Den 27. Februar 2016 wird Paul van Dyk nie vergessen. Und trotzdem hat er ihn weitestgehend vergessen. Es war der Tag, als der Trance-Pionier bei „A State of Trance” im niederländischen Utrecht von der Bühne sechs Meter in die Tiefe stürzte. Während seines Sets. Die Folge: Verlust des Bewusstseins, Koma, Aufwachen, Regeneration. In dieser Reihenfolge. Was hier nach „easy going” klingt, war in Realität ein anstrengendes Unterfangen mit viel Selbstdisziplin, enormer Willenskraft und dem unermüdlichen Einsatz, wieder ins Leben zurückzufinden. Über diese Zeit hat Paul van Dyk – zusammen mit seiner Frau – ein Buch geschrieben. Wie es für Paul war, neu sprechen und gehen zu lernen, was ihm die meiste Kraft gegeben hat während des Genesungsprozesses – der immer noch andauert –, und wie er sein „Leben 2.0” genießt, hat er mir in einem Interview verraten.


 

So bitterböse es auch klingen mag: Nach so einem schweren Unfall weiß man das Leben viel mehr zu schätzen als vorher. Und jeder Tag mit den Liebsten ist ein Geschenk. Stimmst du mir da zu?

Ich wusste das Leben auch vorher zu schätzen. Es ist eher so, dass sich Wichtigkeiten verschieben. Spazierengehen hat zum Beispiel eine ganz andere Bedeutung, wenn einem die Prognose gestellt wurde, nie wieder Laufen zu können. Und ein Geschenk ist das Leben in jedem Fall.

 

Du schreibst in deinem Buch sinngemäß: „Die erste Erinnerung nach dem Erwachen aus dem Koma war kein Bild, das ich sah. Sondern es war Wärme, die ich spürte”. Welche Art von Wärme und wer strahlte sie aus?

Die genaue Zuordnung, welche Art von Wärme es war, ist schwierig, da ich ja im Koma lag. Aber es war ganz klar der Moment, als meine Frau im Krankenhaus ankam. Irgendetwas in mir wusste, ich bin nicht mehr allein, diese Person gehört zu mir.

 

Als du das allererste Mal deine Krankenakte gelesen hast, dachtest du ganz spontan „Das war ziemlich knapp”. Wie lange hat es gedauert, bis du realisiert hast, welch unfassbares Glück du hattest?

Es ist schwierig, das Geschehene als Glück zu beschreiben. Es war zunächst schon so, dass ich sauer und wütend war. In vielen Gesprächen hat sich dann meine Sicht der Dinge geändert, und all die Umstände, die sich positiv zusammengefügt haben, traten in den Vordergrund. Ich habe mich schon gefragt, warum mir das passiert ist …

Warum das passiert ist, ist relativ klar und auch rechtlich zugeordnet. Gierige Veranstalter haben an der Sicherheit des Events gespart, und das ist mir zum Verhängnis geworden. Aber ich bin unendlich dankbar für alles danach. Für die Anteilnahme, den Einsatz aller in den Krankenhäusern, für die Unterstützung meines Teams, meiner Familie – und natürlich maßgeblich für all das, was meine Frau geleistet hat. Der Prozess, das alles in seiner Gesamtheit zu verarbeiten und zu realisieren, dauert nach wie vor an.

 

Das Buch wurde aus zwei Perspektiven verfasst: Einmal berichtet deine Frau – und einmal du. Der Grund liegt auf der Hand: Du kannst dich bis heute an vieles nicht erinnern. Bei welchem Moment hattest du einen „Filmriss” und wann warst du wieder „zurück”?

Meine Erinnerung hört eigentlich bei der Ankunft in Utrecht in der Venue auf. Die nächste komplexere Erinnerung war erst Wochen später. Von der Zeit dazwischen sind nur Fragmente abrufbar. Aber ich denke, das macht unser Gehirn aus gutem Grund.

Der Veranstalter der „A State of Trance”-Party hat sich bis heute nicht bei dir gemeldet. Wie enttäuscht warst, beziehungsweise bist du – falls „enttäuscht” überhaupt das treffende Wort dafür ist? Und: Hattest du seit dem Unfall Kontakt mit Armin?

Es ist schon eine Mischung aus Enttäuschung und Fassungslosigkeit. Ich kannte die Verantwortlichen ja auch seit Jahren. Aber man lernt nie aus, auch nicht im Negativen. Kontakt zwischen mir und Armin gab es nicht.

Du sprichst in deinem Buch auch von der sogenannten Glasgow-Skala. Was ist das?

Das ist eine neurologische Skala, nach der Bewusstseins- und Hirnfunktionsstörungen bewertet und zugeordnet werden.

Ich kenne selbst jemanden, der einen sehr schweren Unfall überlebte. Er feiert seit dem Tag des „Aufwachens” einen zweiten Geburtstag. Du auch?

Es gab bei mir ja keinen klaren Tag des Aufwachens, das war eher ein „sich zurechtfinden” und „zurückkämpfen”. Dieser Prozess dauert auch noch an, deshalb sind für mich eher die Tage wichtig, wie zum Beispiel der, an dem ich das erste Mal aufstehen konnte und natürlich, als ich vorläufig aus dem Krankenhaus entlassen wurde.

Deinen ersten Auftritt nach dem Unfall hattest du beim Electronic Daisy Carnival in Las Vegas. Beschreibe doch bitte mal deine Emotionen in dem Moment, als du die Bühne betreten hast.

Es war eine Mischung aus Freude, Unsicherheit und einer gewissen Panik. Zwar haben die Ärzte alle möglichen Tests mit mir gemacht. um sicherzugehen, dass nichts Schlimmes passiert – aber bei neurologischen Verletzungen weiß man nie. Als ich dann da oben stand, wusste ich zwar, es ist noch ein langer Weg, aber ich werde in der Lage sein, diesen Weg zu gehen. Und das war und ist großartig.

Als du nach dem Koma wieder klar bei Sinnen warst, wurde dir gesagt, du musst vieles neu lernen, wie gehen, sprechen etc. Wusstest du noch, wie man Musik produziert und wie du dein Equipment live auf der Bühne bedienen kannst – oder musstest du bei Null beginnen?

Ich habe den Moment, meine „Maschinen” anzumachen, lange vor mir hergeschoben. Ich hatte unter anderem schwere Verletzungen im Bereich des Sprachzentrums, wo wohl auch die Kreativität herkommt. Und somit hatte ich Angst, dass ich nichts mehr fühle oder verstehe, was da vor sich geht. Aber es hat alles geklappt. Mein Leben wäre sicher ein anderes, wenn man mir die Möglichkeit, Musik zu machen, genommen hätte.

Gerade hast du das Anthem für SHINE Ibiza fertiggestellt. Deine wievielte Saison ist es für dich auf der „Weißen Insel”? Und ist „Ibiza nach dem Unfall” ähnlich wie „Ibiza vor dem Unfall”?

Ich bin eigentlich seit fast 20 Jahren als Resident auf Ibiza. Für SHINE ist es die zweite Saison, und ich bin sehr stolz, Teil dessen zu sein, was dort von einem Team, das unsere Musik liebt und klar als Fokus hat, aufgebaut wird. Ibiza wird immer besonders sein. (lacht)

Wir vom FAZE Magazin wünschen dir weiterhin alles Gute. Wir sehen uns auf den Festivals.

Vielen Dank, bis bald.

 

Paul van Dyk – die Tour-Dates für Juni und Juli 2019:
01.06.2019: Zouk Nightclub, Singapur (Singapur)
07.06.2019: Show House, Macau (Macao)
20.06.2019: SKY, Salt Lake City, Utah (USA)
29.06.2019: Fuel Beach Club, Bloemendaal (Niederlande)
30.06.2019: Arad Open Air 2019, Arad (Rumänien)
11. + 18.07.2019: Eden, Ibiza (Spanien)
19.-21.07.2019: Parookaville, Weeze (Deutschland)
19.-21.07.2019: Sunrise Festival, Kolobrzeg (Polen)
20.07.2019: Tomorrowland Weekend 1, Boom (Belgien)
25.07.2019: Eden, Ibiza (Spanien)

 

Aus dem FAZEmag 088/06.2019
Text: Torsten Widua
Foto: Christoph Köstlin
www.paulvandyk.com