Platten des Monats – März 2026 – Alben & Compilations

Alben & Compilations – Platte des Monats

Apparat
A Hum Of Maybe (MUTE/[PIAS])

Nach einer kreativen Blockade skizzierte Sascha Ring täglich Songideen, daraus entstand dieses Album voller intimer Klangwelten. Hier trifft analoges Instrumentarium auf subtile Elektronik, atemberaubende Arrangements weben sich aus Fragmenten zu einem schwebenden Ganzen. Besonders „Glimmerine“ fasziniert: zarte Pianos, verzerrte Crescendos und ein Sog aus Stimmen und Percussion, der an Bonobo oder späten Bon Iver erinnert und einen in meditative Tiefen zieht. Der Titelsong „Hum Of Maybe“ manifestiert das Thema mit sirenenhaften Synths, motorischen Drums und einem Refrain, der wie Licht durch Enge bricht. Mit Gästen wie KÁRYYN auf „Tilth“ und Bi-Disc auf „Pieces, Falling“ gewinnt die Platte zusätzliche Tiefe, melancholisch und dringlich zugleich. Ein dezentes, nachhallendes Album, das geduldiges Zuhören belohnt und Apparat als reifen Klangarchitekten manifestiert. 10/10 scharsigo

Alben & Compilations – Top Five

Daniel Avery
Tremor – Midnight Versions (Domino Recordings)

Die Mission: die Nacht-Edition seines vergangenen Albums erschaffen. Dafür hat sich der Brite Alison Mosshart (The Kills0), Walter Schreifels (Quicksand / Rival Schools), bdrmm, Julie Dawson (NewDad), yeule, Ellie, Art School Girlfriend, yunè pinku und Cecile Believe mit an Bord geholt. Cecile Believe befindet sich z. B. auf einem meiner Highlights, der Vorab-Single „Rapture in Blue“, die mit dickem Bass, groovigen Breaks und Untergrund-Vibe punktet. Techno-Track „The Ghost Of Her Smile“ bleibt „da unten“, erhöht aber die Drehzahl deutlich und lässt Julie Dawsons flirty Vocals hinter dominanten Kicks hervorblitzen, ehe uns „Haze“ feinsten Synthwave mit Industrial-Anleihen durch die Ohren pfeffert. Ein Album, das nicht nur verspricht uns in die Nacht zu entführen – es atmet die Nacht. 08/10 scharsigo

Insect O.
Early Reflections (Etui Records)
Etui-Labelhead Oliver Hartmann aus Dresden versammelt auf „Early Reflections“ acht Tracks aus den Jahren 2000 und 2003 unter seinem Pseudonym Insect O. Angesiedelt zwischen dem analogen Groove des Akai MPC2000 und digitaler FM-Synthese, liefert uns das Album tiefe Einblicke in Hartmanns frühe Arbeiten, die damals wie heute zeitlos klingen. Minimalistische Strukturen, repetitive Hypnosis und die warme Kernessenz des Dub Technos fügen sich zu einer gleichermaßen endlos wie immersiven Reise durch Raum und Zeit zusammen. Tracks wie „Yellow Room“ und „New York“ driften unmittelbar ins Melancholische ab, während andere Stücke wiederum angenehm spielerischer daherkommen („Breeze“, „Chroma“). „Deep Blue“, dessen grimmige Dub-Pads aus der Tiefe emporsteigen, markiert das düsterste Kapitel der Platte und ist – wenn ich denn wählen müsste – mein Favorit. Nach diesem durchaus beklemmenden Trip lockern „Out Of The Loop“ und „Sunday Afternoon“ die Stimmung anschließend wieder ein wenig auf und lassen ein Album sanftmütig ausklingen. Perfekt. 10 Laenkford

Nathan Fake
Evoprator (InFiné)

Mit seinem ersten Album auf InFiné präsentiert uns der 42-jährige Brite einen durchweg konsistenten Mix aus analogen Synthesizern und rhythmischen Architekturen, aus Electronica, Ambient und Leftfield-Techno. Bietet „Aiwa“ als Opener zum Beispiel fantastische Klangwelten, wird die Drehzahl beim futuristischen „Hypercube“ sofort erhöht, ehe uns „Yukon“ abermals in sphärische Welten mitnimmt. „Bialystok“ stampft dann mit kinetischer Präzision durch die Boxen, ehe „The Ice House“ einer digitalen Glasharfe gleich und „Sunlight On Saturn“ die sphärische Dramatik eines SciFi-Scores liefert. Mein Highlight aber ist die irrwitzige „Slow Yamaha“, die im Kern funky und tanzbar daherkommt, aber durchtränkt wird mit Effekten, teils schiefen Synthlines und wabernden Basslinien. Fun Fact: Das Ganze wurde auf Fakes altem Cubase-Setup erstellt, Hut ab! 08/10 scharsigo

Tangerine Dream
50 Years Of Phaedra: At The Barbican (Kscope/Edel)

Nostalgiker sollten sich diese moderne Neuinterpretation des Originals von 1974 durch die aktuelle Besetzung um Thorsten Quaeschning, Hoshiko Yamane und Paul Frick ebenso wenig entgehen lassen wie Menschen, die sich an den Sound herantasten möchten. Die erste vollständig quantisierte Live-Version von Phaedra überzeugt mit einer kristallinen Präzision und „driving“-Sequenzen, die den Geist des Originals bewahren, aber gleichzeitig zeitgemäß wirken. Vor allem „Phaedra 2024“ mit seinen majestätischen Mellotron-Tönen, das treibende „Mysterious Semblance“ oder aber auch der neuere, dystopisch-futuristische „Raum“ gefallen mir außerordentlich gut. Untermalt wird das Ganze mit einem enthusiastischen Publikum, dessen Rufe und Klatscher ich ihm zu jeder Sekunde abkaufe. Ein großartiges Album! 09/10 scharsigo

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Tinlicker
Dreams Of The Machine (PIAS)

Das vierte Album von Micha Heyboer, Jordi van Achthoven und Sängerin Hero Baldwin, die neuerdings als festes Mitglied an Bord von Tinlicker bleibt, steckt voller schöner Momente. Ich liebe die Arpeggios in „Dancing In The Dark“, die raumfüllenden Breaks in „Choosing Life“ oder die düster-clubbigen Acid-Lines in „Spirit Of Time“. Ein Gesamtwerk, das deutlich einheitlicher klingt, trotzdem zu keiner Zeit vorhersehbar ist und alle möglichen Stimmungsbilder in sich vereint. Eines meiner Highlights ist dabei „I Want My Freedom“. Der Track besitzt einen Groove, dem man sich nur schwer entziehen kann und behält dabei gleichzeitig eine gewisse Spannung durchweg aufrecht. Könnte ich mir als coolen Opener vorstellen, den das Trio auf seiner Tour ab März in drei deutschen Venues sowie den Schwester-Festivals Hurricane und Southside präsentieren wird! 09/10 scharsigo


 

Aus dem FAZEmag 169/03.2026