Alben & Compilations – Platte des Monats
Bonobo
Distance In Static (Ninja Tune)
Für sein neues Studioalbum holte sich der 50-jährige Engländer gleich eine ganze Reihe an spannenden Kollabos ins Boot, zu denen Arooj Aftab, Joy Crookes, Nilüfer Yanya, Ichiko Aoba, Nicole Miglis (Hundred Waters) und Aanya Martin zählen. Die insgesamt 14 Tracks sind entweder instrumental oder unterteilen sich in Englisch, Urdu und Japanisch. Zudem werden mal historische iranische Samples, mal Guzheng-Aufnahmen verarbeitet. Das Album wird durch und durch mit melodisch-verträumten Klangwelten bestückt, liefert aber keineswegs nur Downtempo oder Ambient-Vibes. Neben der Vorabsingle „Me And You“ sind es vor allem „Talk To Me“ mit seinen Breaks und die Uplifting-Garage-House-Nummer „Uncasually“, die mich an gute Zeiten in UK erinnern und mein Clubhirn happy machen. 10 scharsigo
Alben & Compilations – Top 5
DJ Spen presents
The Praise Party Album (Quantize Recordings)
Es gibt nicht Vieles aus der Zeit der Pandemie, an das man sich gerne erinnert. DJ-Livestreams gehören aber definitiv dazu. Gospel-House-Ikone DJ Spen stärkte in dieser Zeit seine Community enorm und sein Studioalbum „The Praise Party“ möchte daran anschließen. Das Herzensprojekt umfasst insgesamt 15 Tracks, die nicht nur die Stimmung anheben, sondern auch das Tanzbein animieren. Trotz mehr als zehn grandiosen „Avengers“ der Vocal-Szene und sechs weiteren Artist-Kollabos verliert das Album zu keiner Zeit die Linie. Im Gegenteil. Wir bekommen feinste House Music mit Piano-Klängen, jeder Menge Soul und Chören geboten. Die erste Single „When I Needed You Most“ mit seiner Ehefrau Tasha LaRae und der Opener „Total Praise“ mit Shawn Hibbler bilden dabei meine beiden Highlights. Ein Album, das von Anfang bis Ende durchgehört werden muss. 9 scharsigo
Floating Points
Mere Mortals (Deutsche Grammophon)
Der britische Komponist, Produzent, Musiker und DJ Floating Points präsentiert mit „Mere Mortals“ sein bisher vielleicht ambitioniertes Werk, eine Ballettpartitur für das gleichnamige Stück. Beauftragt wurde Sam Shepherd, so sein bürgerlicher Name, von Tamara Rojo, Artistic Director des San Francisco Ballet. Im Januar 2024 feierte es mit der Choreografie von Aszure Barton Uraufführung. Das Werk erzählt den Pandora-Mythos neu, inspiriert auch durch Hannah Ekholms Vergleich mit dem Manhattan-Projekt und Natalie Haynes‘ Blick auf Frauenfeindlichkeit im Mythos. Für die Deutsche Grammophon hat Shepherd „Mere Mortals“ nun mit dem San Francisco Ballet Orchestra eingespielt – 14 Stücke aus Streichern, Bläser und Elektronik, die eine ungeheure Dichte und Dramatik aufweisen. Fesselnde Percussions, fein ziselierte Elektronik, druckvolle Bläser, schwebende Streicher, knisternde Beats, Momenten der Stille, des Innehaltens und dann Aufbruch, Ausbruch und Dissonanz – das alles gut durchmischt, choreografisch abgestimmt und spannungsvoll komponiert. Floating Points schafft hier ein atmosphärisch dichtes und beeindruckendes Werk. 10 Ludwig van Beathoven
Future Sounds Of Jazz Vol. 16
(Compost Records)
1995 startete Compost-Head Michael Reinboth die aufregende Reihe „Future Sounds Of Jazz“. Der Titel zeigt auch ziemlich exakt, worum es ihm bei dieser Compilation-Reihe geht, Jazz mit all seinen Verzweigungen in die Zukunft zu transferieren, den Spirit dieser Musik weiterzutransportieren und dabei aber auch ausgelatschte Pfade zu verlassen. Mehr als vier Jahre nach der 15. Ausgabe hat sich Reinboth dieses Mal einen Mitstreiter bei der Trackauswahl an Bord geholt, Michael Rütten aus Frankfurt/Main, Die beiden verbindet ein langjähriges freundschaftliches Band und Rütten trägt diesen Spirit seit vielen Jahren als DJ und Radioselektor (soulsearching) mit. Insgesamt präsentieren die beiden 20 Tracks (15 auf der Vinyl-Compilation) – davon drei exklusiv und fünf erstmals auf Vinyl. Eine ausgezeichnete, abwechslungsreiche und geschmackssichere Auswahl an Tracks werden hier den Hörer*innen präsentiert. So findet sich hier Felix Laband, der mit „No Stars Did Glow“ (exklusiv!) ein drummiges, bassiges und futuristisches Stück Musik abliefert, die legendären Beanfield (in deren Anfangsjahren auch noch Reinboth dabei war) sind mit einem Klassiker aus dem Compost-Katalog dabei: „Catalpa“. Ein grooviger, perkussiver Track mit Latin-Elementen und Jazz-Freigeist. Aus Wuppertal ist Charles Petersohn mit seinem nujazzigen, Afrobeat-getriebenen und sehr smoothen „Zu Zu Music“ dabei und Brittany aus Seattle liefert mit „Sun And Moon“ einen analogen Song (Gesang, Piano, Drums, Bass) voller Wärmer und Poesie ab. Rütten selbst – wie auch Reinboth mit „As If By Magic“ – ist auch mit seinem Projekt Soulpatrol und dem „Track Love Variations Pt. 1“ dabei – hier im Remix von Charlie Dark (Attica Blues), ein zeitloses Juwel. Und so reiht sich ein guter Track nach dem anderen hier auf der 16. Ausgabe der „FSOJ“, eine wirklich gelungene Zusammenstellung. 10 Dieter Horny
Roubix
Error 404 (ZYX)
Das in London ansässige Italo-Disco- und Eurodance-Projekt, u. a. bekannt aus dem Casting für den san-marinesischen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest 2024 oder durch Tracks wie „Faster Than A Bullet“, präsentiert mit „Error 404“ sein Debütalbum. Wer auf Disco, Italo-Vibes und Eurodance steht, wird hier voll auf seine Kosten kommen. Ebenso diejenigen, die ein Herz für die 80er und 90er haben. Ich will euch das nicht vorenthalten, ich höre da auch Modern Talking heraus. Doch spannend ist, dass zwischendurch in Songs wie „Disco Call Me“ oder „Touch Me Slow“ auch mal der Druck auf den Kicks erhöht wird und wir beinahe moderne EDM-Effekte, die an Madeon oder Skrillex erinnern, geliefert bekommen. Mit Arpeggios bekommt man mich ohnehin immer. Im Großen und Ganzen einfach tanzbarer Dance-Pop, der sich und die Zeiten ernst nimmt, ohne schwermütig zu wirken. 8 scharsigo
GomorraEmere Me (Sodom Sound)Gomorra legt mit „Emere Me“ eine acht Tracks starke LP mit geballtem Techno aus der Finsternis vor. „Kind Der Nacht“ eröffnet mit beatlosen, flächigen, galaktisch angehauchten Sounds und setzt den mystischen Ton der Platte. „Kaufe Mich“ stompt schön dumpf und lässt eine hypnotische Synth-Line beharrlich kreisen. Später wird „Hong Kong“ deutlich dystopischer, mit verzerrten Texturen und dunkler Stimme aus dem Off, während das verhallte „Ripper“ wohl am deutlichsten auf den Dancefloor verweist. „Sturmwarnung“ hält die Unruhe mit sägenden Sounds hoch, bevor das tolle Ambient-Stück „Abspann“ die Platte ins Finish schweben lässt. 8 Laenkford
Aus dem FAZEmag 175/09.2026