
Von der Vinyl- und Clubkultur der 90er-Jahre bis zum digitalen Musikmarkt von heute: OSCA DASOL hat die Entwicklung der elektronischen Musik über mehrere Jahrzehnte miterlebt. Seine musikalische Geschichte begann in München, führte ihn über die Berliner Radio- und Clubszene an internationale Schauplätze wie Ibiza, Tulum, Sansibar und Südafrika und mündete Ende 2025 in einem neuen Kapitel als eigenständiger Artist und Producer. Mit DASOL MUSIC gründete er im Juli 2026 zudem sein eigenes Label. Im Interview spricht OSCA DASOL über seine musikalischen Wurzeln, die Inspiration hinter seinen Produktionen und die Kunst, als DJ eine Geschichte zu erzählen. Dabei nimmt er auch die Veränderungen innerhalb der Szene kritisch unter die Lupe: Warum müssen DJs heute gleichzeitig Produzenten, Content Creator und Marketingexperten sein? Und was passiert, wenn Reichweite und Algorithmen zunehmend darüber entscheiden, wer auf den großen Bühnen steht?
Deine musikalische Geschichte beginnt bereits in den 90er-Jahren, unter anderem mit dem Münchner Plattenladen Afro Vibes und späteren Stationen in der Berliner Radio- und Clubszene. Was hat dich damals an elektronischer Musik fasziniert, und wie hat diese Zeit dein Verständnis von DJ-Kultur geprägt?
Mich hat an Musik fasziniert, dass sie offen war, sehr flexibel interpretiert werden konnte, international und ständig in Bewegung war und alles neu war. In Berlin kamen Radio und Clubs dazu. Dort habe ich gelernt, dass DJing weit mehr ist als das Auflegen einzelner Tracks: Es geht darum, Musik zu entdecken, einen Raum zu lesen und gemeinsam mit dem Publikum einen Moment zu schaffen. Diese Haltung begleitet mich bis heute. Vor allem finde ich es nach wie vor wichtig, dem Publikum neue Musik zu präsentieren, die es vielleicht noch nicht kennt.
Du hast den Wandel vom Vinyl über die Digitalisierung bis hin zu Streaming und Algorithmen unmittelbar miterlebt. Was hat sich aus deiner Sicht in der DJ-Kultur zum Positiven verändert, und welche Entwicklungen betrachtest du eher kritisch?
Ich habe alle diese Veränderungen als Teil der Entwicklung erlebt. Positiv finde ich vor allem die enorme musikalische Verfügbarkeit: Heute kann man Musik aus der ganzen Welt in Sekunden entdecken und sich sehr schnell mit anderen Künstlern verbinden. Kritischer sehe ich, wenn Algorithmen und Zahlen zu stark bestimmen, was als relevant gilt. Musik und DJ-Kultur sollten nicht nur danach beurteilt werden, wie viele Klicks ein Track oder ein Artist erzeugt, sondern auch danach, was musikalisch und im Club passiert. Das ist weitestgehend verloren gegangen.
Mit OSCA DASOL hast du Ende 2025 ein neues Kapitel als eigenständiger Artist und Producer begonnen. Warum war gerade jetzt der richtige Zeitpunkt dafür, nach so vielen Jahren als DJ verstärkt eigene Musik zu veröffentlichen?
Nach so vielen Jahren als DJ hatte ich irgendwann das Gefühl, dass noch etwas aus mir herauswill. Ich wollte nicht mehr nur die Musik anderer Künstler auswählen und miteinander verbinden, sondern auch meine eigenen Ideen in Musik übersetzen. Ende 2025 war für mich deshalb der richtige Moment, OSCA DASOL zu starten. Ich bringe dabei viele Erfahrungen mit, gehe die Sache aber bewusst mit der Neugier eines Menschen an, der noch einmal etwas Neues lernen möchte.
Deine musikalischen Erfahrungen reichen von München und Berlin über Ibiza und Tulum bis nach Sansibar und Südafrika. Welche dieser Orte haben dich besonders beeinflusst, und wie spiegeln sich diese unterschiedlichen Eindrücke in deinen eigenen Produktionen wider?
Jeder dieser Orte hat Spuren hinterlassen. München und Berlin haben meine musikalische Basis geprägt, Ibiza mein Verständnis von Energie und Tulum noch einmal einen anderen Zugang zu Atmosphäre und vor allem Musik. Sansibar und Südafrika haben mir gezeigt, wie selbstverständlich Rhythmus, Percussion und organische Sounds Teil des Alltags sein können. In meinen Produktionen versuche ich nicht, diese Orte zu kopieren. Vielmehr fließen Stimmungen, Rhythmen und Erfahrungen in meine Musik ein. Ich versuche, ein Lebensgefühl zu transportieren.
Deine Veröffentlichungen „Let the Music Play“ und „Moyo wa Usiku“ zeigen unterschiedliche musikalische Facetten deines Projekts. Welche Idee steckt hinter den beiden Tracks, und in welche Richtung möchtest du deinen Sound künftig weiterentwickeln?
„Let the Music Play“ und „Moyo wa Usiku“ zeigen bewusst unterschiedliche Seiten von OSCA DASOL. Bei „Let the Music Play“ steht für mich die Energie und Direktheit im Vordergrund, während „Moyo wa Usiku“ stärker von organischen und afrikanischen Einflüssen geprägt ist. Künftig möchte ich diese Offenheit behalten. Mein Sound darf melodisch, rhythmisch und elektronisch sein, solange er eine eigene Atmosphäre und eine Geschichte transportiert. Ich habe in den 90ern auch schon Afrohouse aufgelegt und „Let the Music Play“ war für mich damals in den 80ern ein sehr wichtiger Song. Für mich immer noch eine der besten Zeiten, was Musik angeht.

Du beschreibst einen DJ als Storyteller, der mit seiner Musikauswahl einen Spannungsbogen entwickelt und auf das Publikum reagiert. Was macht für dich einen wirklich guten DJ aus, und welche Fähigkeiten lassen sich weder durch technische Hilfsmittel noch durch eigene Produktionen ersetzen?
Ein guter DJ muss für mich vor allem zuhören und lesen können – der Musik zuhören und das Publikum lesen. Technik ist wichtig, aber sie ersetzt kein Gespür für Timing, Dramaturgie und Atmosphäre. Ein DJ sollte wissen, wann er Energie aufbaut, wann er Raum lässt und wann ein unerwarteter Track funktioniert. Diese Fähigkeit entsteht durch Erfahrung und durch das Spielen vor Menschen. Das kann kein Algorithmus und kein technisches Hilfsmittel vollständig ersetzen.
Du hast selbst ein Thema angesprochen, das viele DJs deiner Generation beschäftigt: Heute reicht es häufig nicht mehr aus, einfach ein guter DJ zu sein. Man soll gleichzeitig produzieren, Social Media beherrschen, Videos schneiden, Content erstellen und sich selbst vermarkten. Hat sich der Beruf des DJs dadurch grundlegend verändert, und bleibt bei all diesen Anforderungen überhaupt noch genügend Raum für die eigentliche Musik?
Ja, der Beruf hat sich deutlich verändert. Das Informations- und Konsumverhalten der jetzigen Generationen hat sich enorm verändert und dadurch muss man heute als DJ selbst eine Full-Service-Agentur sein oder eine an der Hand haben. Das eröffnet viele Möglichkeiten, erzeugt aber auch einen enormen Druck. Ich glaube, die Herausforderung ist, sich nicht von diesen Nebenaufgaben auffressen zu lassen. Am Ende sollte die Musik der Mittelpunkt bleiben. Alles andere sollte sie unterstützen und nicht ersetzen, aber das ist fast unmöglich geworden. Der Fokus hat sich aus meiner Sicht in die falsche Richtung verschoben.
Eigene Produktionen sind für viele DJs inzwischen nahezu eine Voraussetzung, um international wahrgenommen und gebucht zu werden. Dabei sind Produzieren und Auflegen zwei unterschiedliche Disziplinen. Besteht die Gefahr, dass musikalische Qualität hinter Reichweite und Vermarktbarkeit zurücktritt und hervorragende DJs ohne eigene Releases zunehmend übersehen werden?
Diese Gefahr sehe ich durchaus. Produzieren und Auflegen sind unterschiedliche Fähigkeiten, und ein hervorragender DJ wird nicht automatisch ein guter Producer – und umgekehrt. Gleichzeitig sind eigene Releases heute ein wichtiger Teil der Sichtbarkeit. Entscheidend ist für mich, dass Reichweite nicht mit musikalischer Qualität verwechselt wird. Ein DJ sollte auch ohne große eigene Diskografie für seine Auswahl, sein Timing und seine Fähigkeit, einen Raum zu bewegen, Anerkennung bekommen.
Gleichzeitig nutzt du mit OSCA DASOL selbst viele der Möglichkeiten, die das heutige Musikgeschäft bietet. Du veröffentlichst eigene Produktionen, baust eine Artist-Identität auf und hast mit DASOL MUSIC sogar ein eigenes Label gegründet. Wie gehst du persönlich mit diesem Spannungsfeld zwischen deiner musikalischen Herkunft und den Anforderungen des modernen Musikmarktes um?
Ich sehe darin keinen Widerspruch, sondern eine neue Realität. Mit OSCA DASOL nutze ich die Möglichkeiten des heutigen Marktes bewusst, ohne meine Herkunft als DJ zu vergessen. Ich möchte meine Musik selbst veröffentlichen, eine klare Artist-Identität entwickeln und mit DASOL MUSIC eine eigene Plattform schaffen. Gleichzeitig bleibt für mich das Entscheidende unverändert: Musik muss zuerst funktionieren – nicht im Algorithmus, sondern bei Menschen.

Mit DASOL MUSIC hast du Ende Juli 2026 eine eigene Plattform für deine Musik geschaffen. Welche Idee steckt hinter dem Label, und soll es langfristig ausschließlich deinen eigenen Veröffentlichungen dienen oder auch anderen Künstlern eine Heimat bieten?
DASOL MUSIC ist für mich zunächst eine unabhängige Plattform, über die ich meine eigene musikalische Vision aufbauen kann. Ende Juli 2026 war deshalb ein wichtiger Schritt. Langfristig kann ich mir sehr gut vorstellen, das Label auch für andere Künstler zu öffnen, wenn ihre Musik zu meiner Idee passt. Mir geht es nicht darum, möglichst viele Releases zu veröffentlichen, sondern eine klare musikalische Identität und einen Raum für besondere Musik zu schaffen.
Die elektronische Musikszene hat sich über die vergangenen Jahrzehnte nicht nur musikalisch, sondern auch gesellschaftlich verändert. Wie nimmst du das heutige Clubpublikum im Vergleich zu früher wahr, und hat sich dadurch auch dein eigener Ansatz beim Auflegen verändert?
Früher gab es keine Handys und die Menschen sind bewusst zum Tanzen gegangen. Grundsätzlich glaube ich aber, dass Menschen im Club immer noch dasselbe suchen: einen Moment, in dem Musik und Energie stimmen und man für ein paar Stunden aus dem Alltag herauskommt. Dennoch ist das Publikum heute sehr unterschiedlich und wahrscheinlich auch heterogener als früher. Ich selbst reagiere heute vielleicht noch stärker auf den Raum und die Menschen als früher. Erfahrung bedeutet für mich nicht, einen festen Ablauf zu haben, sondern besser zu erkennen, was gerade gebraucht wird.
Du hast bereits mehrere Jahrzehnte elektronischer Musikkultur erlebt und stehst mit OSCA DASOL gleichzeitig am Anfang eines neuen Kapitels. Welche persönlichen und musikalischen Ziele möchtest du in den kommenden Jahren noch verwirklichen, und was würdest du jüngeren DJs mit auf den Weg geben, die heute versuchen, sich in der Szene zu etablieren?
Ich möchte mit OSCA DASOL Musik veröffentlichen, die Bestand hat, und gleichzeitig als DJ weiterhin neugierig bleiben. Mit DASOL MUSIC möchte ich eine Plattform entwickeln, die langfristig über mein eigenes Projekt hinausgehen kann. Jüngeren DJs würde ich sagen: Lernt euer Handwerk, hört viel Musik und entwickelt euren eigenen Geschmack. Versucht nicht, einem Trend hinterherzulaufen. Eine eigene Identität entsteht nicht über Nacht, sondern durch viele Jahre Erfahrung und Übung. Traut euch vielleicht etwas, was viele andere nicht machen.
Aus dem FAZEmag 176/10.26
Text: Triple P
Fotos: TimeCodePic
www.instagram.com/dasolmusic