Brcic statt Brtschitsch. Paul holt sich seinen ursprünglichen Namen zurück und feiert das sozusagen mit einem neuen Album – „Beijing Rock“, Nummer Sieben seit dem 2000er Debüt „Surftronic“. Zwei Themen, zu denen wir Paul ein paar Fragen gestellt haben …


Bisher kannte man Dich unter dem Namen „Brtschitsch“. Geht mit der Namensänderung zu Paul Brcic auch ein Wandel bezüglich Deines Sounds einher?
Es geht hierbei nicht um eine Neudefinition der „Soundmarke“ Brtschitsch, auch wenn klar ist, dass dieses Album unter neuem Namen wie kein anderes ist. Brcic ist die Schreibweise meines Namens, bevor er einer merkwürdigen Eindeutschungsinterpretation zum Opfer fiel. Ich hatte einfach keine Lust mehr auf diesen fast wahllos anmutenden Konsonantenhaufen, den ich jederzeit buchstabieren muss, den nur wenige verstehen, geschweige sich auf dem weg vom Club an den Rechner im Kopf behalten können. Ich möchte auch kein Flieger mehr verpassen, nur weil ich mich trotz vermehrter Ausrufe in falscher Aussprache einfach nicht angesprochen fühle. Hätten sie sich in Ihrem Übersetzungseifer mehr an der Deutungsübersetzung und nicht an der phonetische Variante orientiert, dann wäre aus Brcic wenigstens „Bärtchen“ geworden… gestatten Paul Bärtchen! Obwohl, ich bin mir gerade unsicher, ob sich das auf einem Flyer gut liest?! Jetzt also die original kroatische Variante. Auch diese scheint leicht komplex, aber wenigstens ist sie kurz dabei. Für mich wirkt die Schreibweise obwohl so gesehen eigentlich alt ist, fast Modern: Vielleicht ist das eine Parallele zum vorliegenden Album.

Auf deiner gleichnamigen Vorabsingle gehst du musikalisch einerseits teils neue Wege und andererseits bleibst du aber gewohnt organisch und angenehm warm. Wie wichtig ist dir der teils analog klingende Sound?
Es gibt ja immer mehrere Ansätze der Soundgestaltung. Einer ist: Man passt sich dem Sound gängiger Sachen bestmöglich an. Oder: Man baut seine eigene Soundwelt auf, was ich gerade in Bezug auf Albumproduktionen als sehr spannend empfinde. „Beijing Rock“ sollte für mich so ein bisschen wie von einem anderen Medium klingen. Eigentlich ist es auch so entstanden, „Not“ und „Tugend“ sind wirklich Komponenten, die dabei eine Rolle spielen. Ich habe mit einem leider schlecht klingenden Programm aus Versehen angefangen dieses Album vor zwei Jahren zu produzieren. Das war in Buenos Aires. Das Wetter war fantastisch, die Boxen waren schlecht und der Audio Engine dieses populären Programms anscheinend auch. Ich konnte zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht erahnen, welche Überraschung mich erwartete, als ich zurück vor gewohnter Lautsprecher Situation vor den Scherben meiner bereits verrichteten Arbeit stand. Es war so weit weg von dem, was ich für tolerabel, soundästhetisch und einsetzbar hielt, dass ich mir etwas einfallen lassen musste. Ich wollte all die Ideen und die ganzen Samples jedenfalls nicht verwerfen. Eigentlich dachte ich zu diesem Zeitpunkt, ich wäre bereits fertig mit dem Album. Der größte Teil der Reise zu „Beijing Rock“ lag also noch vor mir. So begann ich einerseits gefallen an den zerfransten drucklosen Soundebenen zu finden, anderseits habe ich bestimmte Elemente daraus immer wieder durch bestimmte Verkettungen durchlaufen lassen, um das Material doch noch irgendwie druckvoll zu bekommen. Mir war es dabei gar nicht wichtig besonders Analog oder Digital zu klingen, sondern eher dass ich in meiner eigenen Soundwelt ein gewisses Soundimage herausarbeite, welches innerhalb eines Albums durchgängig erscheint. Und dass ich etwas Unnachvollziehbares mache, was ich an Stellen wie diesen erzählen kann. Manche werden vielleicht sagen: wie komisch klingt das denn? Für mich ist der Gesamtsound eines Albums ein wichtiges Stilmittel, damit sich Produktionen auch von anderen abheben. Dynamik hierbei zu schaffen oberstes Credo. „Alles Fett“ ist in meinen Ohren genauso langweilig, wie alles Lo-Fi. Manche Titel klingen bewusst „leiser“ bzw. schwächer, damit sie der Funktion dienen andere nachfolgende Titel „größer“ erscheinen zu lassen. Bei reiner Clubmusik empfinde ich den Schwerpunkt auf eher funktional wirksame Klangmerkmale zu legen hingegen oft als sinnvoll. „Beijing Rock“ entzieht sich dem vielleicht teilweise, nimmt sich dafür die Freiheit seine eigene „Soundtrashtetik“ in Anspruch zu nehmen.

Zum Teil kommen ja auch 40er Jahre Samples zum Tragen und verleihen der Single einen außergewöhnlichen Klang. Woher kam die Idee dazu?
„…once a note has been played or word´s been spoken it continues to exists“, das ist ein Zitatfragment aus dem Introtitel meines ersten Albums „Surftronic“. Was dahinter steht finde ich einen ganz schönen Ansatz: Ich wollte bereits Gespieltes bzw. Entstandenes einfangen, um es ein zweites Mal ins „Sounduniversum“ zu schicken. Es ist neben dem Zeitloop-Gedanken bei der Verwendung alter Samples immer auch eine klanglich spezifische Dekade, die für Tiefenstaffelung sorgt, wenn man diese für einen „Neuzeittrack“ wieder einfängt. Wie groß war der „Flash“ als Jim Morrison´s Stimme verraucht und verrucht über einen damals supermodernen Acid Track von Emanuel Top zum ersten Mal erklang! Ich empfinde es als großartig, Sounddekaden zu vermischen. Rückblickend sind daher auf vielen meiner Alben Kofferradio- und Nostalgie-Samples in der Musik versteckt, so auch bei „Beijing Rock“.

Bevor du Produktionen veröffentlichst, spielst du diese zumindest in Skizzen auch schon live um die Reaktionen zu testen. In wie fern beeinflusst dich daher dein Live-Engagement in Bezug auf die Produktion im Studio?
Immens, denn so geht das mit einer Albumproduktion bei mir meistens los. Livestücke entstehen, Livestücke werden inspirativ-intuitiv im Club gespielt, Livestücke verändern sich dynamisch innerhalb mehrerer Gigs. Ich bekomme dadurch eine gedankliche Brücke vom Studio in den Club und in die Funktionalität einzelner Elemente, aber auch zu Titeln im Ganzen. Beim jetzigen Album sind viele Grundebenen aus dem Club übernommen, vieles darüber sollte hingegen gar nicht den Anspruch erfüllen dort wiederum ausschliesslich zu funktionieren. „Beijing Rock“ verbindet daher Club-gewohntes durchaus mit Einflüssen, die mich von außerhalb inspiriert haben. Für mich klingt es dadurch irgendwie Modern aber auch Retro zugleich. Jeder Titel hat dadurch, dass er bereits in irgend einer Weise Live stattgefunden hat, bereits seine Reaktionen erfahren, die wieder mit in die Albumproduktion mit einfließen konnte … Ich schätze diese Verbindung von Live zur Studioarbeit daher sehr!

Du bist sowohl durch die Welt gereist, hast auf Festivals gespielt und in angesagten genau wie in Undergroundlastigen Clubs aufgelegt und gespielt. Gibt es einen Ort der Dich am Meisten fasziniert hat?
Nun gut, den sowjetischen Atombunker, die Gläser voller schwarzen Wodkas samt seiner feierwütigen Meute am Rande des Urals, habe ich schon oft als Beispiel für einen faszinierenden Ort angeführt, an dem ich mal stattfinden durfte. Nehmen wir dieses Mal, da es auch in kürzerer Vergangenheit liegt, also lieber die Fusion. Die hat mich dieses Jahr als Gesamterlebnis wieder einmal sehr fasziniert. Besonders weil man das Gefühl hatte, dass ein gesellschaftlicher Lebensentwurf, fernab der rein auf Konkurrenz basierenden Profit motivierten Prinzipien, durchaus mehr als eine Idee sein kann. Ich meine so viele positiv motivierte Leute, mit eigenen Ideen und organisatorischen Talenten, Künstler, die in der heutigen Gesellschaft wahrscheinlich eher als „Freaks “ abgestempelt werden, sind für mich schon die Aussicht darauf diesen Planeten doch noch irgendwie retten zu können … dieses Festival verleiht einem den Eindruck gerade auf einer anderen Umlaufbahn zu sein, oder eben Teil eines andern Lebensentwurfs. Und es hat dabei riesigen Erfolg! Somit ist es mehr als ein Festival, das fasziniert mich! Mein favorisierter Ort 2012.

Du pendelst nicht nur auf Grund deiner Live- und DJ-Gigs zwischen zwei für die elektronische Szene bedeutende Städte hin und her: Berlin und Frankfurt. Wie sehr beeinflussen dich die beiden Metropolen in deinem kreativen Schaffen?
Ja genau, eine weitere Produktion, die dieses Jahr erschienen ist: Mein frisch „veröffentlichter“ Sohnemann samt seiner bezaubernden Mutter lässt mich gerade viel unterwegs sein, zwischen meiner alten und jetzigen Heimat Berlin und meiner ehemaligen Kindheits- und Technosozialisierungs-Heimat Frankfurt. Frankfurt hat mich wahrscheinlich bis an den Rand meines Musikerlebens geprägt, da besteht kein Zweifel. Danke noch mal an dieses Wahnsinns Ding in der Junghofstrasse … Berlin ist aktuell meine Wirkungsstätte, gerade auch durch die monatliche Residenz im Tresor mit unserem Puresque Projekt. Beide Städte haben so wenig mit einander gemein und ich betitele den Clash, der sich durch meine Reise an beide Orten mir immer wieder offensichtlich ergibt mittlerweile mit “ from Kreuzberg to Kronberg“, Frankfurt lasse ich hierbei mal außen vor. Das streife ich momentan nur bei der Anreise zum Endziel am Taunus. Es ist jedenfalls ein Clash, der durchaus auch inspirierend wirkt, gerade wegen dem fast anmutenden Parallelwelt Aspekt. Auch in Kronberg gibt es z.B. einen Viktoriapark. Dessen Luft, die ihn füllt, verleiht einem einen rosa Teint, in Kreuzberg ist die Luft hingegen bei Dauerkonsum eher dafür bekannt, die Gesichtsfarbe in die einer populäre Innenraumfarbe zu färben. In Kreuzberg wird mit Hundeexkrementen ganz anders hantiert als in Kronberg. In Kreuzberg werden sie oftmals edel mittig auf dem Bordstein platziert liegen gelassen, in Kronberg werden sie akribisch in Plastiktüten gesammelt, überall stehen diese Boxen mit Freitüten für jedermann. Die Durchschnitts-Familie in Kronberg besitzt drei Autos, davon sind mindestens zwei aus Stuttgart, in Kreuzberg gibt es eine große Menge an Menschen, die auf einen gebrauchten BVG Fahrschein angewiesen sind. Es zeigt ziemlich eindeutig, was diese Umverteilung von Geld in diesem Land so mit sich bringt. Das ist mal bedrückend, mal absurd, oft wütend machend, mal auch tragisch selten komisch bis hoffnungsvoll. Alles im allem aber emotionshervorrufend und somit wahrscheinlich genau das, was für Küntstler inspirierend ist… eben die Luft die ich atmen muss, damit am Ende ein Album wie Beijung Rock entsteht.

„Beijing Rock“ erscheint am 7. September auf seinem Label Rootknox.
www.rootknox.com 

Fotos: Marie Staggat