Oura Records – mit Haltung durch den Underground

Mit einem kompromisslosen Sound, kuratierten Clubnächten und wachsendem internationalen Renommee gelingt es dem Label, gleichzeitig lokal verwurzelt und global relevant zu sein: Oura Records gehört somit zu den spannendsten Plattformen der Berliner Technoszene. Hinter dem Projekt stehen zwei Künstler, deren eigene Karrieren eng mit dem Label verknüpft sind: Mython und Jonas Xenon. Im Gespräch geben sie Einblick in ihr Selbstverständnis als Künstler und Labelmacher – und in den kompromisslosen Anspruch, den sie an Musik, Ästhetik und Szene stellen.

„Die Labels spiegeln direkt unsere gefilterten Einflüsse wider“, sagen sie über den kreativen Kern von Oura. Auf Tour, besonders in Asien und Nordamerika, entdeckten sie nicht nur neue Musik, sondern auch neue Perspektiven auf Clubkultur. „Die Eindrücke und Erfahrungen, die wir auf einer Tour sammeln, fließen dementsprechend dann auch in den Kurationsprozess mit ein.“ Oura sei nicht nur ein Label, sondern Ausdruck eines „sehr subjektiven Geschmacks, unserer Sicht auf Techno und Musik im Allgemeinen.” Das hört man: Der Sound ist roh, hypnotisch, fordernd – aber immer präzise produziert. Dabei geht es nie um kurzfristige Aufmerksamkeit, sondern um langfristige Integrität. „Wir glauben fest an alles, was auf unserem Label veröffentlicht wird“, sagen die beiden. „Das hilft uns, unseren Kurs zu halten und uns nicht von den Stürmen um uns herum ablenken zu lassen.“

Auch die Labelnächte folgen einem klaren Prinzip: Qualität vor Namen. „Wichtig ist vor allem, dass die Musik mit unseren Werten übereinstimmt“, erklären sie. Booking-Entscheidungen seien nie rein strategisch, sondern immer künstlerisch motiviert. Gleichzeitig betonen sie den sozialen Aspekt. „Es ist entscheidend, dass die Nacht für Publikum und Künstler gleichermaßen eine gute Erfahrung ist. Das funktioniert am besten, wenn einige Künstler sich bereits persönlich kennen. Das hilft auch, den musikalischen Ablauf der Nacht nahtlos zu gestalten.“ Besonders stark ist die Verbindung zum Tresor. Beide Artists haben dort regelmäßig gespielt – allein oder B2B. Die Beziehung reicht weit zurück: „Wir haben immer zum Tresor aufgeschaut und zum Narrativ, das damit verbunden ist.“ Über die Jahre sei der Club zu einer Art „zweitem Wohnzimmer“ geworden. „Es ist eine der Venues, bei denen wir wirklich das Gefühl haben, dass unser Sound optimal passt.“ Besonders B2B-Closings im Tresor seien ein Moment maximaler künstlerischer Freiheit: „Da können wir richtig eintauchen und Musik spielen, die wir sonst nicht zeigen könnten.“

Dass Oura eng mit Berlin verwachsen ist, liegt auch an der persönlichen Geschichte der Labelmacher. „Berlin ist für uns mehr als nur ein Arbeitsort. Es ist unsere Wahlheimat“, sagen sie. „Wir sind aus den Zwängen unserer kleinen Heimatstädte entflohen und haben anfangs in den kleinsten Locations unsere Erfahrungen gesammelt.“ Heute leben viele Freunde gleich um die Ecke, die Clubs sind zu einem sozialen wie kreativen Lebensmittelpunkt geworden. „Wir werden niemals wegziehen“, stellen sie klar.

Trotzdem ist Oura längst kein rein lokales Projekt mehr. Davon zeugen nicht nur Tourneen in Asien oder Auftritte in New York, sondern auch die Entscheidung, 2025 erstmals Vinyl zu veröffentlichen. „Wir wollten immer schon auf Vinyl veröffentlichen, aber in der heutigen Musikbranche gibt es viele Hürden“, erklären sie. Erst musste das Label wachsen, finanziell wie inhaltlich. „Als die Zeit reif war, hatten wir uns auch als Künstler weiterentwickelt.“ Die erste Pressung sei ein Wendepunkt – „eine neue Phase für das Label und unsere Karriere insgesamt.“ Auch symbolisch hat das Gewicht: „Man hält am Ende etwas in der Hand. Das ist das Sahnehäubchen.“

Die Ästhetik der Platten spiegele ihre künstlerische Haltung wider. „Kürzlich haben wir unsere Artwork-Designs minimalisiert und konzentrieren uns jetzt auf organische Texturen.“ Die Motive entstehen aus Fotos, die sie selbst machen – Natur, Muster, Strukturen – und werden mit Hilfe von Designer Paolo Tortone in grafische Arbeiten übersetzt. „Der beste Weg, aus einer bestimmten Menge herauszustechen, ist, man selbst zu sein.“ Wirklich zentral bleibt aber der musikalische Inhalt – und der Anspruch, mit jeder Veröffentlichung ein klares Zeichen zu setzen. Für viele bekannte Artists sind Oura-Releases längst fester Bestandteil im Set. „Meist kommt die Connection organisch zustande“, erzählen sie. „Die Artists entdecken unsere Musik und spielen sie live, in einem Podcast oder markieren uns in einer Story.“ Plattformen wie Aslice hätten diesen Austausch zuletzt noch gefördert – auch wenn das Projekt mittlerweile pausiert. „Wir nutzen den Erstkontakt, um eine Beziehung aufzubauen. Die Idee ist: Wenn ihnen ein Track gefällt, gefällt ihnen vielleicht auch ein anderer.“

Trotz wachsendem Erfolg bleibt das Label ein DIY-Projekt. „Obwohl es sich nicht wirklich wie Arbeit anfühlt, arbeiten wir ohne freie Tage“, son das Duo. „Der Tag ist meist in eine administrative und eine kreative Phase eingeteilt.“ Erst kürzlich mieteten sie über ihrem Studio einen Büroraum, um Struktur in den Alltag zu bringen. Unterstützt werden sie von einem kleinen, eingeschworenen Team. „Wir teilen die Arbeit unter uns auf und haben Freunde im Hintergrund, die uns sehr helfen.“ Und der Blick geht weiter nach vorn. Während viele Labels auf Trends aufspringen, strebt Oura nach Beständigkeit. „Wir streben danach, eine verlässliche Konstante zu sein, die vor allem qualitativ hochwertige Musik und Label-Nächte bietet“, so Mython und Jonas Xenon. Das Ziel sei nicht, schnell zu wachsen, sondern nachhaltig. „Zukünftig möchten wir eine Basis für aufstrebende Künstler schaffen – die unsere Werten teilen – sowie ein Zufluchtsort für etablierte Artists sein, die sich frei ausdrücken wollen, ohne finanzielles Risiko oder medialen Druck.“

Was bleibt, ist ein Label, das sich nicht anbiedert, sondern Haltung zeigt – ästhetisch, musikalisch, menschlich. Und das ist im aktuellen Techno-Zeitgeist vielleicht das politischste Statement überhaupt.

Text: Lisa Bonn
Credit: Aleksandr Babarik
www.instagram.com/oura_records
Aus dem FAZEmag 161/07.2025