Was wird es wohl sein? Ein DJ-Mixer? Ein Software-Controller? Ein Media-Player gar? Die Erwartungen jedenfalls waren ziemlich hoch geschraubt im Vorfeld der Musikmesse 2012. Denn Pioneer Deutschland hatte es wirklich ziemlich gut verstanden, sein bis zum Messestart streng gehütetes Top Tool-Geheimnis auch wirklich geheim zu halten.


Eine Mischung aus Überraschung und Ungläubigkeit spiegelte sich dann in den Gesichtern von Presse und Fachpublikum wider, als die Runde machte, dass es sich um eine Hardware-Effektunit mit der Bezeichnung RMX-1000 handelte. Schließlich galt die Gattung „Digitale Multieffektgeräte“ als absterbender Ast am Baume der Tool-Evolution. Aus gutem Grund: Effekt-DSPs gehören fast standardmäßig zur Ausstattung sonstiger Digital-Gears (Mixer, Media-Player) und sind ebenso Bestandteil aller relevanten DJ-Softwarelösungen. Es benötigt also schon eines wirklich guten Konzeptes, damit ein Branchenriese wie Pioneer, der naturgemäß immer auch die Absatztauglichkeit eines neuen Produktes im Blick behalten muss, den vertrocknenden Ast wieder zum Sprießen bringen kann.

Dass den Anwender tatsächlich etwas Neues erwartet, beweisen bereits Optik und Aufbau des Gerätes. Von Anachronismus keine Spur. Stattdessen eine kompromisslos hochwertig verarbeitete, angenehm nach vorne geneigte Arbeitsplatte in knapp 30 cm Länge, aus dessen dunkel spiegelnder Kunststofffläche sich die Bedienelemente recken. Sofort ins Auge fällt dabei der zentrale Silberstreifen mit drei riesigen Gummipotis, welcher in einen Kreis mit zehn ringförmig angeordneten Effektbuttons weist. Inklusive des mittigen Reglers je nach zugeordneter Effektgruppe rot oder blau illuminiert, wodurch der visuelle Eindruck einer Sonnenscheibe mit geheimnisvollem Koronallicht entsteht. Tatsächlich haftet dem RMX-1000 etwas Magisches an.

Im Grundsatz besitzt der RMX-1000 zwei interne Hauptkanäle: Zum einen den der das musikalische Hauptsignal führt und mit den verschiedenen Effekten bearbeitet werden kann. Zum zweiten eine unabhängig davon arbeitende X-Pad-Sektion, die eine Drum- und Sample-Sektion darstellt, ebenso aber auch dem Hautsignal mit seinen Effekten zugemischt werden kann.

Und weil sie so schön ist, fangen wir mit der X-Pad-Sektion an. Hier überzeugt sofort der Klang. Zwar sind lediglich vier interne Drum-Sounds vorhanden. Jedoch kommen diese in Ihrer 909-abgebildeten Prägnanz derart druckvoll überzeugend rüber, dass sie sich problemlos selbst in hochwertigen Studioproduktionen einsetzen lassen. Über einen Pitchregler lässt sich die Tonhöhe am Gerät verändern, jedoch leider nur für alle Sounds zusammen. Hier hätte ich mir gewünscht, jedes Instruments separat, und sei es über einen Affengriff, in der Tonhöhe verändern zu können. Immerhin stehen aber zusätzlich vier Sample-Bänke bereit, über die sich insgesamt 16 persönliche WAV-Sounds einbinden lassen. Diese werden, so wie alle anderen User-individuellen Daten auch, per USB-Verbindung und remixbox-Software verwaltet oder mittels handlicher SD-Karte dem RMX-1000 zugeführt. Auch können hier die internen Sounds Kick, Snare, Clap und HiHat in ihrem Grundklang noch verändert werden. Damit das Gerät die SD mit den persönlichen Einstellungen ausliest, muss der Setting-Schalter oben rechts in der Position „User“ stehen. Geplant ist die Einrichtung eines Pioneer-Download-Bereichs, über den ein reger Austausch der „User“-Settings inklusive Samples erfolgen soll. Bereits angekündigt auch solche prominenter Vertreter wie den Chuckie oder Laidback Luke.

Erst richtig zur Waffe wird der Drum & Sample-Bereich jedoch erst dank des X-Pad-Streifens. Übernommen und verfeinert vom DJM-900 Nexus unterteilt sich dieses nun in fünf Touch-Bereiche, über die in den Taktabstufungen 1/8, ¼, 1/2, 1/1 bis 2/1 per Fingerstreich die einzelnen Drum & Sample-Instrumente „On-the-fly“ eingespielt und wieder gelöscht werden. Das ganze vollzieht sich derart flott und mit keinesfalls immer genauso geplanten, aber stets atemberaubenden Drum-Loop-Ergebnissen, dass ich mir erstmals wünschte, Pioneer möge einen eigenen Drumcomputer konstruieren. Denn damit hätten sie auch die Möglichkeit, einige Unzulänglichkeiten auszumerzen.
So unterscheidet die X-Pad-Drums-Sektion leider nicht zwischen Aufnahme- und Playmodus. Sie bleibt mit Drücken der „Overdub“-Aufnahmetaste immer scharf. So lassen sich zwar in Windeseile die sensationellsten Techno- und vor allem Electro-Loops erstellen, Trommel-Wirbel einfügen, auch Instrumente komplett stummschalten. Verlässt man jedoch den „Overdub“-Modus, ist der Loop auf ewig verloren. Einzige Option: Das X-Pad gibt, wie alle anderen Bedienelemente auch, MIDI-Signale als Note On oder Control Change auf und lässt sich somit als externe Spur aufnehmen. Neben den vier Drum-Bänken verfügt der Effektor dann noch über den Button „Roll“. Die Bezeichnung ist zunächst eventuell irreführend, denn hierüber wird kein Wirbel im traditionellen Sinne erzeugt. Vielmehr wird das über den Eingang zugeführte Musiksignal gesampelt, geloopt und kann über das X-Pad in der Beatlänge variiert werden. Wirbel im klassischen Sinne lassen sich über anhaltenden Druck auf eben die X-Pad-Bereiche auslösen und mittels „Hold“ einfrieren. Wer Panik hat, die Loops könnten sich außerhalb des Grundtakts bewegen, sei beruhigt: Die Auto BPM-Funktion analysiert den BPM-Wert wirklich rasend schnell und korrekt, weiterhin lassen sich die Schleifen mittels „Quantize“-Button zur Grundgeschwindigkeit synchronisieren und dank “Nudge“ im Raster verschieben. Sehr schön!

Kommen nun zur Effektsektion des RMX-1000. Hier hat man sich im Pionieer-Entwicklerstab ernsthaft Gedanken gemacht und fein auseinander dividiert, welche Auswirklung welcher Effekttyp hat und aus welchem Grund er zur Anwendung kommt. Aus dieser Analyse ergibt sich eine logische Kette aus in diesem Falle drei wesentlichen Sektionen. Zunächst die Effekte, die stark in das Verhalten des zugeführten Klanges eingreifen und es komplett verändern können, zusammengefasst als „Isolate FX“. Dazu gehören die vier Optionen „Isolator“, „Cut/Add“, „Trans/Roll“ und „Gate/Drive“, veränderbar über die drei als Riesen-Potis ausgeführten, Mixer-bekannten Regler Low, Mid und Hi. Ob nun Musiksignal oder X-Pad Drum-Loop oder beides: Die Überbetonung oder völlige Auslöschung bestimmter Klanganteile führt zu wirklich verblüffenden Ergebnissen und teilweise drastischen Veränderungen des Originalsignals. Dank der gigantischen Drehregler lässt sich mit den Veränderungen wirklich sehr feinfühlig spielen und aus einem eher drögen Drumloop ein beständig variiertes, immer wieder neu akzentuiertes Groove-Geschoss generieren.

Folgend wird das Signal in die „Sonne“ geleitet. Diese unterscheidet zwischen jeweils fünf roten „Build Up“- und blauen „Build Down“-Effekten, von denen allerdings, ebenso wie vorher bei den Isolate–Typen, immer nur einer aktiviert werden kann. Der mittig illuminierte Drehregler steuert die Effekttintensität, die beiden kleinen Potis am unteren Rand jeweils die Parameter „Time“ und „Resonance“. Tatsächlich streben die „Build Up“-Typen klanglich ins Helle und die „Build Down“-Gegenparts gen Dunkelheit (am besten hörbar bei den Spiral-Effekten). Auch sind sie von klanglich unzweifelhafter Güte, wenngleich der Stereo-Eindruck mit zunehmendem Effekt ziemlich auf der Strecke bleibt. Insgesamt ist bei mir persönlich ein Aha!-Effekt aber ausgeblieben. Irgendwie fehlt da einerseits der besondere Pfiff. Andererseits drängeln sich speziell Noise und Crush Echo ab Werk zu digital dominant ins Geschehen. Da heißt es: Software-Seitig nochmal nachjustieren. Was aber wirklich Spaß macht, ist der schnelle Wechsel zwischen den roten und blauen Typen – hier spielt die kreisrunde Staffelung ihre Vorteile voll aus.

Das dritte Glied in der Effektkette ist schließlich die Sektion „Release FX“. Als Anhängsel und quasi klanglicher Notausstieg lässt sich mittels zweistufigem Hebelzug ein simulierter „Vinyl Brake“– sowie „Back Spin“-Effekt auslösen, woraufhin das Gesamtsignal erlischt. Allerdings: Welcher DJ wird diese Ausstiegsoptionen im dritten Jahrtausend noch ernsthaft regelmäßig nutzen wollen? Die dritte Möglichkeit „Echo“, woraufhin die letzten Sounds als Echofahne verblassen, geht allerdings völlig in Ordnung.

Was bleibt? Ein grundsätzlich gelungener Eindruck. Denn die Japaner haben überaus viel Intelligenz dabei bewiesen, das Gerät so zu konzipieren, dass es für einen breiten Anwenderkreis von Interesse ist. Denn der RMX-1000 darf keinesfalls nur als ausgefuchster Effektor für den DJ-Live-Betrieb angesehen werden. Er lässt sich dank seiner klangqualitativen Güte ebenso im Studio einsetzen. Dort sogar als Controller wie auch VST/AU-PlugIn nutzen. Ja mittels mitgelieferter „remixbox“-Software sogar Hardware-intern weitreichend editieren. Nur als derartig flexible Hardware-/Software-Symbiose mit bestem Klangverhalten hat ein externes Multieffektgerät im Jahre 2012 überhaupt eine Chance auf Erfolg. Aber auch nur im Profi-Segment. Denn vor allem an dieses ist das fast 700 Euro kostende Werkzeug adressiert. In jedem Falle wirkt der RMX-1000 ungeheuer inspirierend.

Pioneer RMX-1000
Neuartiger Hybrid aus Multieffektgerät, Software-Controller und VST/AU-Plugin
Effektsektionen: Scene FX, Isolator FX, Release FX
Zuschaltbare Touch-Pad Drum & Sample-Sektion
24-bit / 48kHz Audioqualität
Anschlüsse: USB B, Stereo In / Out (Cinch), Stereo Send / Return (Klinke)
SD Card-Slot
Software remixbox inklusive
Preis: 699 Euro
www.pioneerdj.com