Singles & EPs – Platte des Monats
Gojnea76
Dayoung Space (Future Electronics 004)
Der Rumäne Florin Gojnea beschreibt seinen Produktionsstil als ‚Powerhouse‘, ich klassifiziere die vorliegenden vier Tracks eher als ‚Peaktime Techno‘. Aber das sollte dem Hörer der EP egal sein, und den DJs, die das Vinyl spielen, ebenso. Gojneas Vorliebe für Acid-Sprenkler ist genauso spannend wie seine Basement-Style-artige 909-Routine im B2-Track „Tun Tun Tun“. Selbst Tranceflächen wie in „Lima Sunset“ verkommen hier nicht zur bloßen Skills-Show. Alles ergibt einen Sinn bei den vier vorliegenden Tracks, die – nicht unwichtig für die Crowd – pumpen wie Sau. Der Titeltrack auf A1 ist dabei am technoidsten und somit am einfachsten für DJs wie Alarico oder Yanamaste einsetzbar. „Insecurity Check“ auf A2 ist ein Jackin‘ Masterpiece mit Acid-Flavour und großartigem Pianoeinsatz plus troity Strings. Ohne Witz, in jedem Track der EP gibt es so viel zu entdecken, dass ich kaum noch aus dem Schwärmen herauskomme. Klasse Platte. 10 points svenman
Singles & EPs – Top Ten
Biodub
Dialogue (Primary Colours / MOF)
Einen unfassbar geilen Opener liefert uns Biodub auf dem australischen Label Primary Colours. Die Dub-Chords auf dem Titeltrack „Dialogue“ kommen mit einem mächtig-saturierten Drive, der es in sich hat. Den Rest erledigen viele fein akzentuierte Details, deepe Subs und ein warmer Flow, die sich in eine eher House-lastige Grundstruktur einbetten. Auf der A2 „Ubiport“ übernehmen dubbige Sequenzen das Kommando und sorgen für einen spielerischeren, funky angehauchten Vibe. Auch die Nummern auf der Flip sind super. „Grassland“ bringt eine organische Bewegung ins Spiel, leicht federnd, fast schon meditativ und Spaniens Deep-House-Ass Pablo Bolívar nimmt sich „Dialogue“ im Dream Dub Remake vor: dreamy, schwebend und mit Delays, die wie ein feiner Nebel über dem Groove liegen. Exzellente Platte! 10 Laenkford
Chris Liebing
Roy Batty (CLR)
Ende März haut Techno-Urgestein und Schranz-Ikone Chris Liebing sein Album “Revolver“ raus und verzaubert uns vorweg schon mit einem Ohrenschmaus. “Brooks Ave“ und “Roy Batty“ machen jetzt bereits ihre Runde und toben mächtig über die Floors dieser Welt. Während “Roy Batty“ eine Ode an Blade Runner darstellt, schiebt “Brooks Ave“ eine satte und schwungvolle Acidline voran, untermauert von einem derbe grummelnden Bass. Mega Nummer und der klare Favorit hier. “Revolver“ erscheint am 27. März, “Roy Batty“ könnt Ihr Euch jetzt schon gönnen. Starker CLR-Sound garantiert! 9 Michael S
Clipz
2Hi / Heli Dubz (Philly Blunt)
Ganz ehrlich: Ich habe keine Ahnung, wie mir dieses Release im Februar entgehen konnte. Ich meine: Einer der wichtigsten Produzenten aller Zeiten veröffentlicht auf einem der wichtigsten Imprints aller Zeiten – und ich Flasche verpasse das! Clips war zwar nie weg, ist aber mit dieser Doppelsingle sowas von zurück in meiner Wahrnehmung: Hiphop-infizierter JumpUp wie ihn nur das V Recordings Sublabel Philly Blunt herausbringen darf, trifft hier auf die für Clipz typische Produktion, die den roten Bereich immer gezielt mehr als nur streift, und das Pseudonym des Produzenten mehr als offensichtlich wie erklärt. Reduziert bouncend, rollen die beiden Tracks durchs Arrangement, als gäbe es kein Morgen. Und so sehr die aktuelle Weltlage und das zuweilen befürchten lässt, so sehr wünscht man sich, dass dieser komische Planet sich mit derart großartiger Musik noch eine Weile weiterdreht. 10 points Feindsoul
Deep Dish, Nicole Moudaber, Skunk Anansie
Love Someone Else (Factory 93)
Das Original und auch der Remix von Nicole Moudaber, bereits aus dem Jahr 2016, sind perfekt gealtert und klingen auch heute noch fresh. Jetzt haben sich Deep Dish dem Remix angenommen und ihn etwas aufgefrischt. Dabei behalten sie den technoiden Drive, diese düstere Stimmung und das reduzierte Arrangement bei. Die Vocals noch spärlicher, die Synthies plätschern seicht im Hintergrund und Fx-Percussions bringen etwas Füllung ins Geschehen. Das ist eine perfekte Mischung aus Techno, düsteren Sounds und Drive. Sehr geiler Tune. 9Rusty
Echonomist
My Religion (Rekids)
Petros Manganaris kehrt auf Rekids zurück, nach dem klasse Remix für Frankey & Sandrino im letzten Jahr und kollaboriert an dieser Stelle auf der A-Seite mit Oveous. Die beiden kreieren einen höllischen, hypnotisch geloopten Track: Alarmsequenzen und tripped-out Spoken Words erinnern stark an The Horrorist (Oliver Chesler) „One Night In NYC“ aus dem Jahr 2001 mit unheimlichen Geschichten aus dem Houseumfeld. Die Message hier ist eine Huldigung an House und seine Entwicklung auf dem mega groovenden „My Religion“ – absolut fantastische Clubaction; bereits jetzt schon ein Anwärter auf den Track des Jahres!. Psychedelischer und mit verquerten Phrasen versehen, performt „We Surrender“ mit tief rollendem Bass und Claps – sehr energetisch. Auf der Flip arbeitet Petros mit Ede „The Heat“ aus: Dicke Sirenen, große Snares, harte Hits und funky Samplearbeit machen diesen Track zu einem Partystarter. Auf Solopfaden beschließt der Echonomist seine Runde, wenn „Master Groove“ elegant, Drum-bepackt, mit Spoken Word Echoes und einer treibenden Bassline versehen, nochmals höchste Housequalität liefert. Megaplatte, Megaereignis in 2026. 10 Cars10.Becker
Fioretti
From The Vaults Vol. 3 (8bit Records)
Mit der neuesten Veröffentlichung von 8bit Records beweist das Label mit seiner „From The Vaults“-Reihe erneut seine Neigung zu retroartigem House. Der italienische Künstler Fioretti unterstreicht dabei einmal mehr seinen bereits bekannten Funky-House-Sound. Mit den Vocals auf „Philly“ verleiht der Track der EP eine vintageartige Atmosphäre. Auf der zweiten Seite bringt Fioretti mit dem Track „L’été“ zusätzlich einen Oldschool-Touch in seine EP. Alles in allem kann man sagen, dass die „From The Vaults Vol. 3“-EP zu meinen Favoriten zählt: Sie kombiniert Oldschool-Elemente, Vocals und discoartigen House miteinander und ergibt so eine gelungene House-EP, bei der für jede:n etwas dabei ist. 10 Anil
Flying Lotus
Big Mama (Brainfeeder)
„Wie eine Maschine, die den Verstand verloren hat“ – so beschreibt Flying Lotus seine neue EP. Damit liegt er nicht falsch, im positiven Sinne. Quasi während der Schaffenszeit seiner kleinen SciFi-Horrorfilm-Perle „Ash“ – dicke Empfehlung – nutzte er dieses Projekt, um Dampf abzulassen. Dicht gepackt mit unterschiedlichen Sounds, Rhythmen und Effekten präsentiert sich die EP als hyperschnell, energetisch und sehr dynamisch – auf Loops wurde komplett verzichtet. Wer versucht das Ding in eine Schublade zu stecken ist selbst schuld. So entlädt sich „Horse Nuke“ z. B. von cineastischem Ambient hin zu einem Brett aus Bass und Breaks, während „Pink Dream“ klingt, als sei es einem alten SNES entnommen worden. Irgendwo zwischen futuristischem Elektro, 8-Bit-Gemetzel und melodischen Ansätzen landen wir am Ende bei einem fast viertelstündigen Mix, der die EP noch einmal abrundet. 08/10 scharsigo
Justin Harris
Check Your Chains EP (Rek’d)
Der Co-Founder von Music For Freaks macht seine Aufwartung auf Matt Edwards Label. Und die könnte kaum besser ausfallen, allein das Titelstück ist eine wahre Offenbarung: Herrliche Deep House Tunes, die die Crowd mit gustativen Keys, laid-back Grooves und funky gelooptem Hypnotism ins Tanzvergnügen stürzen. Es rollt weiter mit „Who Needs Rescuing“ – balearische Stimmung mit Percussionensatz, während „Jutzjazz“ seinem Namen alle Ehre macht und locker groovenden Jazz-House fabriziert. Abschlussstatement „DJ’s Should Be Heard And Not Seen“: Vokalistischer House mit leichtem Disco-Feel. Eine brilliante Platte, die in jedes Set gehört. 10 Catrs10.Becker
Silat Beksi & Daniel Broesecke
Rhythm Tribe EP (Cosmoz 004)
Der Vivus-Labelhoncho und Anatoliy Antipin haben sich zusammengetan und drei sehr verspielt-deepe Minimal-House-Tracks erschaffen. Vor allem „Mighty Rhythm Tribe“ versprüht den unwiderstehlichen Charme einer Jammin-Session mit ständig neu auftauchenden, überraschenden Sounds, die dem solide groovenden Basic Beat neue Aspekte entlocken. Sehr deep und sommerlich. Einzig B liefert erwartbaren Minimal-Techhouse der rumänischen Schule. Eine klasse EP. 9 Points minimizer
Sven Väth x Wolfgang Haffner
Fusion (Cocoon Recordings)
Der angesehene Jazz-Schlagzeuger und Komponist Wolfgang Haffner bereitet insgesamt drei Klassiker Sven Väths aus der starken Schaffensphase um Ralf Hildenbeutel neu auf. Zu Beginn ist es das 1998 erschienene und titelgebende „Fusion“, das schon bei seiner Erstveröffentlichung auf Virgin sehr rhythmusbetont anmutete, jetzt durch die Linse des Jazz aber noch einmal etwas andere Akzente in der Instrumentierung und Ausgestaltung erkundet, gewissermaßen mellow, ambient und improvisatorisch. Das anschließende „L’Esperanza“ ist identisch in seiner Machart; warme E-Piano-Akkordlandschaften, verspielte Lead-Sounds und swingende Jazzdrum-Pattern wandeln den synthetischen Trance-Klassiker aus dem Jahre 1993 gekonnt in ein charmantes Chill-Out-Abenteuer. Abschließend beeindruckt die Interpretation des 1993er Harthouse-Schwerkaräters „My Name Is Barbarella“ nachhaltig aufgrund seines Filmmusik-ähnlichen Arrangements, der hypnotischen Essenz und seiner organischen Sounds. 09 Master J
Aus dem FAZEmag 169/03.2026