Alben & Compilations – Platte des Monats
DJ Hell
Neoclash (International Deejay Gigolo Records)
Electroclash ist nicht nur back, sondern auch hier, um zu bleiben. Italo Disco, Indie Dance, Acid und Detroit Techno reichen sich die Hand – nur um ohne schüchtern zu sein, Einflüsse aus Punk, New Wave oder Pop mit in die Schale zu schmettern. Schon der Opener „Bang the Box“ setzt kompromisslos auf direkte Clubenergie, während mit „It’s no way back“, „Planet Earth“ und „W.T.F.“ gleich drei klassische Techno-Strukturen folgen, die mit spacigen Synths, groovendem Acid-Drive oder temporeichen Breaks die LP weiter vorantreiben. Meine beiden Highlights sind allerdings das düstere Elektro-Brett „Medussa“ sowie das sägende Cyberpunk-Brett „Why?“ mit Joyce Muniz. Wir feiern hier ein Album, das seinem Namen mehr als gerecht wird. Kleine 1980er Easter Eggs treffen auf pulsierende Klänge der Zukunft. Ein gelungener Spagat zwischen Underground und Zeitgeist, der Bock auf mehr macht! 10/10 scharsigo
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Alben & Compilations – Top Ten
Extrawelt
Dystortion (Cocoon)
Das fünfte Album der deutschen Dauerbrenner kann durchaus als ihr bisher vielfältigstes Album bezeichnet werden. Allein der Eröffnungstitel „Grand Départ“, lädt bereits mit einem teasernden Bass ein, der irgendwann mit plötzlich auftretenden Gruselorgeln überrascht, als warte hinter der Schlosstür Bowser von Super Mario World (seltsame Referenz, aber wer’s kennt, der kennt’s). „Clapland“ mit Jimi Jules versprüht eine treibende Positivität, während der Albumtrack wie Soundtrack einer Dystopie sein könnte (daher evtl. das Wortspiel?). Insgesamt schlagen Tracks wie „Surrounded By Miracles“, „Hope Sounds Good“ oder „Sir Stringalot“ eher sanftere Töne an, die aber trotzdem wie der Deckel zum Topf der dunkleren und futuristischeren Nummern, wie z. B. „der Agent“ oder „die Hatz“, wirken. Mit einer stets vorhandenen Techno-Tension durchzogen überzeugt DYSTORTION als reife und kompakte Reise. Mein groovendes Acid-Highlight: „¡No Pasaran“! 08/10 scharsigo
Felix Raphael
Do You ([PIAS] Électronique)
Der Berliner Live-Künstler, Produzent und Sänger Felix Raphael veröffentlicht sein neues Album „Do You“, das 16 Titel umfasst und das sich intensiv dem Thema Mental Health widmet – sowohl als allgemeines Anliegen als auch aus Felix‘ persönlicher Perspektive als Musiker und Sozialarbeiter. Die zentrale Botschaft des Albums: sich weniger mit anderen vergleichen, eigene Schwächen annehmen, Verletzlichkeit zeigen und sich aktiv um psychische Gesundheit kümmern – durch Therapie, offene Kommunikation und Akzeptanz gegenüber sich selbst und anderen. Felix Raphael möchte Menschen und ihre Geschichten innerhalb und außerhalb der Musikindustrie erreichen. Musikalisch verbindet Raphael gekonnt seine warme Stimme mit melodischem, organischem House und Indie-Folk-Elementen, zwischen Euphorie und Melancholie, sehr intensiv und überbordend. Das speziell für Live-Auftritte konzipierte Album zeigt ihn an Gitarre, Klavier, Synthesizer und Flügelhorn, das er sich eigens dafür beigebracht hat. Trotz ernster Themen wie Branchendruck, Erfolg und Misserfolg ist „DO YOU“ letztlich ein positives Werk, das die wahre Freude an der Kreativität feiert. 9 Synthie Lauper
Jazzanova
In Between (Deluxe Edition, Revisited, Remixes) (Sonar Kollektiv)
Mit einem umfangreichen, mehrfachen Release feiert Jazzanova das Debütalbum „In Between“ aus dem Jahr 2002. Neben einem Re-Release des Albums gibt es eine Deluxe Edition, die eine Single Collection aus der Zeit vor dem Album beinhaltet und auch die 2003 veröffentlichten Remixe, bei denen vor allem die von Stereolab, DJ DSL und dem Kyoto Jazz Massive hervorstechen. Der eigentliche Clou ist das „Revisited“ betitelte Live-Album, was mit viel Liebe im „Little Big Beat Studio“ aufgenommen wurde und die Stücke mit viel Respekt vor dem Original ins Jahr 2025 transportiert – „mit neuem Atem“, wie Jazzanova selber sagen. Bei den insgesamt elf Remixen ging es um Produzenten, die sich mit der Musik von Jazzanova verbunden fühlen und zwar in jeglicher Richtung. Herausragend sind vor allem die beiden Interpretationen von „Another new day“ von den Jacana People sowie eine überlange von dem Südafrikaner Kid Fonque. 9 Dirk Domin
HEALTH
Conflict DLC (Loma Vista Recordings / Universal)
HEALTH machen auf ihrem neuen Album keine Gefangenen. Eine kurze Review reicht eigentlich nicht aus, um die Vielfalt zu beschreiben, die hier im Detail steckt. Wenn die Band sich aber selbst auf Ministry, Rammstein oder Black Sabbath bezieht, mit Produzenten von Knocked Loose zusammenarbeitet und Singles wie den wütenden „Vibe Cop“ mit Willie Adler von Lamb of God droppt, ist klar, wohin die Reise geht. Es wird dunkel, hart und wuchtig. Vom mit Acid-Techno inspirierten „Burn The Candles“, über den groovenden „Shred Envy“ bis zum sphärischen Thought Leader. Gleichzeitig mischen immer wieder diese treibenden und düsteren Synthpop-Momente wie in „Trash Decade“ ein. Sogar Pop- und Ambient-Elemente finden zwischen all den Breakdowns, schweren Gitarren und hypnotischen Vocals Platz. Mein Highlight aber ist der Opener: „Ordinary Loss“, der nach kurzem emotionalem Einstieg sofort mit unerbittlichen Metal-Riffs und schwingenden Basslines loslegt, um am Ende mit Industrial-Screams einen weiteren Höhepunkt zu setzen. 09/10 scharsigo
Kraak & Smaak
Velvet Seas (Boogie Angst)
Das siebte Studioalbum der Niederländer präsentiert sich als bemerkenswert vielschichtiges Album mit klarer Handschrift des Trios: Funk, Psychedelia und elektronische Verspieltheit. Bereits die funkigen Gitarrenriffs und das groovige Grundgerüst von Tracks wie „Herbs & Wine“ oder das psychedelische, fast schon tranceartige „Nothing Is Forever“ setzen einen klaren Fokus auf sanfte Melancholie und experimentierfreudige Struktur. Umso spannender sind die genreübergreifenden Grenzgänger. „Isn’t It Strange“ begeistert z. B. als entspannter Sommer-Track mit hohem Ohrwurm-Potenzial, während „Morning Reverie“ mit seinen sonnendurchfluteten Klängen Energie ins Album pusht. „Velvet Seas“ ist ein gereiftes Statement jenseits reiner Tanzflächenmusik, das die musikalischen Wurzeln und die kreative Weiterentwicklung von Kraak & Smaak sehr unterhaltsam und homogen abbildet. 08/10 scharsigo
Malcolm Pardon
Flesh and Bones (The New Black)
Tolle Ambient-Platte aus Schweden von Malcolm Pardon. Mit „Flesh & Bones“ vollzieht Malcolm Pardon einen markanten Schritt weg von seinem bisherigen pianozentrierten Sound – und hinein in eine tiefere, düsterere Klangwelt, die fast vollständig auf Textur, Raum und Stimmung baut. Entstanden aus einer langen Live-Improvisation für eine Ausstellung in Uppsala, wirken die Stücke wie Fragmente eines einzigen, unruhig atmenden Organismus. „Hidden Path“ eröffnet mit schweren, höhlenartigen Tiefen und einer unterschwelligen Spannung, die sich langsam verdichtet. Kein Rhythmus, kein klarer Halt – nur ein stetiges Grollen, das auf die eigene Wahrnehmung drückt. „Under Over“ fühlt sich dagegen wie ein langsames Aufblühen an: schwebende Synth-Flächen, die sich behutsam übereinanderlegen und Licht durch die Risse lassen. Ein Kernmoment des Albums ist „Speaking In Tongues“ – ein hypnotischer Zweiklang, der sich wie ein verstimmtes Gebet wiederholt und dabei immer tiefer ins Innere zieht. Hier zeigt sich Pardons Talent für atmosphärisches Storytelling besonders deutlich: reduziert, aber emotional aufgeladen. Ein düsteres, eindringliches Werk, das sich Zeit nimmt und genau dadurch seine Kraft entfaltet. 10 Laenkford
Oliver Dollar
Contemporary (Rekids)
Nach vier EPs auf dem Label von Radio Slave und unzähligen Kollabos mit Künstlern wie Louie Vega, Honey Dijon oder Dam Swindle veröffentlicht Oliver Dollar auf Rekids seinen neuen Langspieler. Dabei steht Contemporary für den Sound, den er momentan auflegt: Deepe Tunes und jackende Booty Banger. Daran gemessen startet er sehr warm und soulig mit Nils Ohrmann („The New Is Here“). Danach geht es dann gleich in die Vollen: Druckvoller, deeper House, der sich gekonnt seinen Weg auf und über den Dancefloor bahnt („Downtown“) und einen Jazz-infizierten Groove inmitten gesprochener Monologe offenbart. Es folgen Hits wie das soulfulle „Ought To Be Love“ sowie der Deep House Titel des Jahres “”What You Gonna Do” – Gänsehautfaktor hoch 10 – MEGA!!! Und so setzen sich die deepen Housemomente über die weiteren Titel auf allerhöchstem qualitativem Niveau weiter fort, dass man vor Glückseeligkeit heulen könnte („Before You“, „Portamento Track“). Ab der Mitte jackt der Sound auch schon mal („Speakers Blend“ mit Seven Davis Jr oder „Pill Popper“ mit Brillstein) oder bangt heavy („“Funky Brewster“). Das pumpende, soulig cool swingende „Funked Up“ rundet das Housealbum des Jahres ab! Danke! 10 Cars10.Becker
Skatman
Selected Bangers (International Deejay Gigolo Records)
Mit dem Namen „Selected Bangers“ und einem selbstbetitelten „album of the year“ strotzen Produzent Skatman und DJ Hells ikonisches Label International Deejay Gigolo Records nur so vor Selbstbewusstsein. Die LP soll den Beginn einer neuen Ära bei Gigolo Records markieren, eingeläutet von Aziz Haddad aus Tunesien: Der als Skatman bekannte und in Berlin beheimatete Künstler verkörpert technische Präzision und einen kompromisslose Club-Sounds, die er nun auf zehn elektrisierenden Tracks zum Ausdruck bringt. Skatman pfeift dabei getrost auf Genre-Konventionen und passt somit perfekt in den Gigolo-Records-Kosmos, dessen Klang ja sowieso noch nie zu greifen war. Und so fließen auf „Selected Bangers“ klassischer House, 80s Synth-Pop, Techno und hypnotischer Boom-Bap zu einem sorgfältig in Etappen kuratieren Gesamtkunstwerk zusammen, das große Töne offenbar nicht nur spucken, sondern auch überzeugend auf den Punkt bringt. Egal ob wütende Electro-Synths („Assim“), Detroit-Dub-Techno („Hypnotizing“) oder perkussiv aufgeladener Progressive-House („Choose Your Destiny“), auf dieser Platte wird man fündig. Wo und wie bleibt einem dabei selbst überlassen. 10 Laenkford
Sniper Mode
Riot Gear (Turbo Recordings)
Gregor Tresher markiert eine unterhaltsame Rückkehr zu seinem früheren Alias und liefert eine kraftvolle Symbiose aus klassischem Electro und zeitgenössischem Techno ab. Der Opener „Full Circle“ stößt das Tor mit eindringlichen Beats und detailreichen Synths auf, während „Blinded By The Dark“ mit Dave Clarke durch kompromisslosen Drive und dirty Drops Drops besticht. Titel wie „Riot Gear“ und „Echoes From A Wasted Land“ (mit Exzakt) transportieren das klassische Electro-Spannungsfeld zwischen Funktionalität und Experiment. In „Sanctuary Of Vices“ mit Jay Denham verschmelzen Vocals und pumpende Basslines zu einem mitreißenden Hybrid zwischen Detroit und European Electro. „The Hooded Figure“ bringt eine düstere, fast cineastische Stimmung ins Album, bevor „Modesty Is A Virtue“ mit Perel das Klangspektrum um melancholische Vocals erweitert. Mein Highlight ist allerdings das düster-futuristische „It Doesn’t Matter If We All Die“, das atmosphärisch dicht und gleichzeitig energetisch daherkommt. 08/10 scharsigo
Victor Le Masne
Ravel Recomposed (Deutsche Grammophon)
Anlässlich des 150. Geburtstags von Maurice Ravel, einem der größten Komponisten Frankreichs, präsentiert die Deutsche Grammophon eine neue Folge der legendären „Recomposed“-Reihe. Dessen Landsmann Victor Le Masne, der im letzten Jahr musikalischer Leiter der Olympischen und Paralympischen Spiele 2024 in Paris war, widmet sich der Rekomposition. Ravel begleitet Le Masne seit seiner Kindheit, mit seinem „Recomposed“-Beitrag schlägt er eine Brücke zwischen Tradition und Gegenwart und verbindet hier Klassik, Jazz mit dem French Touch. Dabei hat er sich für seine Neuinterpretationen von „Boléro“, „Jeux d’eau“, „Le jardin féerique“ sowie Auszügen aus „Daphnis et Chloé“, „L’enfant et les sortilèges“ und dem Streichquartett Unterstützung geholt von Christine and the Queens (Texte, Gesang), Julius Asal (Klavier) und Camille Thomas (Cello). Und das wirkt im Paket auch sehr überzeugend, sehr elegant, verspielt, strahlend, abwechslungsreich, opulent, aber auch dezent und unaufdringlich. Höhepunkt ist sicherlich die „Bolero“-Interpretation mit Vocals und einem improvisierten Text von Christine and the Queens. 9 Ludwig van Beathoven
Aus dem FAZEmag 166/12.2025