Prins Thomas Blackbelt Andersen Lindstrom


Es ist Herbst in Norwegen. Die Südküste ist in dichten Nebel gehüllt, der zäh und unheilvoll über der Wasseroberfläche wabert. Umrisse werden sichtbar, die sich nach und nach zu einer konkreten Kulisse verdichten. Es sind Wikingerboote, randvoll mit finster drein blickenden und bis an die Zähne bewaffneten Kriegern …
Gut 1.000 Jahre später. Es kommen immer noch Schiffe aus Norwegen, jedoch größer als die der alten Kriegsflotten und im Pendelverkehr. An Bord sind Unmengen von Menschen, bewaffnet mit Reiseführern und Fotoapparaten. Norwegen ist mittlerweile nicht nur ein beliebtes Reiseziel, sondern auch im Bereich elektronischer Musik ein äußerst zuverlässiger und abwechslungsreicher Lieferant.
Herbst 2012 –wieder macht sich eine Flotte aus Norwegen auf, um den Rest des Kontinents zu erobern. Aber dieses Mal sind ihre Absichten friedlich, ihre Waffen sind musikalischer Natur – nennen sich z.B. Disco oder House – und laden zum Tanz ein. Herzlich Willkommen Thomas Moen Hermansen, Hans Peter Lindstrøm und Daniel Andersen.

Oslo – Hauptstadt Norwegens, laut „The Economist“ seit 2006 die teuerste Stadt der Welt, Wohnort der genannten drei Herren und wunderschön gelegen am Ende des gleichnamigen Fjordes. Rund 600.000 Einwohner leben dort – obwohl sehr teuer, ist die Stadt aber auch äußerst beliebt, wie auch bei unseren Protagonisten. Die veröffentlichen allesamt dieser Tage ihre neue Alben. Lindstrøm serviert uns „Smalhans“, Blackbelt Andersen und Prins Thomas jeweils ihre selbstbetitelten Werke mit dem Zusatz „II“ für das zweite Album.

Prins Thomas
Neben seinem zweiten Soloalbum erscheint dieser Tage auch noch eine EP des Prins Thomas Orkesters. Vier ausufernde Tracks – allesamt neue Versionen älterer Stücke –, die er zusammen mit Freunden mit echten Instrumenten neu eingespielt hat. Im Gegensatz zum Longplayer, der eine ordentliche Dance-Affinität hat, haben die Tracks Jam-Charakter, klingen experimenteller und krautiger. „Es war gar keine bewusste Entscheidung, beide Werke gleichzeitig zu veröffentlichen, obwohl ich an beiden gleichzeitig gearbeitet habe. Und letztlich repräsentieren sie mich schließlich gleichermaßen.“ Balance lautet das Stichwort, die ist für Thomas sehr wichtig. Sei es wie hier bei der Musik, sei es die Balance zwischen dem Musiker und DJ und natürlich zwischen der Reiserei als DJ und dem Zeit, die er zu Hause bei seiner Familie verbringen kann. Seinen achtjährigen Sohn Olav hat er bereits in seine Arbeit eingebunden, ihn beauftragte er mit der Gestaltung des Covers. „Ich lockte mit LEGO als Bezahlung und bekam dann recht flott das Artwork“, schmunzelt der zweifache Vater. Ebenfalls ein wichtiges Detail am neuen Album, allerdings auch generell ein wichtiges Detail, wenn es um sein Label Full Pupp geht, ist, dass sämtliche Releases – egal ob EP oder Album – auch als Vinylversion veröffentlicht werden. Diese Vorliebe spiegelt sich natürlich auch in seinen Sets wieder, die er mit dem schwarzen Gold absolviert. „Ich lehne ja nicht kategorisch MP3 oder digitales DJing ab. Bisher hatte ich aber noch nicht das Vergnügen, von jemandem mit Laptop richtig unterhalten worden zu sein. Liegt es daran, dass ich schon alle Guten gehört habe? MP3s sind bequem, um Promos zu checken, aber solch eine Bequemlichkeit ist mir egal. Wenn ich ein Buch lese, stelle ich es auch gerne ins Regal und wenn mir z.B. eine neue HBO-Serie gut gefällt, kaufe ich die DVD.“

feedelityLindstrøm
Hans-Peter releast in diesem Jahr schon sein zweites Album, denn Anfang des Jahres erschien schon „Six Cups Of Rebel“. Wie bei seinem regelmäßigen Kooperationspartner Thomas gibt es auch hier die Parallele zwischen experimentellem Schwerpunkt einerseits (SCOR) und dem Richtung Dancefloor schwingendem „Smalhans“ andererseits. Entstanden ist Album #2 unmittelbar im Anschluss an #1, innerhalb von zwei Monaten. „Normalerweise brauche ich zwei Jahre, um ein Album fertigzustellen, so dass ich mir gedacht habe, das als Bonus noch im gleichen Jahr zu veröffentlichen. Und weil das Ergebnis doch recht anders ist, spielte ich sogar mit dem Gedanken, die Tracks vom ‚Six Cups‘-Album zu verschrotten oder später zu veröffentlichen, zuerst also ‚Smalhans’.“
Letztlich blieb es doch bei der ursprünglichen Reihenfolge, und Lindstrøm hat nicht nur sechs Tracks im Köcher, die Anfang November auf seinem Label Feedelity (in üblicher Kooperation mit Smalltown Supersound) erscheinen, sondern auch eine Art Speisekarte. Jedes Stück wurde nach einem typischen norwegischen Gericht benannt, die Wörter dabei orthografisch leicht verändert: „Fāār-i-kāāl“ (Fårikål – Lamm mit Weißkohl) (Vossakorv – grobe Wurst) oder „Ęg-gęd-ōsis“ (Eggedosis – geschlagene Eier mit Whisky). Von Zeit zu Zeit kocht Hans-Peter gerne und ausgiebig zu Hause, experimentiert auch viel dabei. Das passiert normalerweise nach einer längeren Phase im Studio, so wie auch nach der Fertigstellung von „Six Cups Of Rebel“ der Fall. „In dem Moment realisierte ich erstmals, das Kochen mehr oder weniger ähnlich der Arbeit an Musik im Studio ist. Es geht darum neue Dinge auszuprobieren, Details auszuarbeiten, das Ergebnis vorherzusehen, Fehler zu machen, auf Reaktionen warten, was man anderen zum Probieren gegeben hat. Ich entschied mich also, diese beiden Felder etwas zu vermischen. Die norwegische Variante von Krautrock also“, schmunzelt der Hobbykoch.

blackbelt andersenBlackbelt Andersen
Die Karriere von Daniel „Blackbelt“ Andersen ist sehr stark mit der von Thomas verknüpft (die wiederum ja auch stark mit dem Werdegang von Hans-Peter Lindstrøm verknüpft ist …). Seine ersten Veröffentlichungen erschienen auf dem kanadischen Label Restructured Recordings und Thomas’ erstem Label Tamburin, sein Debütalbum vor drei Jahren auf Full Pupp. Das neue Werk beinhaltet Material aus den letzten zehn Jahren – Tracks, die damals schon anproduziert wurden und solche, die in wenigen Tagen entstanden sind. „Im letzten Jahr habe ich einige Monate lang viel Zeit in Prins Thomas’ Studio verbracht, der mir dabei half, neue Instrumente hinzuzufügen, das Ganze zu arrangieren und ihm neuen Schwung zu geben.“ So spiegelt das Album Daniels Einflüsse aus den drei vergangenen Jahrzehnten wieder. „Disco, Detroit Techno, echte Housemusik und auch ein bisschen Samba, wie man den Percussion-Parts erkennen kann.“ Auf dem Cover präsentiert sich der gebürtige Osloer ungestüm, unbezwingbar, voller Selbstbewusstsein. Diesen Moment hat Conrad McDonnell von den Idjut Boys festgehalten. „Es ist genau so, wie es aussieht, ich verwandle mich in Hulk Hogan. Muss mit dem Schnäuzer zu tun haben, den ich letztes Jahr trug.“ Das Foto entstand in Oslos Club Blå, in der regelmäßig die Full Pupp-Nacht stattfindet, und bildet einen schmunzelnden Kontrast zum aktuellen Cover des Label-Bosses.

Die Verknüpfungen der Herren sowie weiter Protagonisten wie Todd Terje Olsen, Marius Våreid, diskJokke oder Magnus International ist allgegenwärtig. Von außen betrachtet könnte man von einer Szene sprechen, von innen betrachtet sind die Verhältnisse viel mehr organisch und persönlich. Es sind gewachsene und verwurzelte Freundschaften und Arbeitsverhältnisse, die sich hier in Oslo gebildet haben – eine vollkommen unprätentiöse Gemeinschaft, die hier einen idealen Raum gefunden hat, in einer internationalen Metropole im Grünen mit verhaltener Hektik, in der man mit dem Rad sehr gut voran kommt und die eher an der Peripherie des europäischen Clubtreibens liegt. Nach langen Partynächten an den Plattentellern in Berlin, London oder Barcelona genau das Richtige, um sich zurückzuziehen, um mit Familie und Freunden die Zeit zu genießen oder sich in Ruhe um neue Produktionen zu kümmern. Terje, Thomas und Hans-Peter haben ihr Studio im gleichen Gebäude, es ist somit eine Art Keimzelle dieser Flotte, die gemütlich auf House- und Disco-Wellen rund um den Globus schippert, aber immer wieder gerne in ihren Heimathafen zurückkehrt, um dann wieder festzustellen: Oslo ist die schönste Stadt de Welt.

Prins Thomas, Lindstrøm & Blackbelt Andersen über bekannte norwegische Musiker:

Erlend Øye
PT: Der bekannteste norwegische Rotschopf?
HPL: Schön und komisch.
BA: Was ich gehört habe war gut, aber nichts, wonach ich „diggen“ würde …

Røyksopp
PT: Geniales Opossum.
HPL: Habe sie nur kurz mal getroffen, auf jeden Fall sehr talentierte Jungs.
BA: Kann ich wohl sagen, dass ich sie mehr mochte, bevor sie so groß wurden und nicht wie ein alter verbitterter Mann klangen?

Mental Overdrive
PT: Großer alter Großvater.
HPL: Superschön.
BA: Einer der Helden meiner Jugend und weiterhin Lieferant guter Sachen. Und ein sehr angenehmer Kerl.

a-ha
PT: Könige des Pop.
HPL: Ich liebe total ihr erstes Album.
BA: Auf den ersten Alben sind ein paar wunderbare Popsongs.

Edvard Grieg
PT: Ziemlich müde, ich bevorzuge Lindstrøms Melodien (hahaha …)
HPL: Oh, Worte können meine Liebe zu Grieg gar nicht beschreiben.
BA: Ich mag eigentlich nicht wirklich klassische Musik. Er natürlich ein paar musikalische Ikonen abgeliefert, an denen man nicht vorbeikam, als man aufwuchs.

www.blaaoslo.no
www.visitoslo.com/de

Artikel aus FAZEmag 009, 11.2012

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