Platten des Monats – April 2026 – Alben & Compilations

Alben & Compilations – Platte des Monats

20 Traxx From The Hudd
(Hudd Traxx)
Seit zwei Jahrzehnten hält Eddie Leader mit seinem Hudd Traxx Label in UK das Thema qualitativer und geschmackvoller House auf höchstem Niveau. Zum 20jährigen Jubiläum dropt er 20 Tracks, die Old School mit neuen Herangehensweisen verbinden. Das Line-up ist wahrlich beeindruckend, denn hier trifft sich der soulful House Underground: Chez Damier, DJ Sneak, Oliver Dollar, Tiger Stripes, Groove Armada, Mark Farina, Iron Curtis, Timmy P oder Darius Syrossian sind Heros der allerersten Houseliga. Smooth startet die Zusammenstellung mit deepen Tunes von Black Loops und Tucillo, wobei Chez mit Ben Vedrens „Conspiracies“ feinste US Deepness an den Tag legt. Pianos mit Agnes und das mitreißend perkussive „Hudd House“ von Cinthie sind die nächsten Höhepunkte. Jovonn schwebt mit uns deep, Iron Curts spricht mit seinem Baby und Sneak rattert intensiv im clubbigen House („Ten Times 10“). Mit einer fetten Bassline gibt sich Tiger Stripes zu erkennen und räumt mächtig ab („Touch Me“).  Ein funky St. David, ein furztrockener und monoton groovender Seven Davis Jr., ein gummiartig aufgelegter Mark Farina („Look Around“) und die soulig, Streicher aufgeladenen DFRA & Nick Waever komplettieren eine der schönsten House-Compilations der letzten Jahre. Best Track: Oliver Dollar “SP Beater“. Das crazy! 

Alben & Compilations – Top Ten

apaull
Gunfactor (Furnace Room Rec)
Eines ist dem niederländisch-kanadischen Elektroniker nicht vorzuwerfen: Berechenbarkeit. Sein neues Album ist konzeptionell erneut politisch aufgeladen und Verarbeitet Wut, Angst und Einsamkeit – aber auf eine technoide, vielfältige und kraftvolle Art und Weise. Allein der Opener „Fang Mich“ startet mit Gleichschritt-ähnlichen Drums, melodischen Synths und einer gewissen Eindringlichkeit. „King Dome“ baut Spannung auf und mutiert zu einem stampfenden Clubber, ehe das groovende „Push The Button“ mit 80er Percs, 8-Bit Beats, sphärischen Pads im Hintergrund, wirren Vocals und etwas Funk komplett freidreht. Bei „Veilig“ wird’s dann etwas synthpoppiger, bei „Finishing School“ etwas industrieller. Der Titeltrack ist ein wirres Tech-House-Highlight, ehe uns „Cartel“ bei deutlich höherer Schlagzahl bouncen lässt. „True Though“ und „Payload“ führen dieses schöne Chaos fort, ehe das dystopische „Altamont“ und drei gelungene Remixe (Junior Sanchez, Pyrame, Christian Smith) die Reise beenden. 08/10 scharsigo

Arkham Audio 6 Years Various
(Arkham Audio)
Zur Geburtstagscompilation von Arkham Audio liefern uns zwölf Artists zwölf kraftvolle Tracks bzw. elf, denn „Space Patrol“ von PRSPCTV aka XENTRIX gibt’s sowohl als „4×4 Edit“ als auch im „Break Edit“. Ihr dürft euch auf deepen, treibenden Techno für Peaktime und After Hour freuen. Los geht’s mit Alexander Kowalksis „Electric Dust“, dessen hypnotische Untergrundnote direkt den Ton angibt. Das starke „Cyanure“ von Cri Du Coeur erhöht den Druck mit sägenden Basslines und großartigen Synths. DJ Dextro erhöht die BPM und lässt in „Figuras Repestres“ Acid-Lines fliegen, während „Structural Damage“ von Ever-L sphärischer und „Flute & Sahara“ von Herton dystopisch daherkommen. Meine beiden Highlights sind „Worship The Groove“ von Insolate der seinem Titel alle Ehre macht und „Araey“ von J. Blofeld, der Hats und Synth komplett freischwingen lässt. Auch die weiteren Nummern von Non Reversible, Pascal Hetzel und Steve Redhead bestechen durch ihre deepe, durckvolle Energie. 08/10 scharsigo

BORGBORG
Loveletter (About Repetition)
Die Düsseldorfer DJ und Produzentin BORGBORG veröffentlicht mit „Loveletter“ ihr erstes Soloalbum auf dem von ihr mitgegründeten Label About Repetition. Die neun Stücke, angesiedelt im Spannungsfeld von introspektiver Electronica, Ambient und Drone-Musik, entfalten ihre individuellen Dynamiken dabei auf verschiedenste Art und Weise, was die Hörerschaft mit einem großen Spektrum an Entdeckungsmöglichkeiten belohnt. „Photinia“, „The Current“ und „One, All“ setzen den Ton, lassen sich Zeit und nehmen sich Raum zwischen den vielen fragilen Sound-Strukturen, die bei jedem Notenanschlag aufs Neue zirkulieren zu scheinen. Die langen Stücke „An Enigma (Wrapped In A Puzzle)“ und „Aerial View At Night, Looking Northwest“ tauchen noch tiefer in Drone und Ambient ein. Flächen ziehen sich endlos, kleine Klangveränderungen sorgen für Spannung. An der Remix-Front interpretieren Irakli, LADA und Fractal Void ausgewählte Stücke neu und geben dem ohnehin schon facettenreichen Material einen zusätzlichen, polymorphen Anstrich. Was am Ende bleibt, ist ein eine fordernde und hochkonzentrierte Klangreise, die zwar Geduld verlangt, aber genau draus seine Wirkung zieht. 9 Laenkford

Dante
New Places (Ditto, Diggersfactory)
Das dritte Studioalbum von Dante entwickelt seinen Sound weiter bzw. zeigt sich im Gegensatz zu seinen Vorgängern stark geprägt von London, wo das Album entstanden ist. Bestückt mit urbanen Texturen und treibenden Rhythmen, die eine düstere, aber lebendige Stadterfahrung zwischen Winterdepression und Frühjahrseuphorie skizzieren. Bestes Beispiel dafür ist der Opener „Initiate“ mit Fred again’schen Vocal-Schnipseln und cluborientierten, treibenden Beats. „Choices“ und Titeltrack folgen dann mit Breaks Liquid DnB, während sich „Feel Me“ als waschechter Peaktime-Raver entpuppt. Zu weiteren Highlights der insgesamt zwölf Nummern gehören für mich der futuristische UK-Garage-Track „Flashbacks“ mit Rap-Parts und sehr coolen Synthlines sowie der Bass-Piano-House-Hybrid „Primerose Hill“, der das Ganze abrundet. 08/10 scharsigo

House Of House
(Heist Recordings)
Mit insgesamt 20 Tracks von Künstlern wie DJ Sneak, Dam Swindle, Kerry Chandler oder auch Life On Planets feiert Heist Recordings sich selbst und das 100. Release des Labels. Mit diesem Release will Heist den Geist des Labels nochmal deutlicher machen, nämlich „ein Zuhause für House Fans sein, die der Clubmusik Soul verleihen, egal ob sie legendär sind oder nicht“. Und das ist auch die Message eines jeden einzelnen Tracks der LP. Zu erwähnen ist auf jeden Fall „Kerriousity“ von Kerry Chandler, in dem einfach ein deeper, souliger House entspannt vor sich hin flufft. Oder auch „U Gotta Believe“ von Cinthie in dem ein toller Synthiesample, leicht discolike, durch den Track führt und sich von klassischen House Vocals begleiten lässt. Aber auch der antreibend, flotte „After Sax“ von Lolu Menayed, in dem sich zwar chordige Elemente eher deep angehen, aber ungeschliffene Beats und prasselnde Percussions für eher roughen Drive sorgen. Das ist in Summe eine perfekte Compilation für alle Houser die gerne ein bisschen Herz und Seele im House haben. 10Rusty.

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JJ Selects
Selects 01 (Theroomintheback)
Mit seinem Debut konzentriert sich der ehemals unter Tracy Pearl oder Tracy Unknown firmierende JJ auf Grooves und Atmosphäre. Dabei streift er frühere Raveerfahrungen mit Breaksbeats („Breakdown“ – fetter Beat, „Encounter“) – die modernen Samples unterstreichen die ambitionierte Vorgehensweise. Trippige, sehr flüssige Elemente geben dem Album eine immersive Qualität. Natürlich ist JJ Dance-ready, dennoch sind seine Stücke stripped-back und eher minimal gestaltet mit dem Hang zum heavy Lifting. „Jacks In“ bewegt sich jackend auf Acid in psychedelische Welten, während „Rotunda“ im klassischen Dub Feel unterwegs ist. „Selects 01“ vermittelt insgesamt einen kohäsiven Eindruck, der introspektive Momente für Lounge und Club gleichermaßen beinhaltet. Tipp: Das housig rollende „Tome“ für die ge-chillten Pre-Set Stunde und das a la James Brown funky breakende „Waiting 4U“. 9 Cars10.Becker

Ladytron
Paradises (Nettwerk Music)

Nach dem hochgelobten „Time’s Arrow“ aus dem Jahr 2023 kehren Ladytron nun mit ihrem 8.Studioalbum und insgesamt 16 neuen Tracks zurück. Ihre Anhänger dürfen sich auf eine verträumte, ätherische Platte freuen, mit einer dichten Synth-Atmo, meist reduzierter Schlagzahl und vielerlei melodisch-melancholischer Effekte. Los geht’s mit „I Believe In You“, einem Opener, der bereits dreamy daherkommt, während Folgetrack „In Blood“ noch entspannter und cineastischer erscheint. Mal groovy wie „Kingdom Undersea“, mal treibender wie „I See Red“, mal hypnotischer Elektro wie in „A Death In London“ – langweilig wird es hier nie. Wer Synthies liebt kommt ohnehin auf seine Kosten, vor allem bei Tracks wie „Metaphysica“ oder dem orgeligen „Heatwave“. Für den Abschluss „ For A Life In London“ werden dann noch einmal wunderschöne Klanglandschaften ausgepackt. 08/10 scharsigo

Mathias Kaden
Three Decades (Rekids)
„Dies ist keine Retrospektive, sondern ein Statement. Es repräsentiert, wer ich als DJ bin – damals, heute und immer.“ Mathias Kaden feiert sein 30-jähriges DJ-Jubiläum mit seinem dritten Longplayer „Three Decades“. Und wie hier erwähnt, geht der Blick nicht zurück, sondern er liefert das, was seit Jahren sein Mantra ist: Housemusik, zeitlos und unabhängig von Trends. Die Tracks hätten auch vor zehn Jahren veröffentlicht werden können – oder in zehn Jahren. Los geht es mit einem Intro, einer Danksagung/Verneigung, bevor dann die Beats losrollen. Und „Keep Balance“ zeigt direkt, wo es langgeht. Mit fetten Bässen, treibenden Drums und gut akzentuiert eingesetzten Vocal-Fragmenten. Es folgt „I Got You“ feat. Cassy – einer von zwei Collab-Tracks auf dem Album –, als Track voller Emotion und Wärme. „Getting Closer“ mit einer kleinen Tempoverschärfung und leichten Touch seines Dub-Alias Mathimidori, während „Inner Signal“ sehr elegant einen schwingenden Electro-Ausflug unternimmt. „Next Wave“ zieht das Tempo wieder an, getrieben von Bassline, Drums und Hihat geht es hier auf den Rave, wo sich auch das dunkle „Shelter“ wiederfindet und wohlfühlt. „Viral“ kommt knochentrocken, rau und mit fetten Stabs, während das finale „Fyutr“, eine Collab mit Sängerin Zoë Xenia, einen melodischen und deepen Abschluss bildet. 10 Tech Guardiola

Squarepusher
Kammerkonzert (Warp Records)
Seit über drei Jahrzehnten füttert uns Tom Jenkinson alias Squarepusher mit seinen Sound-Abenteuern zwischen Rave, Experimental, Drum’n’Bass, Elektro, Acid und Breakbeat. „Kammerkonzert“ ist sein 16. Studioalbum, auf dem er sich mal wieder selbst übertrifft und das sich jeder Schublade entzieht. Alle Parts hat er hier selbst eingespielt und zu einem schwindelerregenden Gesamtbild zusammengefügt. Orchestrale Themen treffen auf elektronische Fragmente und experimentelle Texturen, Regeln und Gewohnheit werden hier gebrochen, das Zuhören hält wach, fordert Aufmerksamkeit, betäubt aber auch mal die Sinne. Es ist wie ein Feuerwerk, das einem um die Ohren fliegt und staunend zurücklässt – grell, bunt, laut und manchmal erschreckend. Hier werden die französische Band Magam ebenso wie Soundtrack-Maestro Ennio Morricone oder Karlheinz Stockhausen zitiert. Bei aller Forderung macht „Kammermusik” dabei mehr Spaß, als man erwarten würde. 9 Acid Hasselhoff

Tiga
Hotlife (Turbo Recordings)

In Zusammenarbeit mit Boys Noize, Matthew Dear, Fcukers, MRD, Gesloten Cirkel, Paranoid London, Maara sowie seinen neuen Studio-Buddies aus seiner Heimatstadt Montreal, Priori und Patrick Holland, präsentiert sich die Elektro-Ikone nach längerem Kampf mit einer neurologischen Erkrankung auf „HotLife“ so zurück wie schon lange nicht mehr. Los geht’s mit der groovigen Hit-Single „Hot Wife“ und ihrem jetzt schon ohrwurmtauglichen und repetitiven Beat aus Vocals und Drums. Das anschließende „Iamwhatiam“ lässt die Synths wild tanzen während „Silk Scarf“, während der zu deepen Rhythmen gemeinsam mit den Durchstartern Fcukers Seide fröhnt. Bei „Friction“ geht’s dann etwas treibender und futuristischer zu. Mein persönliches Highlight ist aber die Synthpop-Nummer „Ecstasy Surrounds Me“, mit der Tiga sein Album abrundet.12 Songs. 60 Minuten. Auf den Punkt! 08/10 scharsigo


Aus dem FAZEmag 170/04.2026