Sicherlich, Charaktere im Musikbusiness könnten verschiedener nicht sein. Gerade in der elektronischen Szene gibt es Typen, die vor Exzentrik nur so strotzen. Dann gibt es kommerziellere Akteure, die sich für ihren Erfolg – wenn erforderlich – eine eher niedrigere Schamgrenze zulegen. Neben den im Underground beheimateten Hauptstadt-Hipstern wären die schlichten Mitschwimmer und die seit Jahren solide abliefernden DJs und Produzenten nicht zu vergessen. Die Eigenschaften von Aksel Schaufler alias Superpitcher und Mauricio Rebolledo sind gepaart – kurzum – neu und alles andere als simpel zu definieren. Sie füllen eine Lücke, eine Art gebrauchter Wahnsinn und Kunst, von denen man vorher allerdings auch nicht gedacht hat, dass man sie braucht. Jetzt, wo Hymnen wie „Time“ oder „Legs“ einen glänzenden Platz am Dance-Orbit einnehmen, dankt man ihnen dafür. Willkommen in der Welt der Pachanga Boys.

Objektiv und vor allem nüchtern betrachtet besteht diese Combo aus zwei jungen Männern, die es auf beeindruckende Art schaffen, ihre Kunst nach außen zu tragen. Auch bei ihnen geht es um Liebe, Freude und das Leben an sich. Jedoch gestalten sie sich dabei ihren eigenen Ring, in der Gefühle groß geschrieben werden. Als Plattform dafür dient ihr eigens kreiertes Label Hippie Dance. Auf diesem veröffentlichten sie 2011 ihre erste, auf 300 Stück limitierte 3-Track-EP. Kennengelernt hat sich das Duo im Winter 2006/2007 in der mexikanischen Karibik. „Es war, als ob man seinen eigenen Bruder kennenlernt, den man vorher nie getroffen hat. Die Chemie hat von Anfang an gestimmt. Wir philosophierten sofort über futuristische Strandlooks und den Sinn des Lebens. Nach einer Weile, als die Freundschaft in vollem Gange war und wie ein gefährliches, exotisches Gewächs immer größer wurde, passierte es. Wir fingen an, gemeinsam Musik zu machen. Und dies, obwohl es erst gar nicht geplant war. Wie sagen so viele Künstler dazu? Natürlicher Prozess? Dann war es das wohl auch bei uns. Um genau zu sein, war dies an einem Tag, an dem wir im Studio Vocals für einen Superpitcher-Track aufnahmen, als ich mich während einer Pause einfach ans Mikro stellte und ‘Mis amigos … vamos a la fiesta’ sang. Ähnlich wie ein Unfall war wenige Stunden später ‘Fiesta Forever’ produziert und die Pachanga Boys waren geboren, erzählt der gebürtige Mexikaner Mauricio, der mit seinem neugewonnenen Kumpanen 2011 einen auf 36 Paar limitiertes Schuh designte. Im wahren Hippi Dance Style versteht sich.

Sie ahnten früh, dass die Chemie zwischen ihnen nicht der Norm entspricht. So wurde nach Releases auf verschiedenen „Kompakt Total“-Compilations der Siegeszug angetreten. Besser gesagt der „Roadtrip from Cologne to Cheesetown, Boottown, Coffeetown and back again.“ Die Berlin Music Week nennt es zum Teil „Edeltrance“ – viele andere verbringen ihre Zeit schlichtweg mit dem Abfeiern, statt nach der verzwickten Suche für korrekte Bezeichnungen. Grotesk betrachtet und über Johnny Depps „Fear And Loathing In Las Vegas“ schmunzelnd, trifft psychedelische Western-Disco dieses Ganze schon ganz gut. Warum die Domstadt für sie eine wichtige Rolle spielt, liegt auf der Hand. Lebte Superpitcher, der gemeinsam mit Kompakt-Head Michael Mayer auch gerne den Namen SuperMayer trägt, hier einige Jahre und prägte nicht nur sein Musikbild, sondern das der Stadt gleich mit. Auf den dort ansässigen und für die elektronische Welt so prägenden Tanzfluren begann respektable Solokarriere. 2004 erschien mit „Here Comes Love“ sein Debütalbum, bei denen es gute Kritiken hagelte. Ganze sechs Jahre später multiplizierten sich diese jedoch, als mit „Kilimanjaro“ das FollowUp folgte. In diesem Zeitraum verschaffte sich Rebolledo auf Cómeme mit eigenem Output Gehör. „Viele Freunde von uns wohnen in Köln. Diese Stadt ist nicht nur aufgrund ihrer Szene toll. Nein, sie ist sehr herzlich – wie wir. Es herrscht ein wahrer Spirit und eine Menge Seele. Wir fühlen uns zu Hause, sobald wir den Dom sehen.“ So sehr, dass sie in diesem Jahr hier eines ihrer unvergesslichsten Wochenenden lebten und feierten. Am berühmt-berüchtigten c/o pop-Wochenende begann ihre Reise zunächst mit einem Silent-Konzert im Millowitsch-Theater, bei dem sie alle mit Kopfhörer ausgestatteten Anwesenden in ihren Hippie Dance zogen. Anschließend wurde das Ganze auf das Gewölbe ausgeweitet, wo das Release ihres Tracks „Legs“ zelebriert wurde. Der Abschluss fand jedoch erst am Sonntag im Sixpack statt – eine der legendärsten Bars in Köln-Mitte. Gefühlte 48 Stunden Feierei in der langen Nacht von Samstag auf Montag.

Und da sich wahre Hippie Dancer auch gerne im Understatement üben, betiteln sie ihr nun erscheinendes Debüt „We Are Really Sorry“. Vielmehr möchte man ihnen nach jedem ihrer Sets und nach jedem Track danken. Auch wird man ihnen danken müssen, dass sie ihr neuestes Werk mit einer DVD begleitend visualisieren. Was man dort sieht, ist weder gestellt noch einstudiert. Es ist das wahre Leben eines Tag-Teams, bestehend aus zwei echten Cowboys auf ihrer Reise. Von Gig zu Gig, von Land zu Land. Zusammengefügt zu einem Ganzen wurde dies durch kleine Snippets der berühmten Dessange-Zwillinge aus Saint Etienne. „Es hat so seine Zeit gebraucht, bis wir fertig waren. Das lag wohl daran, dass wir zunächst gar nicht wussten, dass wir gerade ein Album produzieren. Wann immer wir Zeit gefunden haben, saßen wir gemeinsam im Studio. Der Vorteil ohne Druck zu arbeiten lag definitiv darin, dass wir uns ohne uns zu viele Gedanken zu machen alle Freiheiten hatten, die wir brauchten. Nach ungefähr zwei Jahren fügte sich alles zusammen, und wir bemerkten, dass wir eine richtige Story produziert hatten. Mit den Snippets kam dazu auch noch großartige Arbeit aus Frankreich. Wir haben uns gefragt ‘Was würde Johnny Cash jetzt wohl tun?’, und genau das war wohl die richtige Antwort darauf.“ Und so sieht man einen Alltag, bestehend aus pulsierenden Großstadtnächten, gefolgt von einem Wochenende in den Bergen, lauten Märkten und dubiose Kantinen in den kulturell meist bedeutendsten Städten dieser Welt. Mächtige Flüsse werden mit deutschen Autos oder wahlweise klapprigen Drahteseln entspannt passiert. Gepaart mit einer breiten Range an Percussions, Vocals und zahlreichen Field-Recordings ergibt „We Are Really Sorry“ ein geniales Meisterwerk, das ständig und zu jeder Zeit von ihrem Ethos begleitet wird: „Freedom before anything and everything goes.“

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