identität aufzugeben. Sie tun einfach, wozu sie Lust haben. Als mittlerweile, man kann sagen Institution, können sie sich diesen Luxus auch leisten. Apropos Luxus. Der Name des Albums geht auf ein Gemälde des italienischen Divisionisten Giovanni Segantini aus dem Jahr 1891 zurück, das in der Walker Art Gallery in Liverpool zu sehen ist, wo es auch Andy auffiel. Andy und Paul haben ihn auf die Gesellschaft übertragen: den aus ihrer Sicht unnötigen Konsum der westlichen Welt, „die illusorische Ordnung des Marketings und die Propaganda der Werbung“, verantwortlich für das Gefühl, immer mehr und immer neue materielle Dinge zu besitzen, die man eigentlich gar nicht benötigt. Die jugendliche Energie, der Wille, die Welt zu ändern, etwas in sie hinauszuschreien, die OMD schon immer antrieben, spürt man auch auf Album Nummer dreizehn, wobei der Blick auf die Welt auch von Reife gelenkt wird. Diese Kombination ergibt äußerst interessante, mal mehr experimentellere, mal poppigere Gebilde und Songs aus Geräuschen, Klangstrukturen und Vocals. „The Punishment of Luxury“ ist das Resultat einer wieder gefundenen Abenteuerlust, dem Entdeckergeist jener Tage genährt von den persönlichen und musikalischen Erfahrungen der letzten Jahrzehnte. Nachdem sie mit „English Electric“ ein klassisches OMD-Pop-Album abgeliefert hatten, dachten Andy und Paul, es sei an der Zeit, im Studio risikofreudiger zu agieren und herauszufinden, wohin sie die Software und die endlosen Weiten der synthetischen Sounds führen würden – denn beide finden die Möglichkeiten digitaler Technologie großartig. Als große Fans von Kraftwerk, deren Einfluss sie nie leugneten, toben sich OMD elektronisch aus wie kaum bisher. Knarzende Fragmente und Rhythmen sowie fließende Melodien begegnen sich in den Stücken als ebenbürtige Partner – balladenhaft wie in „One More Time“ und „The View From Here“ oder futuristisch angehaucht, nach vorne gehend wie in „Isotype“ und eingehend tanzbar wie „Art Eats Art“ – sicher nicht die einzigen Tracks mit Hit-Potenzial. So facettenreich spielerisch das neue Werk auch ist, so OMD-typisch weht immer ein Hauch von romantischer Melancholie mit, wie sie die Briten schon immer in allem spürten. OMD kommen mit einer maschinell-humanen Stimmung verdammt nah an die Wurzeln ihrer Musik, ihr Idol Kraftwerk. 10/10 CL