Alben & Compilations – Platte des Monats
Patrik Berg Mensch & Maschine (Exzess) Da ist es also, das lang erwartete Konzeptalbum der Kölner Technoinstitution Patrik Berg. 13 Stücke sind es geworden, die die Symbiose von Mensch und Maschine verdeutlichen wollen und das Gerüst seiner neuartigen Live-Show bilden. Weltpremiere ist am 26. November im Club Bahn Ehrenfeld in Köln und es wird spannend werden zu beobachten, wie Berg seine düstere, cineastische Zukunftsvision umsetzen wird. Musikalisch bietet das Doppel-Vinyl eine homogene Mischung aus geradem Peaktime-Techno und oldschooligen Elektro-Tracks wie dem großartigen „Prometheus“ oder dem trancy-breakigen „Systemkern“. Kein reines Dancefloor-Album, aber alle Tracks werden auf dem Floor funktionieren. Mal zur Peaktime und mal zum Runterkommen. Ich kann es kaum erwarten, das Album live zu erleben. 10 points tseb
Alben & Compilations – Top 5
Felix Reichelt
Another Show (Volume Berlin Records)
In einer Streaming-Welt, in der uns viele Artists nur noch Alben mit bis zu zehn Tracks präsentieren, macht Felix Reichelt einen dankbaren Unterschied. Sein neuer Longplayer liefert 15 neue Songs in Clublänge. Und „Club“ ist ein Begriff, der den Sound treffend umschreibt. Irgendwo zwischen Boris Brejcha’sken Deep Tech, Peaktime-Techno und Tech-House aus dem Untergrund findet Felix Reichelt sein ganz eigenes Tempo. Mal treibende Trance-Einflüsse, mal unerbittliche Acid-Sägen, mal nostalgisch wie in „Speed Of Life“. Aber immer mit ungebrochenem Drang nach vorne, zurückhaltende Kicks gibt es hier nicht. Mit den letzten drei Tracks wird es sogar noch etwas industrieller und dunkler. Hier wird keine Geschichte mit tiefsinnigem Ambiente-Intro und emotionalem Piano-Outro erzählt. Und wenn, dann ist die Geschichte der Besuch im Club, von dem Moment an, in dem sich die Bunker-Tür öffnet und du zwischen Menschen und Beats verschwindest. 9 Scharsigo
HAAi
DIGITiSE (Mute)
HAAi legt mit „DIGITiSE“ den deutlich cluborientierteren Nachfolger zu „HUMANiSE“ vor und nimmt einen dabei direkt mit auf die Tanzfläche. Die zehn Tracks bewegen sich spielerisch zwischen House, Techno, Breaks und Rave-lastigen Sounds, ohne dabei den roten Faden zu verlieren. Besonders schön ist, wie unterschiedlich die einzelnen Stücke funktionieren und sich trotzdem wie ein durchgehendes DJ-Set anfühlen. „Ignition“ kommt mit ordentlich Druck daher, während „I Wanna Feel Like Someone“ die körperliche Seite des Albums betont. Mein persönlicher Favorit ist allerdings ganz klar „DIGITiSE“, das für mich den Kern des Albums perfekt einfängt. Ein vielseitiges und sehr lebendiges Dancefloor-Album, das seine Energie vor allem dann entfaltet, wenn man es laut hört. 9 Anil
NTO
Naked (All Night Long/Believe)
Der französische Producer und Live-Act NTO veröffentlicht mit „Naked“ sein zweites Soloalbum, das er auch als das bisher persönlichste Album tituliert, nachdem er in den letzten Jahren eine herausfordernde Zeit hatte. Es geht um Erinnerungen, Verletzlichkeit, Heilung und Hoffnung, der Albumtitel steht sinnbildlich für eine Öffnung und einen Neuanfang, ohne Maske und unverstellt. Vor allem seine vor einem Jahr gestartete Abstinenz und der Tod seines Vaters haben ihn tief bewegt und die Arbeit an dem Album maßgeblich geprägt, das mit seinen sensiblem Melodic-Techno-Sound mit Progressive-Elementen eine sehr emotionale Ebene besitzt, bei der auch die hier vorhandenen Vocals der Collab-Gäste (Sinego, Mont Rouge, Sailor & I und Romain Garcia) eine große Rolle spielen. Ein für ihn befreiendes Album, das mitreißend ist, melancholisch, voller Emotionen, sanft und umarmend – zwischen nostalgischen Momenten, poetischer Leichtigkeit und zarter Intimität. 9 Terence Trance D’Arby
OSWALD
wir waren hier (Warner)
Die Durchstarter der deutschen Dance-Szene veröffentlichen ihr Debütalbum. In Zeiten von Playlists und Algorithmen ein durchaus charmanter Zug des vierköpfigen Berliner Kollektivs, die ja mit ihren Songs wie „Nachts wach“, „Unendlichkeit“ und „Wie es war“ durchaus auch im Streaming-Bereich Akzente gesetzt haben mit ihrem Signature-Sound aus Melodic Techno, House und emotionalen deutschen Vocals. „Wir waren hier“ umfasst neben bisher acht veröffentlichten Stücken auch fünf neue Songs, der Longplayer ist eine Art Bestandsaufnahme des Bisherigen mit dem Status quo. Die neuen Songs sind „Nie so verliebt“, „Ozean“, „Augenblick“, „Für immer“ sowie der Titeltrack „Wir waren hier“ und sie führen das OSWALD’sche Sounddesign charmant, gefühlvoll, druckvoll und fokussiert weiter. Der Longplayer lädt zu einem kurzweiligen Trip ein, eine Track-Sammlung für die Nacht, den Tag, die Dämmerung, für Begegnungen und Erinnerungen – und für einen Sommer, der nie endet. 9 Synthie Lauper
Various Artists
Total 26 (Kompakt Records)
Was man wissen könnte: Im Periodensystem hat das Element Eisen (Fe) die Ordnungszahl 26. Es besitzt 26 Protonen im Atomkern. Ein Würfel hat 26 Elemente: 6 Flächen, 12 Kanten und 8 Eckpunkte. Was man wissen sollte: Kompakt Records präsentiert die 26. Ausgabe seiner „Total“-Reihe – natürlich im Jahr 2026. Wie nur wenige Compilation-Serien im elektronischen Bereich zieht „Total“ zuverlässig Jahr für Jahr seine Bahnen und versorgt uns mit duften Tracks aus dem Kompakt-Umfeld. Newcomer treffen hier auf alte Hasen und heraus kommen zehn Tracks mit Stoßrichtung Dancefloor. Wo fängt man da an? Vorne! Der Kölner DJ H0TLINE liefert mit „Xtasy“ einen super Einstieg, fröhlich und gut etikettiert. Frankey & Sandrino liefern uns mit „Disruption“ eine hypnotische Abfahrt, Team 85E, neu formiert um Kompakt-Dauergast Jörg Burger, nimmt sich einen Song von Ton, Steine, Scherben ordentlich zur Brust und Michael Mayer, Teil des Kompakt’schen Dreigestirns, schickt uns mit „Burn Attitude“ auf die Piste und aus Robag Wruhme poltert ein „Sabrah Desah“ heraus. Ja, weiter so, es kommen auch noch die restlichen beiden vom Dreigestirn (Paape, Voigt), SOG, Tee Mango und Orlando Voorn. „Fett“, wie man hier in Wuppertal zu sagen pflegt. 9 Schranz Beckenbauer
Aus dem FAZEmag 176/10.2026