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Wie es in einem Land ist, in dem Musik teilweise verboten oder gar nicht erst verfügbar ist, können sich wohl nur die wenigsten wirklich vorstellen. Ich kann es nicht. Das jüngste prominente Beispiel zeigt wohl der Dokumentarfilm über ein DJ-Duo, das in seinem Land so einige Torturen erlebte, „Raving Iran“. Auch Petra Struwe hatte während ihrer Kindheit und frühen Jugend nur wenig Zugriff auf Musik, sie wuchs in der DDR auf. Heute steht sie auf den großen Bühnen. Wir haben mit ihr gesprochen.


Bereits in deiner Kindheit hat dich die elektronische Musik begeistert. Was hat dich damals so sehr an dieser Art von Musik gereizt? Welche Künstler, Bands oder vielleicht auch Geräte und Klangerzeuger haben dich fasziniert und wieso wolltest du letztendlich selbst an den Reglern stehen?

Als Kind der DDR hatte ich fast keinerlei Bezug zur Musik. Die Sendervielfalt im Radio war sehr begrenzt, der Empfang oftmals bescheiden und die gespielten Lieder waren, nun ja, „gut sortiert“. Meine Eltern besaßen verschiedene Schallplatten mit der Musik ihrer Jugend und ich erfreute mich an „Hurvenik und Spejbel“, Alfons Zitterbacke, Herr Fuchs und Frau Elster oder am Traumzauberbaum. Erst nach der Wende und der damit einhergehenden, schier endlosen Flut an Möglichkeiten entwickelte sich meine Vorliebe für elektronische Musik. Es gab plötzlich Musikkassetten im Überfluss und ich entschied mich beim Einkauf mit meiner Mutter für U96s „Das Boot“ und „Rhythm Is A Dancer“ von Snap!. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwarten und meinen Musikgeschmack nachhaltig beeinflussen würde. Für die Kassetten hatte ich mich schließlich nur entschieden, weil mir die Cover gefielen. Ich verbrachte nun Stunden vor dem Radio, um Lieder mitzuschneiden. Dr. Alban, Culture Beat, Magic Affair. Damals war ich 14 Jahre alt. Aus Radio wurden dann später MTV und VIVA. „Children“ von Robert Miles oder „Seven Days And One Week“ von BBE, Faithless’ „Insomnia“, alles Tracks, die mich nachhaltig prägen sollten. Ich kaufte mir „Thunderdome“-CDs und besuchte 1998 meine erste Loveparade. Man lernte neue Leute kennen und einer wusste immer, wo die nächste illegale Party lief. Zu dieser Zeit, ich war gerade 16 Jahre alt, entstand dann der Wunsch, auch selbst hinter den Reglern zu stehen und eigene Sets zu gestalten. Bis ich jedoch das Geld für eigene Plattenspieler und Mixer zusammen hatte, sollten weitere fünf Jahre vergehen. 2003 spielte ich mein erstes Set auf der Party eines Kumpels – der Beginn von Petra Struwe.

Nun stehst du mittlerweile auf den großen Bühnen und hast auch in diesem Sommer viele Open Airs und Festivals wie das SonneMondSterne besucht. Wie fühlt es sich an, wenn tausende Menschen vor dir feiern und zu deinem Set durchdrehen?

Soll ich ehrlich sein? Ich kann vor Lampenfieber kaum einen klaren Gedanken fassen. Auch nach all den Jahren ist jeder Gig, egal ob groß oder klein, keine Routineangelegenheit, sondern immer ein ganz besonderer Moment – mit der gleichen Aufregung wie vor 14 Jahren. Ich höre oft, dass ich während meines Sets mehr lachen und nicht so ernst dreinblicken soll – ob ich überhaupt Spaß habe, werde ich dann gefragt. Ja, natürlich! Ich bin schlichtweg konzentriert und möchte meinem Publikum einen guten Auftritt bieten. Ich liebe das, was ich mache, und bin dankbar für jeden Moment, den ich hinter den Reglern stehen darf und in dem ich meine Leidenschaft leben kann. Und eine gewisse Aufregung gehört für mich dazu. Übrigens besuchte ich 2001 das erste Mal das SonneMondSterne-Festival, damals als Gast. 16 Jahre später spielte ich das Opening im Maincircus. Krasse Scheiße! (lacht)

Der Sommer ist so gut wie gelaufen, die Festivalsaison neigt sich dem Ende. Erzähl uns doch etwas von deinen Highlights der diesjährigen Saison! Und was kannst du allen Ravern für das nächste Jahr nur wärmstens empfehlen?

Meine Highlights waren definitiv das SMS und Sputnik Springbreak, auf denen ich erstmals spielen durfte. Auch meine Gigs beim Hell-Festival und LoveSea zähle ich dazu! Meine regelmäßigen Gigs, zum Beispiel beim Liquid Sunday, sind für mich auch immer etwas Besonderes und somit natürlich auch meine Empfehlung für 2018. Wer es gern etwas kleiner und familiärer mag, sollte sich unbedingt das Stroga-Festival – nähe Dresden – vormerken. Dort bin ich als Act und Gast über das gesamte Wochenende anzutreffen. Karten gibt es dafür nur online, und zwar genau 1000 Stück. In diesem Jahr waren die nach 3 Minuten ausverkauft! Wenn es eher Richtung „back to the roots“ gehen soll und auch etwas härter sein darf, mit Hangar, Tarnnetz und Strobo, dann ist man auf dem Tekknotopia südlich von Berlin richtig. Ich gestalte das Line-up mit, bis Ende Oktober können sich interessierte Musiker mit ihrem Set bewerben. Wir verlosen drei Slots!

Freust du dich trotzdem auch auf die kühleren und dunklen Monate? Schließlich ist das auch die Club-Saison! Wo können wir dich in den nächsten Wochen und Monaten hören?

Diesen Monat gibt es da schon zwei gute Gelegenheiten, denn am 21. Oktober feiern wir Stephan Strubes Geburtstag im Warehouse Wiepersdorf und am 27. geht es nach Wuppertal zum USB-Festival im Butan Club. Buchen kann man mich ganz einfach über meine Agentur DustedDecks – per E-Mail direkt an flo@dusteddecks.de.

Du spielst am liebsten mit Vinyl, richtig?

Die Möglichkeiten, wie DJs ihren Sound präsentieren können, sind inzwischen schier grenzenlos. Ob CD, USB, direkt über Laptop oder via Controller. Die Tracks als MP3 sind kostengünstig, kein lästiges Plattenschleppen und auch kein Beschränken auf 80 Platten mehr. Du musst nicht ewig üben, um zwei Tracks anzugleichen, oder dein Gehör schulen, um zu erkennen, welche Platte schneller, welche langsamer läuft. Das übernimmt für dich die Technik. Aber natürlich bietet diese Technik auch eine Vielzahl an Möglichkeiten, um Sets oder einzelne Tracks individuell zu gestalten oder zu verändern. Jeder kann seinem Sound so eine ganz eigene, persönliche Note verleihen. Ich bleibe dem Vinyl nach wie vor treu, auch wenn es oftmals nur über TraktorScratch zu realisieren ist. Aber wenn die Technik stimmt, spiele ich auch reine Vinyl-Sets!

Du bist also durch und durch DJ, stehst am Wochenende hinter den Reglern und schaffst es nur selten ins Studio. Damit gehörst du zu einer sehr kleinen Gruppe, die es auch ohne durchschlagende Produktionen schafft, große Hallen, Zelte und Tanzflächen zu füllen. Wie erklärst du dir diesen Erfolg?

Viele denken, dass es Frauen leichter haben als ihre männlichen Kollegen. Natürlich kannst du dich in einen knappen Fummel werfen und dich mit lasziven Bewegungen hinterm Pult räkeln. Mit der Wahl gängiger Mainstreamtracks und der Fähigkeit, zwei CDJs zu syncen, klappt es dann auch mit dem Erfolg. Ich jedoch habe geübt und geübt und geübt. Allein in meinem Kämmerlein. Und geübt. Irgendwann hatte ich den Dreh raus und musste mich dann viele Jahre behaupten, immer wieder beweisen, dass ich tatsächlich weiß, was ich da tue. Ich habe mich nie entmutigen lassen und bin meinem Stil bis heute treu geblieben. Ich denke, das könnte zum Erfolg beigetragen haben.

Aus dem FAZEmag 068/10.2017
Text: Julian Haußmann
Fotocredit: Timecodepic