
Mit „Liminal“ veröffentlicht die britische Komponistin und Pianistin Poppy Ackroyd ihr mittlerweile siebtes Album – und zugleich eines ihrer persönlichsten Werke. Die für ihre außergewöhnliche Verbindung aus Neoklassik, Ambient und experimenteller Electronica bekannte Musikerin kehrt dabei zu ihrem künstlerischen Kern zurück: Klavier und Violine. Jeder Klang auf „Liminal“ entsteht ausschließlich aus diesen beiden Instrumenten – von sanften Melodien bis hin zu perkussiven Texturen. Entstanden ist das Album in einer Phase tiefgreifender Veränderungen, geprägt von Umzug, Mutterschaft und Verlust. Im Gespräch erzählt Ackroyd von kreativen Einschränkungen, der Kraft von Natur und Ruhe sowie davon, warum ihre Musik für sie immer auch Geschichten erzählt.
Seit Beginn ihrer Karriere steht für Poppy Ackroyd vor allem ein Instrument im Zentrum: das Klavier. „It has always been my first love“, sagt sie. Besonders fasziniert sie bis heute die enorme klangliche Vielfalt des Instruments. „Once I discovered how many infinitely different sounds could be made not just from the keys but also the strings, wooden body and cast iron frame I have never stopped loving arranging these sounds and finding new ways to put them together.“ Genau diese Detailverliebtheit und ihr Gespür für fragile Klangwelten prägen auch „Liminal“.
Das Album wirkt dabei auffallend leicht, fast schwerelos. Ein bewusster Ansatz, wie Ackroyd erklärt: „This is exactly how I wanted it to feel – light, airy and weightless – but also with a wilder undercurrent that appears at points.“ Gleichzeitig entstand die Musik in einer emotional herausfordernden Zeit. „I had just moved across the country, had a baby and lost my father“, erzählt sie. „I didn’t feel lost, but I did feel like I didn’t have a solid anchor.“ Der Albumtitel „Liminal“ – ein Begriff für Übergangszustände – spiegelt genau dieses Gefühl wider: „Everything was a bit chaotic and messy and my feet didn’t feel firmly on the ground.“
Eine entscheidende Rolle spielte dabei auch ihr neues Zuhause fernab urbaner Hektik. Zum ersten Mal lebt Ackroyd nicht mehr mitten in einer Stadt, sondern „in the hills on the side of a valley and surrounded by ancient woodland“. Diese Ruhe habe ihre Musik unmittelbar beeinflusst: „It is so quiet and peaceful here, it has given the music more space.“
Obwohl „Liminal“ ausschließlich aus Klavier- und Violinklängen besteht, empfindet Ackroyd diese Beschränkung keineswegs als Einschränkung. Im Gegenteil: „I find working with limitations so helpful when making music as it feel like I can let the music take me anywhere.“ Gerade die Konzentration auf wenige Klangquellen sorge für eine besondere Geschlossenheit: „The cohesiveness of the sound world makes it all just work together.“ Auch die einzelnen Stücke des Albums versteht sie als verschiedene Facetten eines persönlichen Veränderungsprozesses. Songs wie „For Those Who Wait“, „Shimmer“ oder „Continuum“ greifen dabei unterschiedliche emotionale Zustände auf. „Some portray a lightness and stillness and others something more wild and more frantic“, erklärt sie. Gleichzeitig habe sie während dieser Zeit gelernt, „how strong I could be when dealing with several big life challenges at once.“
Trotz aller Komplexität wirken Ackroyds Kompositionen niemals überladen. Ihre Musik balanciert Präzision und Emotionalität mit beeindruckender Selbstverständlichkeit. Für sie selbst ist der kreative Prozess dabei fast intuitiv: „I have always felt like the music already exists and I am just trying to find it.“ Gearbeitet werde so lange, „until everything feels as it should be“. Erst wenn „nothing jumps out at me“ und auch nach einer Pause keine Änderungen mehr nötig erscheinen, gilt ein Stück als abgeschlossen.
Dass ihre Musik häufig als „cinematisch“ beschrieben wird, überrascht Ackroyd nicht. „My music is always telling a story so I think it fits well“, sagt sie. Deshalb arbeitet sie live regelmäßig mit visuellen Elementen zusammen. Gemeinsam mit dem Künstler Tom Newell entstehen Projektionen, die den emotionalen Charakter ihrer Musik unterstützen, dabei aber „still give the audience a lot of space for their own interpretation“. Genau darin liegt letztlich auch die besondere Stärke von „Liminal“: Das Album erzählt Geschichten, ohne sie jemals vollständig vorzugeben.
Aus dem FAZEmag 172/06.2026
Text: Triple P
Foto: Nikita Laganovskis
www.instagram.com/poppyackroyd