
Während Clubs kommen und gehen, steht das Pimpernel seit 56 Jahren für Beständigkeit im Münchner Nachtleben. 365 Tage im Jahr geöffnet, All-night-long-Sets statt Schnelllebigkeit, Intimität statt Hype. Seit rund drei Jahrzehnten prägt Sven Künast die Geschicke dieser Institution – mit einem klaren Fokus auf Qualität, Gastfreundschaft und musikalische Haltung. Ein Gespräch über Umbrüche, Prinzipien und warum 2026 unter dem Motto „Back to Basics“ steht.
Das Pimpernel feiert in diesem Jahr seinen 56. Geburtstag. Wenn man zurückblickt: Welche Momente oder Phasen waren rückblickend wirklich prägend für den Club – und warum?
Ein entscheidender Einschnitt war 2001 die Einführung des Euro – danach fiel die Sperrzeit hier in München. Und damit fiel unser damaliges Alleinstellungsmerkmal weg, denn plötzlich durften auch andere länger öffnen. Das war eine Phase, in der wir uns neu positionieren mussten. Großes Glück hatten wir dabei mit unserem Vermieter, der diesen Umstrukturierungsprozess aktiv unterstützt hat. Auch beim großen Umbau 2009 hat er diesen Weg mitgetragen – das war alles andere als selbstverständlich. Eine weitere prägende Phase war die Zeit der Corona-Pandemie. So herausfordernd sie wirtschaftlich auch war — wir haben sie genutzt, um unser Raumkonzept weiter zu optimieren und den Fokus noch klarer auf die Musik und die Tanzfläche zu legen. Rückblickend waren das wichtige Entwicklungsschritte für den Club.
Während viele Clubs in den letzten Jahrzehnten verschwunden sind, existiert das Pimpernel bis heute – und ist täglich geöffnet. Welche sind aus eurer Sicht die wichtigsten Konstanten, die diesen außergewöhnlich langen Bestand möglich gemacht haben?
Qualität und Gastfreundschaft – und sicher auch unser in München einzigartiges Konzept. Von den Drinks bis zur Musik haben wir immer ein konstantes Qualitätsniveau gehalten. Mit maximal 120 Gästen entsteht eine intime Atmosphäre. Man merkt sofort, wenn etwas nicht passt – deshalb legen wir Wert auf Details: gute Drinks, interessante Musik und echte Gespräche an der Bar. Wir haben 365 Tage im Jahr von 22:00 bis 6:00 Uhr geöffnet, freitags und samstags bis 7:00 Uhr. Jeder ist willkommen, der respektvoll mit uns und den anderen Gästen umgeht. Oft ist es gerade die Mischung, die den Reiz ausmacht – wenn der Banker auf den Travestiekünstler trifft und beide bis in die frühen Morgenstunden feiern.
Seit rund 30 Jahren führst du den Club. Was hat sich in dieser Zeit verändert – und an welchen Grundprinzipien wurde ganz bewusst festgehalten?
Früher lag der Fokus weniger stark auf dem DJ. Bar- und Clubbetrieb hielten sich die Waage, es gab mehr Sitzplätze, viele Stammgäste und deutlich weniger Fluktuation. Im Jahr 2009 wurde der Laden komplett entkernt, unter anderem um Schallschutzmaßnahmen umzusetzen und den Club mit einem großen Fenster zur Straße sichtbarer zu machen. Danach gab es deutlich weniger Sitzgelegenheiten. Während der Pandemie-Pause haben wir die restlichen Sitzecken entfernt und die DJ-Booth in die Mitte gerückt. Heute gibt es nur noch Plätze an der Bar – der Fokus liegt klar auf der Tanzfläche und der Musik.
In der Tat ist das Markenzeichen des Pimpernels das musikalische Konzept: All-night-long-Sets, Residents mit klarer Handschrift, kaum Line-up-Hopping. Warum ist dieses Modell für euch bis heute so zentral – gerade in einer Zeit von Social-Media-getriebenen Bookings?
All-night-long-Sets sind heute fast eine Besonderheit. Vor 20 Jahren war es normal, dass ein DJ eine komplette Nacht gestaltet. Einige unserer Residents haben diese Zeit bewusst erlebt und mitgestaltet. Die Anforderungen an DJs haben sich stark verändert. Oft scheint Selbstvermarktung wichtiger zu sein als die Fähigkeit, eine Nacht musikalisch aufzubauen. Wir steuern bewusst gegen diesen Trend – und fahren damit sehr gut.

Wenn ihr die Szene von früher mit heute vergleicht: Was war damals besser – und was ist heute definitiv besser als noch vor 20 oder 30 Jahren?
Früher wurde vermutlich ausgelassener gefeiert – auch, weil man keine Angst vor Handyvideos hatte. Der Durchlauf war wesentlich geringer, und so hatte man für den einzelnen Gast viel mehr Zeit. Die Leute sind bewusster ausgegangen. Positiv ist heute die deutlich größere Offenheit gegenüber der LGBTQ+-Szene. Das Pimpernel war immer ein Ort, an dem jeder so sein konnte, wie er wollte. Bis in die späten 2000er-Jahre war das noch nicht selbstverständlich. Heute spielt das zum Glück keine Rolle mehr.
München gilt oft als schwieriges Pflaster für Clubkultur. Wo seht ihr das Pimpernel innerhalb der Münchner Szene – eher als Gegenpol, Rückzugsort oder verbindendes Element?
Wir tanzen ein wenig aus der Reihe. Während andere Clubs Trends aus Metropolen übernehmen, machen wir seit jeher unser eigenes Ding. Nicht rückwärtsgewandt – aber auch nicht bemüht, wie ein neuer Berliner Hype-Club zu sein. Wir konzentrieren uns auf München und den Vibe hier in der Stadt. Durch unsere Öffnungszeiten haben wir zudem viele Kollegen aus der Szene zu Gast – insofern sind wir auch ein verbindendes Element.
Das Jubiläumswochenende mit Residents und DJ Hell hat die enge Verbindung zur Stadt und ihrer Geschichte gezeigt. Wie wichtig ist euch diese lokale Verwurzelung im Vergleich zu internationalen Trends?
Zum Jubiläum sollte ein Münchner Urgestein spielen – DJ Hell war die logische Wahl. Geplant waren drei Stunden, am Ende wurden es acht. Uns hat es super gefallen. Ihm offensichtlich auch.
Der Clubbetrieb im Allgemeinen steht aktuell stark unter Druck – wirtschaftlich, politisch, kulturell. Welche sind aus eurer Sicht die größten Herausforderungen für Clubs in den kommenden Jahren?
Steigende Kosten sind auch in München ein großes Thema. Dazu kommt das enorme Festivalangebot. Von Mai bis Oktober gibt es nahezu jedes Wochenende mehrere große Outdoor-Events, bei denen DJs wie Rockstars gefeiert werden. Clubs können und sollten damit nicht konkurrieren. Entscheidend wird sein, zu den Wurzeln der Clubkultur zurückzukehren.
Welche musikalischen oder gesellschaftlichen Entwicklungen zeichnen sich ab, die auch das Pimpernel in Zukunft beeinflussen könnten?
Die Altersstruktur hat sich verändert. Viele Ü40 oder Ü50 feiern nach wie vor regelmäßig. Die Gen Z ist gesundheitsbewusster, trinkt weniger und beendet die Nacht früher. Den gemeinsamen Nenner zu finden, wird entscheidend sein – Musik bleibt dabei der wichtigste Faktor.
Und ganz konkret gefragt: Was dürfen die Gäste im Jahr 2026 vom Pimpernel erwarten – eher eine behutsame Weiterentwicklung oder eine bewusste Reduktion auf das Wesentliche?
Beides: behutsame Weiterentwicklung und bewusste Reduktion. Wir beobachten Trends, aber viel wichtiger ist, was im Pimpernel passiert – nicht das Drumherum. 2026 steht klar unter dem Motto: „Back to Basics“.
Aus dem FAZEmag 169/03.2026
Text: Triple P
www.instagram.com/pimpernel_1970