Rico Puestel ist nicht einfach nur irgendein Musikproduzent. Bereits mit zwölf Jahren fing der Musiker aus Kiel an, Platten bei sich zu Hause zu drehen, mit 13 Jahren hatte er bereits seinen ersten Auftritt als DJ. „In der Retrospektive vermag ich alles als vorbestimmten Pfad, gepaart mit der gehörigen Ambition, Aufopferung und auch den gewissen glücklichen Zufällen zu benennen“, erzählt Puestel. „Diejenigen, die mir damals die Chance gaben, sollten wissen, dass sie an dieser Stelle nicht vergessen sind.“ Er merkt an, zu dem Zeitpunkt aktiver gewesen zu sein als heute, mehr als 20 Jahre später. 

Puestel mag heute weniger aktiv in der Liveszene sein, dafür ist er es umso mehr beim Produzieren und im Studio. Ganze vier Jahre Arbeit stecken in dem neuen Album “Obi Thine Xi“, das Ende September auf seinem Label Exhibition erschienen ist. „Die erste Idee zum Album war pure Intuition, gepaart mit dem gemeinhin nicht zu unterschätzenden Bauchgefühl“, erklärt der Musiker den Weg des Zwölf-Track-Albums. „In einer steten Flut neuer Produktionen entstanden gelegentlich Stücke, die ihre eigene Geschichte zu erzählen schienen, wie Kapitel eines Buches, deren Sinnzusammenhang sich erst über den Verlauf des Entstehungsprozesses herauskristallisieren muss – ein wenig wie im Film ,Memento´. Häufig waren es wirklich Träume und die verbleibenden Gefühlswelten, die jene Verbindungen zwischen den Realitäten entstehen ließen – ein Satz, der auch von David Lynch bzw. aus dem Kontext seiner Filme stammen könnte.“ 

„Obi Thine Xi“ ist ein Fantasiekonzept-Album, es soll unsere Wahrnehmung der Gegenwart erforschen. Laut Puestel beliefert uns die Umwelt selbst letztlich mit alledem, was wir brauchen oder jemals brauchen könnten – Inspiration sei überall zu finden. „Menschgeschaffene Strukturen und Routinen des Alltags drängen diese Omnipräsenz der Fantasie beflügelnden Quellen der Inspiration langfristig nur zu gerne in eine passive Unsichtbarkeit. Eine Umkehr dieser Entwicklung muss man sich wahrlich mühsam (wieder-)erarbeiten – dieser Prozess ist ,Obi Thine Xi´.“ Dieser „Prozess“ lässt sich durchaus hören. Mit Titeln wie „Modest Exhibition“ oder „DED2UUREFG00&AOBREFATSW93DIR#26“ schickt Rico Puestel seine Zuhörer*innen auf geistreiche Ausflüge durch einen wundersamen, ganzheitlichen Ort. Übrigens: Kryptische Titelnamen wie „DED2UUREFG00&AOBREFATSW93DIR#26“ findet man auf dem Album häufiger. Was dahinter steckt, möchte der Kieler DJ nicht verraten. „Würde ich die Frage zu konkret beantworten, wären Fragezeichen, das Rätseln, eine gewisse Magie und die Fantasie rasch geraubt.“

Einen Lieblingssong hat Rico Puestel laut eigener Aussage nicht, schließlich sei es die Grundvoraussetzung beim Album, dass jeder Track der Bedeutung eines persönlichen Lieblingsstückes gerecht werden sollte. „Müsste ich wiederum wählen, wäre es ,Modest‘: Es entspricht par excellence meiner eher wilden, assoziativen Denk- und Wahrnehmungsweise. Im Entstehungsprozess war es zweifelsfrei das aufwendigste Stück. Es ist nach dem russischen Komponisten Modest Mussorgsky benannt und ist zugleich ein deskriptiver Widerspruch in sich, da das Stück eigentlich überhaupt nicht ,modest´ (also schlicht oder zurückhaltend) ist“, verrät der Musiker.

Das Artwork von „Obi Thine Xi“ ist übrigens Handarbeit und stammt von der Künstlerin #itslisyeah. Eine Zusammenarbeit mit ihr als Malerin war für Puestel von Beginn an eine Grundvoraussetzung für das Label.  Auf die Frage, wie es sich anfühlt, ein Werk von vier Jahren Arbeit zu veröffentlichen, und ob Rico Puestel Angst vor den Reaktionen habe, antwortet er nur: „Alle denkbaren Emotionen eines Menschenlebens spielen für mich eine Rolle, solange gefühlt und erlebt wird. (…) Denn was ist Musik, die nicht gehört wird – was ist ein Mensch, der nicht erlebt und fühlt …“

 

Aus dem FAZEmag 116/10.21
Text: Magdalena Bojanowski
www.instagram.com/ricopuestel