Platten des Monats – September 2025 – Alben & Compilations

Alben & Compilations – Platte des Monats

Kalipo
Alles (Iptamenos Discos)
Ich finde die neue Richtung, die Kalipo seit einiger Zeit mit seinen Veröffentlichungen auf Iptamenos Discos einschlägt, verdammt gut. Daher ist „Alles“ auch mein Album des Sommers. Es hat alles, was ich von einem tanzbaren Dark Wave Album erwarte, und ist dabei doch so viel mehr als bloß die Neuauflage eines schon oft gehörten Sounds. Das Album verbindet düstere Club-Energie, verspieltes Indie-Songwriting und analoge DIY-Produktion und setzt seine künstlerische Reise mutig fort: rau und kantig, aber immer voller Herzblut. Die Melancholie der frühen Werke trifft auf coole Beats, Gitarren und Bässe und eine deutlich verstärkte Präsenz der Stimme. Immer wieder kombiniert er Synth-Arpeggios, hämmernde Four-on-the-Floor-Drums und schimmernde Gitarren mit eingängigen Vocal-Hooks und destilliert so die Essenz seines ganz eigenen Sounds. Anspieltipp: Crimson Rain. 10 Transmitter

Alben & Compilations – Top Five

Kerala Dust
An Echo Of Love (Play It Again Sam)
„An Echo Of Love“ – nicht nur der Titel klingt tiefgründig, die Musik und der Inhalt sind es auch. Die britische Band rund um Frontsänger „Ed“ Edmund Kenny, die zwischen Berlin und Zürich lebt, veröffentlicht mit ihrem dritten Longplayer den emotionalsten bisher. Das Werk entstand an den verschiedensten Orten rund um den Globus inzwischen eines ausgedehnten Tourlebens, das einige Beziehungen der Bandmitglieder auseinandergehen ließ. Die Bedeutung des Albums fällt folglich gar nicht unbedingt positiv aus, sondern direkt. Man wollte das auf den Punkt bringen, was man fühlt, so Ed. Musikalisch bedeutet das erneut eine Fusion aus Techno und Rock – genauer gesagt finden Techno, Krautrock, Punk und Americana einen Platz in den Tracks, wenn man in Genreschubladen denkt – allerdings stets miteinander verworren. Hinzu fügen sich sentimentale Texte des Sängers, die Intimität und Verletzlichkeit ausdrücken, gleichzeitig aber auch irgendwie Stärke. Die Stücke fallen mal ruhiger aus, mal lauter, mal rockiger, mal technoider. Für Fans alternativer Independent Techno-Rock-Fusions-Klänge abseits des Konventionellen ist „An Echo Of Love“ definitiv ein Must-Hear. (9/10) Davy D.

Markus Schulz
In Search of Sunrise 21 (Black Hole)

Nach über zwei Jahrzehnten „In Search of Sunrise“ übernimmt Markus Schulz voll und ganz die Rolle des kreativen Leiters und entwickelt die Serie zu etwas, das nicht nur reflektierend, sondern visionär ist. „Die Welt hat sich verändert. Die Musik auch. Aber das Bedürfnis nach Zuflucht, nach Träumen und nach Gefühlen – das bleibt.“ Zum ersten Mal wird das Ganze als drei einzelne Veröffentlichungen über die Saison hinweg erscheinen. Jede Disc soll Raum bekommen, nachzuklingen, zu berühren und sich in ihrer eigenen Zeit zu entfalten. „The Awakening“ liefert zum Start organische Texturen, tiefe progressive Rhythmen, melodischen Techno, Ambient-Atmosphären und emotional reiche, nachdenkliche Töne. Die Liste an Interpreten liest sich episch. Mit dabei sind u. a. London Grammar, Sasha, Deep Dish, Paul Oakenfold & Hernan Cattaneo, Korolova, Cosmic Gate, Jerome Isma-Ae sowie Markus Schulz selbst unter seinem Dakota-Alias und zwei exklusiven Tracks. 08/10 scharsigo

Myd
Mydnight (Ed Banger Records)
Kaum läuft die erste Seite von „Mydnight“, wird klar: Myd hat sich vom verspielten Indie-Elektroniker zum veritablen Dancefloor-Architekten entwickelt. Tracks wie „In My Head“ mit Carlita oder das finale „The Wizard“ sind direkt auf den Club ausgerichtet – treibend, detailverliebt, aber nie zu ernst. Man hört, dass dieses Album auf Tour entstanden ist – zwischen Festivals, Afterhours und Twitch-Streams. „So High“ fällt mit seinen Samba-Rhythmen und Stadion-Pfeifen etwas aus der Reihe, funktioniert aber überraschend gut – ein augenzwinkernder Sommertrack mit französischem Elektro-Einschlag. Dagegen steht das ruhige „Be Someone New“ mit Bethanie Home: ein zurückgenommenes Stück, das Tiefe bringt und kurzzeitig die Energie runterfährt. „Mydnight“ lebt von Kontrasten – zwischen Euphorie und Nachdenklichkeit, zwischen Politur und DIY-Spirit. Nicht jeder Track zündet sofort, aber in der Summe entsteht ein Album, das sowohl im Club als auch beim Kopfhörerhören funktioniert. Ein logischer nächster Schritt in Myds Diskografie – und ein klarer Fingerzeig in Richtung Dancefloor. 9 Laenkford

Pendulum
Inertia (Mushroom Music / Virgin Music Group / Integral)

Die britisch-australischen Elektronik-Legenden sind zurück! Thematisch geht es auf der LP vor allem um kreative Freiheit sowie Existenzfragen zur Band. Letzteres beantworten bereits ihre erfolgreichen Upgrades der Live-Shows, ohne nervige MCs und Knife-Party-Dubstep, aber sehr hochwertigen Visuals. Die Truppe kickt besser als je zuvor. Ihr Album ist dabei weniger überraschend, weil sich dort durchweg alle Tracks aus der 2023er EP „Anima“ („Halo“, „Colourfast“, „Mercy Killing“ & „Silent Spinner“) und der 2021er EP „Elemental“ („Driver“, „Nothing For Free“, „Louder Than Words“ & „Come Alive“) sowie die von 2024 bis August 2025 gedroppten Vorab-Singles „Napalm“, „Save The Cat“, „Cannibal“ und „Guiding Lights“ befinden. Zwei der bis zur VÖ unbekannten Tracks sind zudem „nur“ Interludes. Heißt: Nur die trancy-poppigen „Archangel“ und „Cartagena“ sind wirklich neu. Am Ende wird das den eingefleischten Fans egal sein, denn immerhin mussten sie rund 15 Jahre auf ein neues Studio-Album der Band warten. Und es lohnt sich, von Modern Metal, DnB bis Prog Rock und Synth-Klängen ein Brett! 09/10 scharsigo

Dolly 15YRS
(Dolly)
Zum 15. Jubiläum Release Steffi eine umfangreiche Compilation, die dem Erbe ihres Labels gerecht wird. Auf 26 Tracks toben sich die von ihr ausgewählten Produzenten aus und liefern dabei eine breite Palette an Sounds. Es reicht von eher an House angelehnte Sounds über klassischen Techno und Hardgroove bis hin zu eher experimentellen Klängen. Die Songs stammen von Basic Soul Unit, Rosati, Luke Hess, Stenny, VIL oder Interstellar Funk. Die Bandbreite ist also sehr weit. Die Qualität der einzelnen Songs ist dabei überdurchschnittlich gut, so dass ich keinen Favoriten ausmachen kann. Wenn das nicht die beste Compilation des Jahres wird, wäre ich wirklich sehr verwundert. Auf die nächsten 15 Jahre! 10 Transmitter


Aus dem FAZEmag 163/09.2025