Pioneer DJ Roundtable


Anlässlich des International Women’s Day hat sich Pioneer DJ überlegt, den kompletten Monat März in das Zeichen des ‘Women’s Day’ zu stellen. Neben Clubhouse-Talks und Live-Streams haben wir vom FAZEmag vier weibliche DJs zu einer Gesprächsrunde eingeladen und aktuelle Themen besprochen. Viel Spaß und gute Unterhaltung mit:

Anna Reusch startete im Alter von 17 Jahren durch und spielte ihre erste Deutschland-Tour als Supporting-Act für Mark ’Oh. Sie wurde schnell Teil der Bouq-Familie. Unmittelbar nach ihrer in 2015 releasten 12“ „Basara EP“ nahm ihre Karriere Fahrt auf und sie performte wenig später neben Größen wie Sven Väth, AKA AKA oder Âme. Neben Bouq. Records ist sie mit Veröffentlichungen auf Tronic oder 100% Pure vertreten und hat in den letzten Jahren immer wieder bemerkenswerte Darbietungen abgeliefert, darunter auch ihr auf Youtube beliebtes DJ-Set, das sie 2018 im Bootshaus auf einem Nibirii-Event ablieferte. Ihre Definition von Techno ist ein ausgewogener und abwechslungsreicher Mix, mit dem sie ihrem Publikum regelmäßig einheizt.

Iris Menza: Aufgewachsen mit Musik aus den 80ern und Hip-Hop der 90er, entdeckte Iris Menza wenig später ihre Liebe für House-Musik, fing das Plattensammeln an und startete als DJane durch. Heute ist die Belgierin bekannt für ihre fesselnden Performances sowie ihren Mix aus Dub-Tech und Deep House. Sie bietet ein breites House-Musik-Spektrum. Nach vielen Jahren, in denen sie an der Seite von Chris Stussy oder Prunk spielte, ist Iris zu einer der wichtigsten Figuren der belgischen Underground-Kultur geworden. In ihrem 2020 auf YouTube veröffentlichten Set von Piv Records, zieht sie ihre Zuhörer*innen mit ihrem groovigen Sound in ihren Bann.

Klaudia Gawlas: Klaudia Gawlas, die am 25. Oktober 1981 das Licht der Welt erblickte und mehrfach von den FAZEmag-Leser*innen zum DJ des Jahres gekürt wurde, hatte im Zuge eines Auslandsaufenthalts die Chance, die Techno-Szene in den USA kennenzulernen und begann dadurch das Auflegen. Zurück in Deutschland spielte sie folgend darauf auf Events wie Nature One, Time Warp oder Mayday. Etabliert ist sie schon seit langer Zeit und glänzt ebenfalls durch diverse Produktionen, darunter auch ihre populäre Interpretation des Tracks „Papillon“ von den Editors. Bis heute hat sie eine Vielzahl an EPs und zwei Alben herausgebracht. Im Jahrespoll 2020 gewann sie in der Kategorie „Bester Track“.

Shaleen heißt bürgerlich Shaleen und hört seit ihrer Jugend Techno. Für sie ging es dabei um den Revolutionsgedanken, die Zusammengehörigkeit sowie darum, sich für die richtigen Dinge einzusetzen. Im Jahr 2019 spielte sie in der Säule des Berghains. Sie gehört zur Crew des Labels BPitch von Ellen Allien. Ob dramatisches Big-Room-Techno-Erlebnis oder ein sanfter Flow mit viel Energie, ihre Musik lässt sich als hart, roh und energiegeladen beschreiben. Sie zählt momentan definitiv zu den gefragtesten Newcomer*innen.

 

Wann habt ihr für euch den Entschluss gefasst, mit der Musik Geld zu verdienen und gab es dafür ein auslösendes Moment?

Shaleen: Ich erinnere mich tatsächlich noch genau an den Moment, in dem ich mich entschieden habe, mein Leben der Musik zu widmen. Das war im Jahr 2012 als ich zum ersten Mal die Timewarp in Mannheim besucht habe. Es gab in der ersten der beiden Haupthallen so etwas wie eine kleine Empore über dem Soundsystem, welche sich zwischen DJ und Publikum befand – meine Freundin und ich haben den Spot entdeckt und uns dazu entschlossen dort hochzuklettern. Oben angekommen, konnten wir alles was passierte ganz genau beobachten. Es war ein überwältigendes Schauspiel – die Musik und die Visualisierungen, im Einklang mit der Menschenmenge, die sich fließend dazu bewegte. Das war für mich das aller erste Mal, in dem ich bewusst diese starke Energie und das Zusammenspiel zwischen Publikum und DJ beobachten konnte.

Klaudia Gawlas: Ob sich so ein Entschluss immer realisieren lässt, ist natürlich in Frage zu stellen, aber für mich war es eigentlich klar, als ich gemerkt habe, dass ich nichts anderes und auch keinen anderen Job machen will. Ich wollte einfach nur den ganzen Tag Musik machen und irgendwie muss man ja auch Geld verdienen. Also habe ich als DJ angefangen, um durch die Gigs wenigstens meine Schallplatten zu finanzieren. Danach kamen dann mehr Gigs und mehr Schallplatten.

Iris Menza: Geld hatte nie etwas damit zu tun. Denn Geld wird nie reichen. “Finde einen Job, den du magst, und du wirst nie wieder arbeiten müssen”, sagen sie, und sie könnten nicht richtiger nicht sein. Als ich meine ersten Plattenspieler kaufte, war es rein aus Spaß und der Liebe zur Musik.

Anna Reusch: In dem Moment als es zeitlich nicht mehr möglich war, einer anderen beruflichen Beschäftigung nachzugehen.

 

Könnt ihr euch noch an euren ersten gekauften Tonträger erinnern?

Iris Menza: Oh, es gab eine Handvoll Vinyls in dieser ersten Rutsche. „Teardrops“ von Womack & Womack zum Beispiel war dabei. Der Track ist ein klassisches Stimmungslied, das mir immer noch ein Lächeln aufs Gesicht zaubert, seit ich klein war. Der Song ist so nostalgisch für mich. Happy-House-Klassiker aus den 90ern waren mein Ding in meinen ersten Jahren des Spielens und Sammelns.

Klaudia Gawlas: Die erste Vinyl habe ich in USA gekauft, als ich dort ein Jahr lang lebte. Ich stolperte in einem Second-Hand Laden über „Sunglasses At Night“ – den Chris Liebing Remix. Da ich den Track schon aus Deutschland kannte und liebte, habe ich mir die Platte gekauft, obwohl ich da noch nicht einmal einen Plattenspieler besessen habe. Doch allein vom Anschauen war ich elektrisiert und musste sie einfach haben.

Anna Reusch: Das war bestimmt eine Bravo-Hits-CD.

Shaleen: Ehrlich gesagt bin ich mir nicht zu 100% sicher, aber ich glaube es war eine CD von Destiny’s Child.

 

 

Inwiefern hat sich euer Leben innerhalb der vergangenen 12 Monate (Corona) verändert? Wann war euer bislang letzter DJ-Gig und wo?

Klaudia Gawlas: Das Leben ist bei mir allgemein viel ruhiger geworden. Es hat sich tatsächlich sehr entschleunigt. Ich bin die Wochenenden daheim und kann jetzt frei über meine ganze Zeit verfügen. Das ist ein ganz anderes und neues Erlebnis, wenn man jahrelang immer auf Tour war. Ein Leben in dieser Form kannte man gar nicht mehr. Dennoch fühlt man sich mit Zeit auch irgendwie einsam, da man es gewohnt ist, jedes Wochenende unzählige Leute zu sehen. Plötzlich wird es zwangsweise recht still – das stellt die Welt schon immens auf den Kopf. Dennoch bin ich ein sehr positiver Mensch und versuche, das Beste daraus zu machen und nutze die neu gewonnene Zeit, um auch fast jeden Tag im Studio zu sein. Aber die täglich wiederkehrende Frage „was koche ich heute?“ ist schon zum running Gag geworden und ein mittlerweile fester Bestandteil der Tagesroutine. Mein letzter Gig war im August 2020 in Budapest – eine herrliche Erinnerung.

Anna Reusch: Mein letzter ‚richtiger‘ Gig war im Oktober 2020 in der Nähe von Magdeburg auf einem Open Air mit sage und schreibe 1000 Besuchern. Der letzte normale war am 29.02.2020 im Fusion in Münster. Seitdem führe ich ein sehr gesundes, geregeltes also langweiliges Leben. Ich liege jeden Tag um ca. 22 Uhr im Bett und bin um 7 Uhr schon wieder wach. Mein Hofgut und eine Weiterbildung erfüllen meinen Tatendrang zum Glück weitestgehend aber man fühlt sich trotzdem, als hätte jemand den standby-Knopf gedrückt.

Shaleen: Mein Leben hat sich seit der Corona Pandemie um 180 Grad gedreht. Ich habe vor der Pandemie fast jedes Wochenende Clubs bespielt und konnte von meiner Leidenschaft leben. Momentan habe ich langweilige Nebenjobs und das Meiste findet nur noch von Zuhause statt. Musik mache ich natürlich nach wie vor. Ich spiele regelmäßig für mich und meine Nachbarn (ob sie wollen oder nicht). Für meine Produktionen habe ich seither allerdings deutlich mehr Zeit. Meine Freunde habe ich vor der Pandemie ständig um mich gehabt. Wir haben zusammen die coolsten und verrücktesten Dinge auf die Beine gestellt. Jetzt führen wir größtenteils Telefonkonferenzen, aber unseren Ehrgeiz lassen wir uns von Corona nicht auch noch nehmen! Es gibt Höhen und Tiefen und das Ungewisse macht es uns nicht leichter, aber wir haben vom ersten Tag an versucht Wege zu finden, um uns weiterhin mit unserer Kunst zu verwirklichen. Mein bislang letzter DJ-Gig in einem Club mit Publikum war im November des letzten Jahres im Elysia in Basel zusammen mit Somewhen und AND. Zu dem Zeitpunkt war es in der Schweiz wieder erlaubt Partys zu veranstalten, die Zahlen waren noch überschaubar. Im Sommer hatte ich Glück, in Berlin und Kroatien einige legale Open Airs bespielen zu dürfen. Das Zagrave Open Air, organisiert von meinem Labelpartner Miro, war eines meiner Sommer-Highlights.

Iris Menza: Offensichtlich hat sich das Leben eines jeden komplett verändert, so auch meines. Gleichzeitig eröffnete diese Situation die Möglichkeit, die Dinge auf eine andere Art zu betrachten. Ich lebe einen Lebensstil, der mehr auf das Wesentliche zurückgeht, was keine schlechte Sache ist. In der Zwischenzeit bleibe ich positiv, arbeite viel, erkunde Orte und genieße die Natur mehr als je zuvor, wenn noch Zeit übrig ist. Ich erinnere mich an den letzten Gig, den ich vor dem Lockdown gespielt habe, im Ponton Amsterdam. PIV organisierte die offizielle Afterparty für das Overwinteren Festival. Das war eine tolle letzte Party, so eine gute Stimmung.

 

 

In der aktuell schwierigen Situation werden ‚klassische‘ Berufe wie z.b. Handwerker um einiges bevorzugter behandelt als kreative Berufe oder Berufe in der Gastronomie. Ich denke da nicht nur an Musiker, sondern auch an Schauspieler. Habt ihr in den vergangenen Monaten überlegt, das Musikerdasein an den Nagel zu hängen, um euch etwas anderem zu widmen?

Anna Reusch: Nachdem ein erneuter Lockdown verhängt und alle Aussichten auf ein baldiges in den Griff kriegen zerstört wurden, hatte ich eine kleine Krise. Also ging ich in mich und überlegte, was ich mir alternativ vorstellen könnte, zu tun. Es hatte alles irgendwas mit der Branche zu tun, in der ich schon mein ganzes Leben lang tätig bin, also entschloss ich mich dahingehend für Bildung. Dank einiger Kooperationen bin ich noch in der glücklichen Lage, nicht nach einem neuen Job suchen zu müssen.

Shaleen: Niemals.

Iris Menza: Nein, es gab keinen einzigen Moment, in dem ich daran dachte, meine Leidenschaft für die Musik aufzugeben. Ich kann mich im Moment nicht über das Leben beklagen, ich war immer mit anderen Arbeiten beschäftigt und hatte Spaß zu Hause. Allerdings kann ich es kaum erwarten, wieder zu spielen. Ich werde dabei sein, wenn es losgeht! Es gibt so viel, auf das man sich freuen kann.

Klaudia Gawlas: Ein entschiedenes „Nein“, da ich immer schon Musikerin sein wollte und dieser Beruf mehr eine Berufung ist als eine reine Geldbeschaffungsmaßnahme. Ich habe einfach den Drive, Musik zu produzieren und zu spielen. Auch wenn es finanziell nicht aufgegangen wäre, würde ich dies trotzdem nicht anders machen. Aber man hat natürlich sehr viel Zeit und macht sich wahrscheinlich auch mehr Gedanken über das Leben und alles Drumherum als sonst, was bei einigen vielleicht diese Frage hat aufkommen lassen. Es wird einem schon auch sehr bewusst, was man alles aufgibt oder besser gesagt hinten anstellt für die Musik, weshalb man sich manchmal fragt „will ich nochmal auf Tour gehen?“, „will ich diesen ganzen Stress nochmal?“. Aber ich komme immer zur selben Erkenntnis, dass es genau das richtige Leben für mich ist und für das ich mich bewusst entschieden habe, weil ich es eben sehr liebe.

 

Was vermisst ihr am meisten?

Klaudia Gawlas: Die großen Soundsysteme und die Crowd.

Iris Menza: Zu sehen, wie Menschen Musik genießen. Für ein Publikum zu spielen, in Clubs unterwegs zu sein, auf Festivals zu gehen, neue Leute kennen zu lernen. Ich vermisse meine Freunde in der Szene, mit denen ich mich über die Jahre angefreundet habe. Und ich vermisse es, neue Orte zu besuchen. Oh, und ich vermisse es, Flugzeuge zu nehmen und Spaß in Hotels zu haben. Ich hatte vor ein paar Wochen in Antwerpen mit Freunden ein lustiges Wochenende, als ich zu einem Livestream ging. Ich muss zugeben, ich liebe Hotels. Es war eine lustige Nacht.

Shaleen: Ich vermisse einfach alles! Unsere monatlichen Seelen Labelnights im Institut für Zukunft, genauso wie unsere SURD Partys im Goethebunker. Ich vermisse es, neue Clubs zu erkunden und ich vermisse die Abenteuer, die Wochenende für Wochenende auf uns gewartet haben. Ich vermisse auch die Tage oder Nächte im Berghain. Sogar meine Plattentasche bis in den vierten Stock zu schleppen und bei der Hälfte pausieren zu müssen, weil mir die Kräfte ausgehen, vermisse ich. Es fehlt mir sehr in die lächelnden Gesichter fremder Menschen zu schauen und den Energieaustausch mit der Crowd zu erleben. Beispielsweise die kleinen Momente, in denen man so konzentriert ist, dass man alles um sich herum für einen kurzen Augenblick vergisst, dann hochschaut und eine tobende Menge vor sich findet.

Anna Reusch: Ich vermisse nicht diese eine Sache am meisten, sondern einfach das große Ganze: Menschen, Emotionen, Freiheit, Tanz, Körpernähe, Verrücktheit, kollektiv Musik zelebrieren. Die Liste ist sehr lang.

 

 

Wie archiviert und ordnet ihr eure Tracks? Was für ein System habt Ihr?

Iris Menza: Ich organisiere meine Tracks in Ordnern nach Genre, BPM und nach Gelegenheit, sie zu spielen: Warm Ups, Peak Time, etc. In Rekordbox hat man so viele tolle Möglichkeiten.

Shaleen: Ich habe mich schon an jeglichen Systemen ausprobiert. Mal habe ich versucht, meine Musik nach Genre zu sortieren, dann habe ich meine Musik nach Datum sortiert oder auch mal danach, wie gut die Tracks mir tatsächlich gefallen, ein Sterne-System, was früher oder später alles im Chaos endete. Mit der Zeit ist mir aufgefallen, dass ich den Überblick am besten behalte, wenn ich die Tracks mit bestimmten Events verknüpfe. Ich benenne die Ordner nach Ereignissen und so kann ich mir gut merken, welche Musik sich wo befindet. Jeder Track hat seinen Platz und selbst wenn mir der Track Name mal nicht einfällt weiß ich, was ich damit verbinde und wo ich suchen muss.

Anna Reusch: Ich archiviere auf einer externen Festplatte nach Jahr und Monat. Die aktuelleren Sachen sind in der Rekordbox nach Genre geordnet. Das ordne ich dann noch nach Intensität, Zeitpunkt, also warm up/locker, prime time, closing usw.

Klaudia Gawlas: Ich ordne sie nach den jeweiligen Monaten, in denen ich sie bekommen habe. Das mag etwas seltsam klingen, denke ich, aber ich kann mich so einfach besser daran erinnern als an Tracknamen oder an Künstler. Ich weiß circa immer, wann ich welchen Track bekommen habe, so dass ich es über die jeweiligen Monate einfach besser zuordnen kann.

 

 

Anlässlich des International Women’s Day gab und gibt es wiederholt die Diskussion, ob Frauen benachteiligt oder bevorzugt werden im DJ-Circuit. Wie steht ihr dazu? Und was haltet ihr von einer Quotenregelung, wie es z.b. in der Wirtschaft gefordert wird?

Klaudia Gawlas: Ich mache mir darüber ehrlich gesagt nicht so viele Gedanken. Wir leben in einem sehr freien Land und es kann sich mittlerweile jeder frei entfalten. Sicherlich gibt es einige Punkte, die immer noch sehr ungerecht sind, wenn es zum Bespiel um die Bezahlung mancher Berufssparten geht. Gleiche Leistung sollte auch immer gleich entlohnt werden, doch jetzt zwingend auf eine Quotenregelung zu setzen, ist vielleicht auch nicht die adäquate Lösung für das Problem von Ungleichbehandlung, da dies meines Erachtens die Fähigkeiten und Qualifikationen der jeweiligen Quoten-Frau von Vornherein schmälert. Wenn ich eine große Firma hätte, würde ich einfach die qualifiziertere Person einstellen, doch da beginnt das System schon zu hinken. Frauen bringen durchaus oft gleiche oder gar mehr Qualifikation mit, doch es werden dann männliche Mitbewerber bevorzugt, da ja davon auszugehen ist, dass Frauen irgendwann mal Kinder bekommen werden und somit über einen längeren Zeitraum ausfallen werden. Es ist mit Sicherheit wichtig dies zu thematisieren und für Gleichbehandlung einzutreten, doch ich denke, Frauen in Spitzenpositionen beweisen heute jeden Tag aufs Neue, dass sie die Jobs mehr als gleichwertig ausfüllen. Aber das ganze Thema ist ein globales Problem und solange die anderen Länder sich uns nicht angleichen, wird das alles ein sehr langer und schier unüberwindbarer Prozess.

Anna Reusch: Ich halte nichts von einer Regelung, denn es gibt genügend Beispiele, dass es Frauen genauso möglich ist, in der Branche Fuß zu fassen wie Männern. Und seit den letzten drei Jahren mit so vielen Frauen auf den Line-ups sowieso. Außerdem befinden wir uns in der wohl offensten und tolerantesten Musikrichtung bzw. Kultur, weswegen das Geschlecht erst recht weniger ein Thema ist. Der Job ist hart, aber wenn man beharrlich, ehrgeizig, authentisch und technisch gut ist, schafft man es auch. Ich hätte bei einer Regelung Angst davor, dass eben die solchen dadurch benachteiligt werden könnten.

Iris Menza: Nun, es wird Männer geben, die Vorurteile gegenüber Frauen und sogar gegenüber Frauen in unserer Szene haben. Ob man das nun mag oder nicht. Allerdings stelle ich fest, dass Frauen heute mehr Wertschätzung erfahren als noch vor Jahren. Und so sollte es sein: niemand sollte wegen seines Geschlechts oder seines Aussehens missbilligt oder kritisiert werden.

Shaleen: Grundsätzlich glaube ich, dass man bei Künstlern die Kunst berücksichtigen sollte, ganz unabhängig vom Geschlecht, ABER auf Grund der Tatsache, dass wir in einer überdurchschnittlich Männer-dominierten Welt leben, in der Frauen und LGBTQs über Jahrzehnte Benachteiligung erfahren mussten, unterstütze ich jegliche Mittel, welche die Chancengleichheit herstellen können. Frauen und LGBTQs gehören genauso hinter die Decks und sollten auch so behandelt werden. Es wäre natürlich das Beste, wenn jeder für sich darauf achten würde, eine Balance herzustellen und niemanden zu benachteiligen. Ich bin sehr froh darüber, dass das Bewusstsein dafür wächst und wir solche Themen aufgreifen, diskutieren und auch daran arbeiten, sie zu reflektieren. Das ist ein Zeichen dafür, dass wir uns in die richtige Richtung bewegen. Kein Mensch sollte jemals diskriminiert werden und Kunst sollte immer frei bleiben.

 

Gibt es Momente, an die ihr euch erinnern könnt, bei denen ihr das Gefühl hattet, anders behandelt zu werden als männliche Kollegen? Wenn ja, welche waren das?

Anna Reusch: Viele, aber ich habe sie einfach zu meinen Gunsten genutzt. Wenn das Publikum dich kritisch mustert, innerlich die Vorurteilsliste abarbeitet, dann hat man immerhin deren Aufmerksamkeit. Ich kann die Menschen nicht ändern, bloß meinen Blickwinkel. Dass die Leute mir gegenüber kritisch eingestellt waren und manchmal noch sind, kann mehrere Ursachen haben. Es gab einfach nicht so viele Frauen in dem Job, auch aus vielen Gründen, und es sind auch ehrlicherweise einige Frauen unterwegs, die nicht wegen ihrer DJ-Fähigkeiten polarisieren. Sowas schürt das Klischee natürlich. Irgendwer ist immer der Wegbereiter und ich freue mich, wenn ich vielleicht einen Teil dazu beitragen kann, dass es „normal“ wird, eine Frau hinter den Decks mit denselben Augen anzuhören wie einen Mann.

Shaleen: Es ist zwar schon einige Zeit her, aber tatsächlich gab es früher Momente, in denen ich das Gefühl hatte, unfair behandelt zu werden. Ich wurde zur damaligen Zeit von einigen männlichen Kollegen nicht wirklich ernst genommen. Meine Gutmütigkeit und meine Strebsamkeit wurden manchmal ausgenutzt. Ich habe das natürlich gemerkt, aber Ich wusste schon damals, dass nur gute Absichten zu Gutem führen, egal wie schwer es in manchen Momenten auch zu sein scheint. Andersherum ist es allerdings ganz genau so – what goes around comes back around.

Klaudia Gawlas: Es gab hier und da auf der Bühne Momente, in denen einem als Frau nichts zugetraut wird. Das ist das typische Klischee-Denken. Kommt eine Frau auf die Bühne, lässt ihre Hardware vom Tourmanager aufbauen, heißt es gleich „oh guck mal, die kann das nicht“. Macht das ein großer, bekannter DJ und lässt seinen Techniker aufbauen, fragt sich keiner, ob er das kann oder nicht. Sondern jeder denkt sich, „guck mal, er hat extra einen dabei, dass er keinen Stress hat und sich auf sein Set konzentriert.“ Das gleiche Phänomen kann man auch beim Einparken beobachten. Sitz eine Frau im Auto, wird mit Spannung verfolgt, ob das auch wirklich gutgeht. Umgekehrt muss man aber auch gestehen, wenn ein Mann ein Hemd bügelt, wird die Frau auch genauer schauen, ob er das kann. Hier müsste man schon bei der Erziehung ansetzen, denke ich, da diese Stereotype einfach nicht mehr zeitgemäß sind, aber noch tief in uns allen drin. Es gibt Frauen, die Technik und ihr Handwerk besser beherrschen, als viele Männer und es gibt Männer, die Hemden bügeln können. Von der anderen Seite betrachtet, gibt es bestimmt auch Männer, die überhaupt nicht technikaffin sind.

Iris Menza: Ich bin ziemlich glücklich darüber, wie die Dinge in Deutschland und Europa im Allgemeinen laufen. Ich hatte in der Vergangenheit keine größeren oder negativen Vorkommnisse mit männlichen Kollegen über diese Tatsache. Was nicht heißt, dass es nie jemanden geben wird, der sich über mich äußert. Ich genieße diese Reise, und niemand wird das jemals ändern. Auch nicht durch Negativität.

 

Wie schätzt ihr den Zusammenhalt in der weiblichen DJ-Szene ein? Gibt es da eher den Wunsch, enger zusammenzuarbeiten oder eher den Wunsch, alleine Erfolg zu haben?

Iris Menza: Man sieht Frauen häufiger zusammenarbeiten. Schwer zu sagen, ob der Wunsch in die eine oder andere Richtung geht … es ist eine natürliche Sache, dass Menschen sich verbinden und zusammenarbeiten wollen. Genau wie Männer haben auch Frauen den Drang, solo zu arbeiten oder Kooperationen einzugehen. Frauen treten auf und verdienen sich ihren Platz in der Branche, das ist offensichtlich.

Anna Reusch: Es gibt für mich nur eine DJ-Szene und das ist offensichtlich auch noch ein Schritt, der getan werden muss: Die Szene nicht in Gruppen zu teilen. Es ist mir egal, ob ich mit Weiblein oder Männlein zusammenarbeite, die Chemie muss stimmen und natürlich möchte man nicht auf jemanden angewiesen sein, sondern sich über Ergänzungen oder Experimente freuen.

Shaleen: Nur gemeinsam sind wir stark, deshalb wünsche mir engen Zusammenhalt. Gerade die Pandemie sollte jedem Einzelnen bewusst gemacht haben, dass wir ohneeinander gar nicht funktionieren können. Unsere ganze Gesellschaft, so wie auch unsere komplette Musikszene, lebt von dem sozialen Miteinander. Es geht darum Dinge gemeinsam zu erleben, zu erschaffen und zusammen etwas zu erreichen. Nur so können wir wirklich etwas bewirken.

Klaudia Gawlas: Weder noch. Wie schon gesagt, war und ist das für mich nie ein big thing gewesen. Für mich steht immer die Musik im Vordergrund. Wenn ich demnach einen Artist gut finde, dann ist mir das Geschlecht und auch das Aussehen völlig egal. Der Charakter, Respekt füreinander und der gute Umgang miteinander ist mir jedoch umso wichtiger.

 

 

 

Welche musikalischen Projekte stehen in den kommenden Monaten an?

Klaudia Gawlas: Erfreulicherweise steht bei mir gerade wirklich viel an. Gerade eben kam meine „Momentum EP“ bei KD Raw heraus. Zudem habe ich auf SCI TEC bei Dubfire eine EP gesigned und auch wieder bei Redimension bei Joseph Capriati.

Iris Menza: Im Moment arbeite ich an einem Remix für ein in Manchester ansässiges Plattenlabel namens Lacuna Recordings. Weitere Produktionen befinden sich in Planung.

Anna Reusch: Ich hoffe, dass ich bald wieder nach England reisen und ins Studio gehen kann. Ansonsten wird sicher noch der eine oder andere Stream sowie Podcast kommen.

Shaleen: Tatsächlich stehen trotz der großen Zwangspause unglaublich viele Projekte an, auf die ich mich riesig freue. Das Meiste davon ist noch Top-Secret, deshalb kann ich euch an dieser Stelle noch nicht so viel verraten. Ihr könnt euch aber schon auf unser erstes SURD Label release freuen, welches wir noch in diesem Jahr auf Vinyl veröffentlichen werden. Am kommenden Sonntag findet ein Livestream von den BCCO Boys statt – im Tower hoch über den Dächern Berlins. Eines meiner persönlichen Highlights folgt dann am 10. April 2021: legendary Bpitch Labelshowcase @ HÖR Berlin – zusammen mit Ellen Allien und Andrew Moore. Tune in!

 

Welchen Song werdet ihr als ersten spielen, wenn es wieder los geht?

Iris Menza: Ich weiß noch nicht, was mein erster Track sein wird. Aber für einen Abschlusstrack könnte ich euch einen geben, der perfekt nach dieser Pandemiezeit passen würde. “Free” von Ultra Nate aus dem Jahr 1997, – Old School (House). Ich habe ihn letzten Sommer bei einem Open-Air-Event hier in Belgien gespielt. Die Leute waren ziemlich begeistert von diesem Song. Die Lyrics hatten mehr Bedeutung als je zuvor. Denn Freiheit ist unbezahlbar. Und es wäre so schön, sehr bald wieder zusammen zu tanzen.

Shaleen: My latest one – Aphrodisiac [VÖ ist im Sommer 2021]. Ich bin wahnsinnig gespannt auf das Feedback der Crowd, wenn ich den Track vor Publikum testen darf.

Klaudia Gawlas: Bye bye Corona…;) Gibt es den Track schon?

Anna Reusch: Nichts mit viel Fläche, sonst heule ich.