Alben & Compilations – Platte des Monats
Anthony Rother
Exit Utopia (3mulator Boy)
Die Frankfurter Elektro-Ikone führt den Siegeszug seines Labels 3mulator Boy mit diesem zweiten Album-Release ohne Probleme fort. Einmal mehr fliegt uns hier sein selbsternannter Technobeat-Electro um die Ohren. Nach einem kurzen Einstieg landen wir direkt bei „Manitou“, einem meiner Highlights – samt düstererem Club-Vibe und stampfenden Breaks. „Layers Of Emotions“ folgt dann deutlich reduzierter, mit verträumten Arpeggios und Vocal-Schnipseln, die an Loveparade und Mayday erinnern. Nach dem dystopisch-minimalistischen „Ratherdreams“, dem futuristischen „3mulator Boy“ und den beiden sphärischen Dub-Roboterhymnen „If Your World Goes Down“ und „The Voice Of Silence“ folgt mit „Iron On Iron“ ein Track, der eigentlich ein Lückenfüller sein könnte, sich aber als kleine Computerdisco-Perle entpuppt. „Slave To The Machine“ stellt dann auf Rother’sche Art einmal mehr Mensch und Technologie gegenüber, ehe uns das Electroclash-Brett „God Machine“ auf nostalgische Weise aus dem Album führt. „Come with me, I take you to a special place“ – word! 10/10 scharsigo
Alben & Compilations – Top Ten
15 Years Of Butter Sessions
(Butter Sessions)
Das australische Label um Corey Kikos und Maryos Syawish alias Sleep D präsentieren einen umfangreichen Label-Sampler, randvoll mit guten Tracks, anlässlich des 15-jährigen Bestehens. Aufgeteilt in insgesamt drei Platten vereint das Label Beiträge internationaler Künstler, die für erstklassige elektronische Musik einstehen. Disc 1 umfasst dabei sieben Tracks, die vom japanischen Klangkünstler Kuniyuki eröffnet werden. Sein Remix des Sleep D Tracks „2015“ setzt auf räumliche Tiefenstaffelung und perkussive Hypnose. Das anschließende „Undulate“ gibt sich als zerstreuter Techno, während der australische Hasvat Informant das erste Highlight der Compilation einläutet. Weitere Schwerkaräter finden sich auf der B-Seite mit den Titeln „Survival Guide“, wo 90er Big Beat auf Drogenrausch trifft, und einer Kollaboration vom aufstrebenden Alex Albrecht und Sean La’Brooy, denen mit ihrem himmlisch-schwebenden „Backseat“ zweifelsfrei der Track der Trilogie gelingt. Disc 2 ist mit sechs Stücken besetzt, die zu Beginn mit kosmischen Klangteppichen aus dem Hause Rings Around Saturn an die verträumte Note anknüpfen, ehe der japanische DJ Gonno mit seiner Kombination aus Freestyle und Techno auf pure Ekstase setzt und das Ausrufezeichen der Platte markiert. Disc 3 beginnt mit einem experimentellen Psy-Track („Willoughby“) und beinhaltet im Verlauf auch hervorragenden Dub-Techno („Sleeper“), House („Eventide“), EPM („Yukimushi“) und schließt in ausgelassener Rave-Manier mit adrenalingeladenem Gesang („Step On It“). 10 Master J
Avaion
To Make People Happy (Sony Music)
Clubmusik als emotionaler Erfahrungsraum. Schon „Way You Smile“ legt mit schwerelosen Vocals und einem federnden, aber druckvollen Beat fest, dass es hier um Katharsis im 4/4-Takt geht. „Colors“ knüpft daran an und vertieft die melodische Seite. Seine stärksten Momente erreicht das Album, wenn Avaion seine Klangwelt öffnet: „Wacuka“ mit Sofiya Nzau verbindet globale Club-Ästhetik und spirituelle Anmutung, während „Can’t Find You“ mit Oskar med K brüchige Nähe und Festivalpathos verschraubt. „Slowly“ mit Rani schaltet dann einen Gang herunter, inszeniert Intimität mit halbiertem Tempo und behutsamer Dynamik. In der Schlussphase mit Tracks wie „Berlin“, „Healing“ und „Beginnings“ wird aus der Tracklist ein Narrativ: Nachbilder einer langen Nacht, die in warmes, melancholisches Licht getaucht sind. Wer Artists wie Fred again.., BUNT. oder nimino feiert, dürfte auch hier happy werden. 08/10 scharsigo
Christian Löffler
Until We Meet Again (Kí Records)
Mit „Until We Meet Again“ veröffentlicht Christian Löffler eine Hommage an zwischenmenschliche Bindungen und Begegnungen, die uns formen und geformt haben. Der Longplayer transportiert tiefe Emotionen, die Löffler mit seinem typischen Sound zwischen cineastisch und introspektiv verpackt. Musik, die auf dem Dancefloor wirkt, ebenso wie im Wohnzimmer oder auf dem Kopfhörer. „Begegnungen mit Menschen – manchmal kurz, manchmal scheinbar zufällig, manchmal vom ersten Moment an intensiv – können ein Leben für immer verändern. Die Albumtitel und Texte erzählen von diesen Verflechtungen und bilden die Verbindungspunkte zweier paralleler Erzählstränge, die sich kreuzen und fortsetzen“, erklärt Löffler, der die Tracks – die meisten unterwegs auf Tour – zuerst mit am Klavier entwickelt hat und dann japanische Vintage-Synthies dazugepackt hat. Großen Platz dem Album nimmt auch die schwedische Sängerin Adna ein, die mit ihrer außergewöhnlichen Stimme, sehr intensive Momente kreiert. Das Resultat ist ein sehr stimmungsvolles, oft minimalistisches, aber auch sehr reichhaltiges und warmes Klangbild – ein Album. das umarmt und nachhallt. 9 Pop Guardiola
Decennial Revelry
(Radion)
Zum Zehnjährigen gönnt sich der legendäre Amsterdamer Club eine Zusammenstellung ikonischer Sounds. Die Idee kam initial durch Besucher auf, mit dem Ansatz, Locals Tracks produzieren zu lassen, die den Radion Amsterdam Sound of Techno perfekt verkörpern. Herausgekommen ist eine sagenhafte Zusammenstellung, die eine der besten hinsichtlich qualitativen und animierenden Techno ist. So knallen Flits hypnotisch klöpppelnde Sequenzen aus den Boxen, während Laura van Haal oder wie Christian Vogel anno 1991 im Tesor Signalsalven feuert. Dark und moody (Mayra – „D22“ tolles Dubteil!), jackende Spots (Beau Didies & Beste Hira) oder 144 bpm Techtrommelfeuer (Hashashin) sind weitere Highlights dieser formidablen und herausragenden Compi. Mein Favorit: Das warme „Speed Of Tomorrow“ von Lobster. Absolute Kaufempfehlung! 10 Cars10.Becker
Dream Dance Vol. 97
The Annual (Sony)
Nummer 97! Eine der dienstältesten Compilation-Reihen geht in die 97. Runde. „Dream Dance“. Wie gewohnt hochwertig und sehr sorgfältig kuratiert, versammeln sich auf den drei CDs 66 Tracks mit den angesagtesten Hits aus dem Bereichen Dance und Trance. Durchstarter Avaion ist mit seinem fantastischen „About You“ dabei, Alok & Illenium reisen „To The Moon“, Calvin Harris gibt „Blessings“ zum Besten, Paul Kalkbrenner und Stromae präsentieren ihren Knaller „Que Ce Soit Clair“ und viele weitere großartige Acts wie Chicane, Ferry Corsten, Pulsedriver, Armin van Buuren oder Talla 2XLC liefern hier ihre Beitrage ab und machen „Dream Dance Vol. 97“, was es ist: ein Must-Have für alle Fans elektronischer Musik, die auf dem Dancefloor zu Hause sind! 9 Trance Zimmer
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Exc
Seductive Supervision (About Repetiton)
„Seductive Supervision“ markiert den Auftakt der „exc.directory“-LP-Reihe des Düsseldorfer Labels About Repetition. Die Compilation mit neun Tracks ist konzeptionell, anspruchsvoll und keine Platte, die man mal eben nebenbei hört. Hier wird Schicht um Schicht freigelegt und gekonnt zwischen Faszination und Unbehagen gependelt. Hinter dem Kollektivnamen exc versammeln sich mehrere anonyme Producer, deren gemeinsamer Nenner weniger ein Stil als eine klare Philosophie von Kontrolle, Verführung und Selbstoptimierung ist. Der Einstieg mit „excite“ arbeitet mit flackernden, fast körperlosen Sequenzen, die sich elektrisierend und spannungsgeladen im Raum verteilen. Danach wird es spürbar härter: „exclude“ und „excoriate“ setzen auf mechanische Texturen, fragmentierte Rhythmen und schneidende verfremdete Sounds, die bewusst anecken und keine Wärme anbieten. Sehr wirkungsvoll. Verführerisch wird es dann, wenn „exclusive“ und „excellent“ einen schimmernden, fast eleganten Raum eröffnen – ausgestattet mit technoider Präzision. Zum Abschluss erdet „exclosure“ die Hörerschaft dann mit einer sakralen Ambience und lädt zum Innehalten nach dieser meisterhaften Reizüberflutung ein. Toll. 10 Laenkford
If Music Presents You Need This: World Jazz Grooves Vol. 2
(BBE)
If Music und BBE sind ein Match! Das zeigte sich bereits auf dem Vorgänger sowie auf der nicht minder attraktiven “Deep Jazz”-Reihe. Die beiden Jazz-Archäologen Jean Claude und Victor Kiswell haben erneut acht tollen Perlen aus der Vergangenheit und somit aus dem Ruhestand ans aktuelle Tageslicht verholfen, wobei es zu Beginn breakend und schleppend mit Bass und Bläsern zur Sache geht (Sylvain Kassap). 30 Jahre zurück blicken wir mit Mary Lou Williams, die mit dem gefühlvoll groovenden Pianoslacker „Rosa Mae“ coolen Jazz lebt. Positive Freude ausstrahlende Latinmelodien (Gerado Batiz), virulentes Saxospiel (Kabil El’Zabar), percussive Bass-Flöten-Exkursionen von 1977, die auch Tarantino gefallen würden (John Tchical & Strange Brothers) sind weitere, gelungene Komponenten dieser Compilation. Am Ende dann vom deutschen MPS-Label Albert Mangelsdorf und Friends, die frech experimentieren und alles fließen lassen sowie das mitreißende, 16-minütige „Dakar“ von Dadje, der uns mit auf eine wundervolle Reise durch die Wüste und Beduinenlandschaften nimmt. Tipp: Das Afro-disierende Slo Mo Blackploitation Teil „Third World“ von Cedric Brooks & The Divine Light. Sehr starke Zusammenstellung! 10 Cars10.Becker
The Disco Boys Vol. 25
(WePlay)
Raphael und Gordon aka The Disco Boys sind DJ-Legenden made in Germany. Ihre gleichnamige Compilation-Serie geht in die nächste Runde und es setzt eine Jubiläumsausgabe. Dazu gibt es drei DJ-Mixes der Boys mit den Titeln „The Present“, „The Past und „The Disco Boys“. Auf der letztgenannten CD gibt es dabei eine exklusive Zeitreise durch die Diskografie des DJ-Duos. „The Past“ ist dieses Mal mein Favorit mit immer wieder gern gehörten Klassikern von Salome De Bahia, Andhim, Bob Sinclair, Afro Medusa, Syke ‚N‘ Sugarstarr, DJ Tonka, Lexy & K-Paul oder Sono mit „Keep Control“. Wie immer großartig gemixt gehört diese Dreifach Zusammenstellung in jede Sammlung. Nicht nur in die von Disco Boys Fans. 9 points Housegehverbot
Trance Anthems 2026
(ZYX)
So programmatisch wie immer läutet ZYX das Trance-Jahr 2026 mit dieser 2-CD-Compilation ein, die den Sound der aktuellen Trance-Szene perfekt einfängt. Pulsierende Beats, emotionale Melodien und epische Breakdowns machen diese Sammlung zum Pflichtkauf für alle Trance-Liebhaber. Daber versammelt die Compilation brandaktuelle Trance-Titel und Anthems von internationalen Top-Acts und Szenegrößen wie Paul Oakenfold, Markus Schulz, Paul van Dyk, Giuseppe Ottaviani, Talla 2XLC, Ferry Corsten, Aly & Fila sowie Armin van Buuren und Stücke von eher unbekannten Künstlern wie z.B. Paul Denton, Kinetica, A.R.D.I., Dim3nsion & Kadett, Alan Fullmer & Lyd14 oder Dave Nehen. Eine großartige Doppel-CD. 9 points trancer
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Indira Paganotto
Arte Como Amante (Sony Music)
Mit „Arte Como Amante“ zieht Indira Paganotto ihr Artecore-Universum enger um sich selbst – emotionaler, verspielter und zugleich erstaunlich vielseitig. Der Opener „This Is Artecore“ reißt die Clubtüren mit epischen Chören und psylastigem Groove sofort auf. „Crush“ flirtet mit Progressive-House-Strukturen, bleibt aber düster genug, um nicht auszubrechen. Überraschend zurückgenommen gibt sich „El Mago“, das slow und dubby schiebt. Mein klares Highlight ist „La Patrona“: selbstbewusst, rough, mit DnB-Vibes und MC-Attitüde, die führe es direkt in Londons Underground. Der Titeltrack mit Nile Rodgers funktioniert als Manifest – treibender Techno, lateinamerikanischer Funk und diese ikonische Gitarre als funkelnder Fremdkörper. „Sweet Tempest“ bricht orchestral und fast filmisch mit dem Clubflow, bevor „Warriors“ und „Arrogante“ die BPM wieder hochziehen. Mit dem dunklen Tech-House-Abschluss „Hello I Love You“ endet ein Album, das Techno romantisiert, ohne weichzuspülen – voller kleiner Dramaturgien. Macht Spaß! 08/10 scharsigo
Aus dem FAZEmag 168/02.2026