Patrik Berg – Die Evolution eines Künstlers

Foto: Martin Webelhaus

Es gibt Momente im Leben eines Künstlers, in denen eine radikale Neuausrichtung nicht nur Risiken birgt, sondern vor allem Chancen eröffnet. Die vielleicht größte ist, die eigene Kreativität vollständig entfalten zu können. Nach Jahren intensiver Club- und Festivalpräsenz, Releases auf renommierten Technolabels und der Gründung seines eigenen Imprints Exzess zieht Patrik Berg für sich nun bewusst einen Schlussstrich unter das klassische DJ-Modell. Statt einzelner Slots, statt dem Funktionieren in einem bestehenden System entsteht ein audiovisuelles Gesamtkunstwerk, getragen von einem Konzeptalbum, das im September Premiere feiern soll – möglicherweise in seiner Heimatstadt Köln. Es geht um Unabhängigkeit, um Narration statt Track-Logik, um Sprache, Immersion und um die bewusste Entscheidung, vertraute Strukturen hinter sich zu lassen. Im großen Cover-Interview spricht Patrik Berg ausführlich über diesen Prozess – und darüber, warum er sich weniger wie der Weg ins Ungewisse, sondern mehr wie ein Ankommen anfühlt.

In unserem letzten Feature im Jahr 2023 hast du mit Exzess und „Punchline“ eine klare künstlerische Haltung formuliert. Wenn du heute darauf zurückblickst: War das schon der erste Schritt in Richtung dieses radikalen Neuanfangs?

Wenn ich zurückblicke, war es tatsächlich das Einläuten eines großen Umschwungs. Zu der Zeit befand ich mich in einer Phase, in der ich auf nahezu allen großen Technolabels, die für mich relevant waren, Musik veröffentlicht hatte. Diese Releases waren wichtige und prägende Etappen meines Weges, für die ich sehr dankbar bin. Gleichzeitig spürte ich, dass mich das Veröffentlichen innerhalb fremder Strukturen und das Bedienen bestehender Erwartungen künstlerisch begrenzten. Mein eigener Musikgeschmack reicht weit über eine genrespezifische Nische hinaus, und ich hatte begonnen, einen sehr eigenen Sound zu entwickeln. Die logische Konsequenz war daher, meiner Kunst sowie auch anderen Künstlern, die meiner Vision folgen möchten, ein Habitat zu bieten. So ist Exzess entstanden. Der Punch entspringt ursprünglich meiner energetischen Art, Musik zu performen und aufzulegen, sowie der physischen Intensität und Basslastigkeit meiner Produktionen. Man kann ihn aber auch als eine Verdichtung von Energie verstehen, wenn man es metaphorisch betrachtet: als den Moment, in dem die Grenzen des Dagewesenen aufbrechen.

Du verabschiedest dich bewusst vom klassischen DJ-Modell – keine typischen Club-Slots, keine gewohnten Strukturen. Wann hast du gemerkt, dass das reine Auflegen deinen künstlerischen Ausdruck nicht vollständig abbilden kann?

DJ zu sein und Musik zu kuratieren, macht mir nach wie vor große Freude. Nicht umsonst stehen vier CDJs in unserem Wohnzimmer und sind dort ein fester Bestandteil unseres Alltags. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass der herkömmliche DJ-Slot für das, was ich ausdrücken möchte, nicht ausreicht. Ich möchte einen Abend nicht nur mit Musik begleiten, sondern neue Bewusstseinszustände eröffnen, eine immersive Erfahrung schaffen und den Menschen mehr mitgeben als nur eine gute Zeit. Ich lade dazu ein, auf eine wirkliche Reise zu gehen. Es geht mir weniger darum, Erwartungen zu bedienen, sondern darum, Erfahrungen bewusst zu gestalten.

Bedeutet das auch, dass dich die klassische Erwartungshaltung im Club zunehmend eingeschränkt hat?

Mit einem DJ-Slot oder einzelnen Tracks lassen sich energetische Impulse setzen. Eine narrative Struktur hingegen stellt eine Tiefe und einen Zusammenhang her, die kaum in einzelnen Tracks oder in einem kurzen Set innerhalb eines Line-ups entstehen können. In Nächten, die ich alleine von Anfang bis Ende gestalten konnte, wurde für mich spürbar, welche Tiefe durch Zeit und Dramaturgie entstehen kann.

Du hast dich auch von Bookingagentur, Management und festen Konstrukten gelöst. Wie viel Mut – und wie viel Frust – stecken in dieser Entscheidung?

Dinge aus der eigenen Kreativität heraus zu erschaffen, gehört zu den schönsten Erfahrungen überhaupt. Gleichzeitig verlangt es die Bereitschaft, für das Eigene einzustehen. Äußere Strukturen wie ein Management oder Bookingagenturen verfolgen naturgemäß das Ziel, Projekte erfolgreich zu positionieren und wirtschaftlich tragfähig zu machen. Das ist nicht negativ, sondern Teil ihrer Aufgabe. Wenn man jedoch eine sehr klare künstlerische Vision verfolgt, können zu viele Stimmen von außen diese Ausrichtung verwässern. An diesem Punkt musste ich Verantwortung für mich selbst und für meine Kunst übernehmen und den Schritt aus vertrauten Strukturen heraus hin zu etwas Neuem und Unbekanntem wagen. Das ist aufregend und auch herausfordernd. Aber wenn man das Ziel klar vor Augen hat, entsteht daraus eine neue Form von Freiheit.

Statt einzelner Tracks oder DJ-Tools entsteht jetzt ein Konzeptalbum als geschlossenes Werk. Warum war es dir wichtig, in dieser Phase nicht nur Musik, sondern eine Narration zu erschaffen?

Ich war schon immer ein Fan großer Erzählungen, von weiten Spannungsbögen und detailreichen Dramaturgien. Wer mich kennt, weiß, dass mich genau das fasziniert. Auf musikalischer Ebene ist es für mich nicht anders. Ein Konzeptalbum zu realisieren, war deshalb ein Traum, den ich lange in mir getragen habe und an dem ich über einen langen Zeitraum gearbeitet habe. Schon bald wird es als geschlossenes Werk hörbar.

Foto: Martin Webelhaus

Dein neues Projekt ist als audiovisuelles Gesamtkunstwerk gedacht. Denkst du inzwischen in Szenen und Spannungsbögen statt in Drops und Übergängen?

Du triffst den Nagel auf den Kopf. Drops sind kleine Teile eines größeren Ganzen. Dieses Ganze erschafft ein eigenes Universum, das über eine schöne Melodie oder einen progressiven Sound hinausgeht und Räume schafft, die berühren und vielleicht neue Perspektiven eröffnen. Für mich fühlt es sich an, als würde ich mich von jemandem, der Momente aufbaut, hin zu einer Art Science-Fiction-Regisseur entwickeln, der eine neue Welt erschafft.

Genregrenzen scheinen für dich keine Rolle mehr zu spielen – Techno, House, Electro, Breakbeat, abstrakte Elektronik. Ist das eine bewusste Öffnung?

Ich verstehe Genres weniger als Grenzen, sondern eher als Orientierungspunkte. Ich würde mich weiterhin als Techno-Artist bezeichnen. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Musik, die ich produziere und performe, ausschließlich innerhalb dieses Genres stattfinden muss. Meine musikalische Identität lässt sich weniger über ein Genre definieren als über einen Vibe, über das, was mich umgibt und durch mich hindurch in Klang Form annimmt. Der Dancefloor bleibt für mich ein zentraler Bezugspunkt. Dieses archaische Moment des Tanzens und Loslassens ist zutiefst menschlich und befreiend. Auch wenn sich einzelne Stücke bewusst vom Tanz lösen, bleibt der Rhythmus der Puls meiner Musik.

Viele der Texte sind auf Deutsch und stammen aus deiner eigenen Feder. Was hat dich dazu bewegt, so persönlich und sprachlich direkt zu werden?

Mit diesem Konzeptalbum wollte ich etwas vermitteln, das allein durch Musik, gesampelte Vocals oder kurze Phrasen nicht möglich ist. An manchen Stellen brauchte es Worte. Deutsch ermöglicht dabei eine besondere Direktheit. Seine klare, kantige Klangstruktur passt zu dem digitalen Soundbild und verstärkt dessen Präzision und Härte. Sprache wurde so zu einer zusätzlichen Ebene der Komposition. Es wird jedoch auch einen englischsprachigen Track geben, der sich konzeptionell aus dem Gesamtwerk ergibt.

Wie hat sich dein Studio-Workflow konkret verändert – produzierst du heute anders als früher?

Interessanterweise arbeite ich heute schneller als früher. Der Unterschied liegt in der Klarheit: Ich entscheide direkter, vertraue meiner Intuition und verliere mich nicht mehr in endlosen Abwägungen. Ich arbeite schneller, aber mit größerer Präzision. Früher habe ich mehr darüber nachgedacht, Erwartungen zu erfüllen oder in bestimmte Kontexte zu passen. Heute mache ich kompromisslos das, was sich für mich richtig anfühlt. Dadurch entsteht nicht nur mehr Output, sondern vor allem eine präzisere und unverwechselbare Handschrift.

Wenn man alles zusammenfasst, wirkt es wie ein kompletter Reset. Fühlt es sich für dich wie ein Risiko an – oder eher wie die logische Konsequenz deiner Entwicklung?

Für mich fühlt es sich weniger wie ein Reset an, sondern eher so, als sei alles, was zuvor passiert ist, eine Vorbereitung und Zuspitzung auf genau diesen Punkt gewesen. Risiko mag dabei eine Rolle spielen, doch Sicherheit war nie das, was mich angetrieben hat. Entscheidend war immer das Bedürfnis, etwas erschaffen und erzählen zu können. Es ist daher weniger ein Sprung ins Ungewisse als ein Ankommen in einer aufregenden neuen Phase meines Lebens und meines künstlerischen Weges.

Die Premiere soll im September stattfinden, möglicherweise in Köln. Welche Bedeutung hätte es für dich, dieses neue Kapitel genau dort aufzuschlagen, wo alles begonnen hat?

Dass dieses neue Kapitel hier in Köln beginnt, ist eigentlich eine logische Konsequenz und zugleich von besonderer Symbolik. Es ist kein Zurückkehren, sondern ein Weitererzählen. Wenn ich daran denke und mir vorstelle, an diesem Tag dort zu stehen, muss ich schmunzeln. Ich freue mich einfach auf das, was kommt.

Du lässt Teile des Entstehungsprozesses auf deinem eigenen YouTube-Kanal begleiten. Warum ist es dir wichtig, die Reise transparent zu machen?

Ich habe mir bewusst diese Zeit genommen, um an dem bisher größten Projekt meines künstlerischen Schaffens zu arbeiten. Dabei bin ich von mir selbst ausgegangen: Mich interessiert nicht nur das fertige Werk, sondern auch der Weg zu diesem. Was würde sich dafür besser eignen, als diesen Prozess in Form einer YouTube-Serie zu begleiten? Eine solche Erzählung mit all ihren Feinheiten und ihrer Dramaturgie entsteht über einen langen Zeitraum. Meine Idee ist es, den Zuschauer zum Zeugen werden zu lassen und nicht nur zum Konsumenten. Verletzlichkeit und Transparenz schaffen Verbindung. Gerade in einer Zeit, in der oft nur Hochglanzbilder sichtbar werden, zeigt man zwar viel, doch es bleibt eine Distanz. Ich versuche, das Gegenteil zu ermöglichen und Menschen am Entstehungsprozess teilhaben zu lassen. Ich denke, wenn man den Kreationsprozess kennt, hört man das Werk anders.

Ohne zu viel zu verraten: Was wird das Publikum im September erleben, das es von einem Patrik-Berg-Auftritt in dieser Form noch nicht kannte?

Anstelle einer klassischen Performance steht hier die Immersion im Mittelpunkt. Es geht weniger um einzelne Momente als um einen Zustand, in den man eintaucht. Ich wünsche mir, dass daraus ein Moment kollektiver Präsenz entsteht, ein Ort, an dem man sich wieder als Teil eines Ganzen erleben kann. Und vielleicht verlässt man den Raum anders, als man ihn betreten hat.

Aus dem FAZEmag 169/03.2026
Text: Triple P
Foto: Martin Webelhaus
www.instagram.com/patrikbergdj