Praecox im Gespräch: Über sein neues Album, Clubkultur und Studioarbeit

Mit „Large Kimono“ hat der polnische DJ und Produzent Jurek Przeździecki alias Praecox ein neues Album auf BPitch Control veröffentlicht. Musikalisch bewegt sich der langjährige Szene-Akteur zwischen Techno, experimenteller Elektronik und Einflüssen aus seiner Psytrance-Vergangenheit. Gleichzeitig versteht er das Album als Gegenentwurf zu einer zunehmend von Algorithmen und musikalischer Gleichförmigkeit geprägten Clubkultur. Wir haben mit ihm über die Zusammenarbeit mit Ellen Allien, seine kritische Sicht auf die heutige Clubkultur sowie seine Studioarbeit und Live-Performances gesprochen. Außerdem verrät er uns, was sein nächstes Album bereithält und welche Orte man bei einem Besuch in Warschau nicht verpassen sollte.

Dein neues Album „Large Kimono“ ist auf Ellen Alliens Label BPitch Control erschienen. Der erste Kontakt kam direkt über Instagram zustande. Was macht BPitch Control für dich zum richtigen Label für diese Veröffentlichung?

Die Geschichte ist eigentlich ganz einfach. Ich hatte das Material fertig, sah einen Post von Ellen auf Instagram und beschloss spontan, ihr zu schreiben und zu fragen, ob sie es sich anhören möchte. Sie antwortete sehr schnell, und so kamen wir ins Gespräch. BPitch Control stand für mich schon immer für einen offenen Umgang mit Musik – ohne starre Grenzen und ohne festgelegte Genre-Konventionen. Diese Haltung liegt mir sehr nahe. Ellen Alliens Label war für mich schon früher eine wichtige Inspirationsquelle, insbesondere in der Zeit, als ich mich vom Psytrance weg und in Richtung Techno und Minimal Techno bewegte. Mir hat immer gefallen, dass sich BPitch nie auf eine bestimmte Ästhetik festgelegt oder versucht hat, Musik in ein einziges Format zu pressen. In einer Welt der elektronischen Musik, die sich zunehmend innerhalb sehr enger stilistischer Grenzen bewegt, ist diese Freiheit für mich besonders wertvoll. Deshalb fügt sich „Large Kimono“ für mich auch ganz selbstverständlich in den Katalog des Labels ein.

Du beschreibst „Large Kimono“ auch als Gegenentwurf zu einer zunehmend von Algorithmen bestimmten Musikwelt. Was beschäftigt dich an der aktuellen Entwicklung elektronischer Musik und Clubkultur am meisten?

Die Tatsache, dass sich die Kultur und die Art und Weise, wie wir Musik erleben, auf eine Weise verändern, die möglicherweise unumkehrbar ist. Immer häufiger geht es den Hörern nicht mehr darum, Kunst in ihrer Individualität zu erleben, sondern vielmehr darum, Teil eines standardisierten, eventorientierten Systems zu sein, in dem die eigene Identität an Bedeutung verliert und durch die Wiederholung bewährter Muster ersetzt wird. Ich habe außerdem den Eindruck, dass Bildung, kreativer Ehrgeiz und der Wunsch nach Veränderung innerhalb der Clubkultur an Bedeutung verlieren, obwohl sie über viele Jahre zu ihren Grundlagen gehörten. DJs haben die Möglichkeit, die musikalische Wahrnehmung ihres Publikums zu prägen, Menschen das bewusste Zuhören näherzubringen und ihnen neue Horizonte zu eröffnen. Heute gerät diese Rolle allzu oft in den Hintergrund. Musik weicht zunehmend dem Entertainment, der Bühnenpersona und der gesamten visuellen Inszenierung eines Künstlers, die immer häufiger zum eigentlichen Unterscheidungsmerkmal wird. Die Musikauswahl selbst kann diese Funktion immer seltener erfüllen, weil sich so viele Tracks innerhalb einer sehr ähnlichen Klangsprache bewegen. Meine Musik war schon immer ein Gegenentwurf zu dieser Denkweise. Ich entscheide mich ganz bewusst für Risiko, Individualität und Unvorhersehbarkeit – und daran habe ich auch nicht vor, etwas zu ändern.

Im Hinblick auf dein Studio redest du eher von einem „lebenden Organismus“ denn als einen Ort, an dem möglichst effizient Tracks produziert werden sollen. Welche Rolle spielte Hardware bei „Large Kimono“, und wie viel Raum lässt du beim Produzieren für Zufälle, Fehler und Improvisation?

Hardware spielt in meinem Produktionsprozess eine sehr wichtige Rolle, aber ich mache keinen Fetisch daraus. Früher habe ich nach einer Art analogem Dogma gelebt, während ich Werkzeuge heute wesentlich pragmatischer betrachte. Die Unterscheidung zwischen analog und digital interessiert mich nicht mehr. Entscheidend ist, ob ich mit einem bestimmten Werkzeug das gewünschte Ergebnis erzielen kann, ohne bei der Qualität Kompromisse einzugehen. Was sich nicht verändert hat, ist meine Arbeitsweise: Improvisation, die Interaktion mit dem Equipment, Feedback und die unmittelbare Reaktion auf das, was gerade passiert.

Bei „Large Kimono“ war dieses Element der Unvorhersehbarkeit und Überraschung besonders wichtig. Ich lege nie im Voraus fest, womit ein Track beginnen soll. Manchmal ist es ein Rhythmus, manchmal ein Sound, den ich beim Experimentieren mit Hardware zufällig entdecke, und manchmal sind es mehrere Stunden Improvisation am Buchla. Ich verändere ganz bewusst die Reihenfolge, in der ich eine Komposition aufbaue, denn schon so etwas Einfaches kann das Ergebnis komplett verändern. Wenn ich mit den Drums beginne, entwickelt sich ein Track völlig anders, als wenn der Rhythmus erst gegen Ende des Arrangements hinzukommt.

Zufälle, Fehler und Improvisation sind deshalb keine Ergänzung meines Produktionsprozesses, sondern ein wesentlicher Bestandteil meiner kreativen Arbeitsweise. Ich versuche, Bedingungen zu schaffen, unter denen etwas entstehen kann, das ich vorher nicht hätte voraussehen können. Genau dann beginnt für mich der interessanteste Teil des Prozesses. Das Studio ist deshalb eher ein lebender Organismus als ein durchorganisiertes Produktionssystem. Es soll mich inspirieren und überraschen, denn oft entstehen gerade aus solchen Momenten die interessantesten Dinge.

Welche Geräte in deinem Studio sind für dich absolut unverzichtbar und kommen bei nahezu jeder Produktion zum Einsatz?

Der Cirklon-Sequenzer ist das Herzstück meines Studios und steuert praktisch die gesamte Hardware. Er läuft ständig im Hintergrund, sodass ich jederzeit spontan eine neue Sequenz erstellen und sie unmittelbar über ein beliebiges Instrument abspielen kann. Der SH-101 wiederum wird häufig als Instrument mit „nur einem Preset“ beschrieben. Einerseits ist diese Beschreibung etwas unfair, andererseits zeigt sie aber auch, wie viel Feingefühl und Magie sich aus einem vermeintlich so einfachen Instrument herausholen lassen.

Der Buchla ist für mich eine völlig andere Welt – ein atonales Universum mit nahezu unbegrenzten Möglichkeiten zur Klanggestaltung. Oft nehme ich damit sehr lange improvisierte Sequenzen auf. Manchmal mache ich aber auch genau das Gegenteil, sample einzelne Sounds und erschaffe daraus etwas völlig Neues. Und schließlich darf der NIIO Iotine Core 3 nicht fehlen. Dieses Gerät hat meinen Sound maßgeblich geprägt und liefert mir bis heute sehr häufig genau das, wonach ich suche.

Du produzierst viel mit Hardware und spielst deine Tracks auch live. Wie passt du dein Setup technisch an die Bühne an, ohne dein gesamtes Studio mitnehmen zu müssen?

Mein Live-Setup war früher wesentlich größer. Im Mittelpunkt standen ein 24-Kanal-Mixer, Sampler, Synthesizer und ein PC, der über MIDI mit dem restlichen System verbunden war. Heute hebe ich mir hundertprozentige Improvisation und das vollständige Erschaffen von Musik auf der Bühne hauptsächlich für besondere Auftritte mit anderen Musikern auf, beispielsweise im Rahmen des Projekts IN:MERSE.

Bei regulären Live-Shows geht es mir vielmehr darum, den wiedererkennbaren Charakter meiner veröffentlichten Musik mit der Möglichkeit zu verbinden, spontan auf das Geschehen auf der Bühne zu reagieren. Vor etwa 15 Jahren habe ich fast ausschließlich improvisierte Musik gespielt, in die ich Elemente meiner eigenen Kompositionen eingebaut habe. Der große Reiz lag in der völligen Spontaneität. Der Nachteil war allerdings, dass häufig kein klarer Bezug zu der Musik bestand, die die Leute von meinen Veröffentlichungen kannten. Das Publikum hat mir oft deutlich gemacht, dass es auch etwas Vertrautes hören möchte.

Heute arbeite ich im Wesentlichen mit zwei Setups. Das erste basiert auf einem kleinen Modularsystem, das ich zum Improvisieren nutze, und einem Octatrack mit vorbereiteten Loops aus meinen Tracks. So kann ich meine eigene Musik live neu arrangieren und habe gleichzeitig genügend Freiraum für spontane Ideen. Das zweite Setup ist eher hybrid aufgebaut. Hier verwende ich einen Octatrack und einen Digitakt II. Ich spiele meine veröffentlichten Tracks in Form von Stems und wechsle zwischen diesen und Sequenzen, die ich live entwickle und arrangiere. Außerdem versuche ich, mein Setup an die praktischen Gegebenheiten des jeweiligen Veranstaltungsortes anzupassen. Auf der Bühne ist häufig einfach nicht besonders viel Platz, weshalb ich pragmatisch denken muss. Mindestens ein Instrument habe ich aber immer dabei, das mir echte Improvisationsmöglichkeiten bietet und bei Bedarf auch als solistisches Lead-Instrument dienen kann. In beiden Fällen ist mir vor allem eines wichtig: den wiedererkennbaren Charakter meiner Musik zu bewahren, ohne das Set jemals in eine starre, vorher festgelegte Form zu pressen.

Auf welche drei VST-Plugins könntest du im Studio auf keinen Fall verzichten?

Alchemy – dieser Synthesizer überrascht mich noch immer damit, wie natürlich und perfekt er sich in einen Mix einfügt. Er begleitet mich schon seit vielen Jahren, und ich halte ihn nach wie vor für eines der besten Software-Instrumente. FabFilter Pro-Q 4 und Pro-C 3 sind praktisch in jedem meiner Projekte vertreten. Zu diesen Werkzeugen greife ich fast automatisch, weil sie mir enorm viel Kontrolle und Präzision bieten, ohne den Workflow unnötig zu verkomplizieren. Das dritte Plugin ist der Vertigo VSM-3. Ich nutze ihn schon seit vielen Jahren und greife besonders dann gerne darauf zurück, wenn es beim Mixen etwas schwieriger wird und einem Mix noch Charakter, Energie oder die richtige Dichte fehlt.

Nach deinem aktuellen Album steht für Herbst 2026 bereits das nächste in den Startlöchern. Was kannst du uns darüber schon verraten, und wie unterscheidet es sich von „Large Kimono“?

Es wird ein Techno-Album, das unter meinem bürgerlichen Namen Jurek Przeździecki auf International Day Off Records erscheint. Diese Veröffentlichung ist für mich besonders wichtig, weil die Tracks eine Art Rückblick auf die vergangenen fünf Jahre darstellen. Die älteren Stücke habe ich neu abgemischt, damit sie klanglich mit dem aktuelleren Material auf Augenhöhe sind. Auch die Tempi variieren zwischen 128 und 143 BPM, und stilistisch sind die Tracks sehr unterschiedlich. Wenn ich ein bekanntes Klischee bemühen wollte, könnte ich sagen, dass für jeden etwas dabei ist. Für mich persönlich ist es aber vor allem eine Art Tagebuch oder musikalisches Archiv, das ich mit den Hörern teilen möchte. Ich möchte mit dem Album zeigen, dass ich weder stehen bleibe noch einen Gang zurückschalte oder mich in irgendeine bestimmte Schublade stecken lasse. Es wird sich in nahezu jeder Hinsicht von „Large Kimono“ unterscheiden. Eine Sache verbindet die beiden Alben allerdings: Auf beiden bin ich von Anfang bis Ende einfach ich selbst.

Was hörst du abseits der elektronischen Musik gerne? Welche Bands oder Künstler inspirieren oder begeistern dich momentan besonders?

Abseits der elektronischen Musik greife ich hauptsächlich auf härtere Klassiker zurück, die ich schon vor vielen Jahren gehört habe – Hardcore, Punk und Metal. Diese Musik gibt mir bis heute viel Energie, und ich verbinde eine Menge persönlicher Erinnerungen damit. Bad Brains und Hatebreed begleiten mich regelmäßig auf dem Weg ins Büro.

Was sollte man in Warschau auf keinen Fall verpassen? Welche Clubs, Bars oder anderen Orte würdest du Besuchern für einen gelungenen Abend empfehlen?

Was Clubs angeht, empfehle ich immer das Smolna und das Jasna 1 – vor allem wegen der hohen musikalischen Qualität und der sicheren Atmosphäre. Aber der Mensch lebt schließlich nicht vom Lärm allein.

Warschau hat viele großartige Parks, und ein Aufenthalt dort kann genauso lohnenswert sein wie eine Nacht im Club. Besonders mag ich die Parks im südlichen Teil des Stadtzentrums, darunter den Ujazdowski-Park. An warmen Tagen sind das perfekte Orte für ein Picknick und eine kleine Auszeit.

Auch in Sachen Kunst und Kultur hat Warschau einiges zu bieten. Es gibt zahlreiche großartige Galerien und Ausstellungen, weshalb es sich immer lohnt, nachzuschauen, was gerade in der Stadt los ist. Warschau entdeckt man meiner Meinung nach am besten nicht anhand einer einzigen Sehenswürdigkeit, die man unbedingt gesehen haben muss, sondern durch eine Mischung aus all diesen unterschiedlichen Erlebnissen.

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